Vom Visionär zum Archivar

Im Spätherbst 1966 befanden sich Pink Floyd erstmals in einem professionellen Studio, um ihr Debütalbum Piper at the Gates of Dawn aufzunehmen. Wir trafen Schlagzeuger Nick Mason, der in jahrelanger Kleinarbeit die Schnipsel für die 27 Bild- und Tonträger der Jubiläums-Box „The Early Years 1965-72" zusammengetragen hat. Und der erzählt, dass er demnächst zum ­ersten Mal in seinem Leben Schlagzeug-­Unterricht nehmen wird ...



von Sascha Krüger



©Getty

Wohl kein anderes Jahr dürfte die Geschichte und Geschicke der Pop- und Rockmusik entscheidender geprägt haben als das Jahr 1967. In Kalifornien fand das erste Monterrey Pop Festival statt, das als Wiege und kommerzielle Geburtsstunde zahlloser Künstler von Simon & Garfunkel über Otis Redding bis Jefferson Airplane gilt. Jimi Hendrix veröffentlichte ebenso sein Debütalbum wie andere Wegweiser zu neuen stilistischen Gefilden, etwa Cream oder The Doors. An der Ostküste erfand Bob Dylan zusammen mit The Band im Rahmen der „Big Pink“-Sessions das, was seither als Americana durch die Welt geistert, während The Velvet Underground im Schulterschluss mit Andy Warhol die Idee und Ideale von New Wave, Noise- und Artrock erstmals in Form von Kunsthappenings vorweg nahmen.

Und im bedeutendsten Studio des Swinging London, dem Abbey Road, trafen ungeplant zwei Ikonen der Popkultur aufeinander, die für die jeweils alte und neue Zeitrechnung des Pop standen: Während in Studio 2 die Beatles an ihrem Sergeant Pepper's-Meilenstein feilten und mit ihrem expressionistischen Orchester-Pomp für den konzeptionellen Höhepunkt des durchkalkulierten und radiotauglichen Arbeiterklassen-Pop der Sechziger standen, schraubte eine Tür weiter in Studio 3 eine noch junge Band von Architekturstudenten an einer neuen Form von experimenteller, improvisierter, intellektuell aufgeladener und vor allem hemmungslos psychedelischer Rockmusik: Pink Floyd begannen ihre einzigartige Studio-Arbeit, die – zumindest auf dem Papier – bis heute nicht offiziell beendet ist.
Es gibt eine schöne Anekdote aus dieser Phase: Eines Tages luden die Beatles, die Pink Floyd nur vom Hörensagen kannten (und mit deren Musik auch nicht viel anfangen konnten) die nur wenige Jahre jüngeren, aber doch zu einer völlig anderen Generation von Musikern gehörenden Pink Floyd in ihr Regie-Studio, um ihnen die Ehre zu erweisen, bei den Aufnahmen eines Songs zuzuhören. Es war ausgerechnet „Lovely Rita“, wohl der banalste und konventionellste Pop-Song auf Sergeant Pepper. Pink Floyd zeigten sich höflich, aber wortkarg, aber auch die Beatles hatten den langhaarigen Psychedelic-Spinnern nicht viel zu sagen. Wer sich Piper at the Gates of Dawn anhört, weiß warum: Hier waren zwei Bands in komplett unterschiedlichen musikalischen Universen unterwegs.

Schlagzeuger als Archivar

Verstanden, was diese junge Band anpackt und wie man ihre künstlerisch offenen Klang-Welträume deuten sollte, haben seinerzeit nur wenige – und erst recht kaum jemand, der nicht zum damals grassierenden LSD- und Marihuana-Trend tendierte. So existiert ein Interview aus dem Jahr 1968, das Bassist Rogers Waters der bereits damals tonangebenden deutschen Kulturfernsehsendung aspekte gab: Der (sicherlich hoch gebildete) Interviewer zeigte sich nicht nur unverständig, sondern völlig entrüstet ob der Neuartigkeit dieser Klänge und prophezeite der Band, sie werde bald wieder verschwinden, da sie sich bis zur absoluten Unverständlichkeit im Artifiziellen und Intellektuellen verrannt habe.

Dieses Interview ist nur eines von zahlreichen Artefakten, die auf der Super-Deluxe-Box The Early Years 1967-72 versammelt sind. In der Box, die sich bei einem Preis von deutlich über 500 Euro letztlich nur der gut betuchte Altfan mal eben so leisten kann, befinden sich neben den sechs Studioalben aus dieser Zeit mit einem Haufen Bonus-Raritäten und über 20 bislang unveröffentlichten Songs auch mehr als fünfzehneinhalb Stunden Filmmaterial.

Zusammengetragen wurden diese vielen hundert Puzzleteile von Nick Mason, der schon rein optisch mit gebügelten Jeans, gedecktem Karohemd und einer stoischen Gelassenheit den perfekten Archivar höheren Alters abgibt. Tatsächlich erweist er sich als derjenige, der die Pink-Floyd-Legende durch seine Aktivitäten am nachhaltigsten am Leben erhält. Er ist seit dem Tod von Keyboarder Rick Wright im Jahr 2008 auch der Einzige, der nach wie vor regelmäßigen Kontakt zu den beiden seit nunmehr Jahrzehnten zerstrittenen Bandkollegen David Gilmour und Roger Waters pflegt.

Schlagzeug-Stammtisch

Mason ist, als wir ihm im Rahmen der Box-Präsentation bei seiner Plattenfirma in Hamburg begegnen, ohnehin ein – insbesondere für seine Legende – ungemein aufgeräumter, bodenständiger und grundsympathischer Mann, dem man seine 72 Lebensjahre überhaupt nicht anmerkt; ihn „rüstig“ zu nennen, wäre angesichts seiner Vitalität und schelmischen Lässigkeit schon eine Anmaßung. Sollte es tatsächlich jung halten, wenn man sein Leben lang nur der Vision der eigenen Kreativität folgt, dann ist Mason dafür das perfekte lebende Beispiel.

Nach einem rund einstündigen Pressegespräch vor der versammelten deutschen Hochkultur-Journaille, in dem Mason fachkundig von Rockpalast-Moderator Alan Bangs zur Box und den Anfangsjahren von Pink Floyd befragt wird, steht er für eine kleine Auswahl von Einzelgesprächen zur Verfügung. Wir konnten eines davon ergattern. Es wird spannend, unterhaltsam, nah, herzlich und direkt. Gerade bei Fragen rund ums Schlagzeug blüht er geradezu auf. Und gleich in der Einstiegsfrage nimmt er kurioserweise Bezug auf die eingangs geschilderte Begegnung zweier Bands Ende 1966 im Abbey Road – und offenbart das erste von gleich mehreren überraschenden Bekenntnissen.

Nick, du erfreust dich mit deinen 72 Jahren beachtlicher und erfreulicher Vitalität, während das Jahr 2016 in die Geschichtsbücher eingehen wird als jenes, in dem diverse Ikonen der Pop- und Rock-Kultur gestorben sind. Ist unter diesen Verlusten einer, der für dich besonders schwer wiegt?
Ja, das ist für mich ganz eindeutig George Martin [Produzent der Beatles]. Als wir uns 1966 das erste Mal begegnet sind, waren wir uns noch recht fremd, doch gerade in den letzten zehn, 15 Jahren wurde George zu einem engen persönlichen Freund. Und er war eine der wunderbarsten Persönlichkeiten, die ich je kennenlernen durfte. Jenseits seiner einzigartigen und wegweisenden Produktionsarbeit, die doch so anders war als das, was wir mit Pink Floyd gemacht haben, war er wie ich ein begeisterter Hobbypilot, und auf dem Flugfeld, wurden wir auch Freunde. Wir haben letztlich auch weitaus mehr über Flugzeuge geredet als über Musik. Ihn also werde ich persönlich sehr vermissen. Viele der anderen Toten hingegen werden für mich ebenso wie für jeden anderen Musikhörer eher abstrakte Größen bleiben, die man eher ideell als emotional vermisst. Was mich ein wenig beruhigt und auch freut, ist, zu sehen, wie sein Sohn Giles sich gegenwärtig dazu aufschwingt, ein neuer George Martin der Musikproduktion zu werden. Das Genie wurde also weitergereicht an die nächste Generation.

Was ist dein Geheimnis, derart fit zu bleiben?
Ich habe mir ja schon recht früh mit dem Motorsport eine zweite spannende Beschäftigung gesucht, die mich automatisch fit hält [Mason besitzt eine der bedeutendsten Sammlungen an Sport- und historischen Rennwagen und hat mehrmals erfolgreich an den 24 Stunden von Le Mans teilgenommen]. Als ich damals damit anfing, meinten viele: Bist du irre? Das ist doch lebensgefährlich! In der Rückschau kann ich sagen: Rock'n'Roll ist bei weitem gesundheitsschädlicher als Motorsport, und all die aktuellen Todesnachrichten stützen meine Behauptung. Um einen Rennwagen vernünftig bedienen zu können, muss man sich körperlich enorm fit halten; das ist Hochleistungssport. Und ich bin dankbar für diese zweite Ebene, denn sie hat mich davor bewahrt, zu heftig den Rock'n'Roll-Lifestyle zu leben.

Hält es ebenfalls jung, die eigene künstlerische Geschichte derart minutiös aufzuarbeiten, wie du es nun mit diesem Boxset getan hast?
Das ist zwar sicher nicht der vordergründigste Aspekt an dieser Arbeit gewesen, aber ja, sicher: An einem solch umfangreichen Projekt zu arbeiten, hält die eigenen Dinge am Laufen. Ich habe zusammen mit dem Freund einer meiner Töchter vor rund zehn Jahren begonnen, alles   ...

Das vollständige Interview lest ihr in Ausgabe 1/17 von DrumHeads!!
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