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Ein Sechser im Toto-Lotto

Als Toto im letzten Jahr ihren neuen Schlagzeuger bekannt gaben, ging für Robert „Sput“ Searight ein Traum in Erfüllung, den er nicht zu träumen gewagt hatte. Im Interview erzählt er uns, wie es ist, in die Fußstapfen gleich mehrerer legendärer Drummer zu steigen.

Toto durften in ihrer Geschichte einige der weltbesten Drummer zu ihrem Lineup zählen. Jeff Porcaro, Simon Phillips, Keith Carlock und Shannon Forest sind allesamt prägende Gestalten. Robert „Sput“ Searight ist zwar kein unbeschriebenes Blatt – immerhin hat er für die Jazz-Funk-Sensation Snarky Puppy beinahe alle Alben eingetrommelt und leitet seine eigene Band Ghostnote. Sein Beitritt zu Toto war trotzdem eine Überraschung.

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DH: Du bist seit letztem Jahr offiziell der neue Schlagzeuger von Toto. Wie kam es dazu?

Sput: Ich weiß es selber nicht genau. Der Keyboarder Dominique Xavier Taplin spielt auch in meiner Band Ghostnote. Und ich kenne David Paiches Keyboard-Tech. Er ist einer meiner besten Freunde. Ich denke, sie haben immer mal wieder meinen Namen ins Spiel gebracht. Im Sommer 2020 habe ich dann einen Anruf von Steve Lukather bekommen. Ich bin mit Toto aufgewachsen. Ich habe ihre ersten fünf Alben auf Vinyl. Toto war definitiv eine meiner Lieblingsbands. Und Jeff Porcaro war eine große Inspiration für mich. Auf jeder Scheibe, auf der er gespielt hat, sticht sein Sound hervor. Das ist mir schon als Kind aufgefallen. Seine Trommeln klingen immer crisp und warm, schneiden konstant, aber nicht aufdringlich durch die Musik. Außerdem hat er dieses Feel. Alle Feels und Grooves sind zielführend und durchdacht. Seine Parts waren nicht einfach nur Drumparts eines Songs. Sie standen in einer Weise auch für sich. Er war nicht einfach nur ein Drummer, er war ein Komponist.

DH: Am 21. November 2020 hast du mit Toto dein erstes Konzert gespielt. Die Aufnahme ist als Live-Album unter dem Titel „With A Little Help From My Friends“ erschienen. Auf der Setlist stand unter anderem „Rosanna“, dessen Groove als einer der bedeutendsten überhaupt gilt. Wie hat es sich angefühlt, den Rosanna Shuffle live zu spielen?

Sput: Es war ein unglaublicher Druck. So viele Dinge gingen mir durch den Kopf. Und ausgerechnet bei diesem Song brach mir der Stick beim zweiten Backbeat direkt im Intro! Er spaltete sich genau in der Mitte. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Stick fest zusammen zu drücken und zu hoffen, dass der Groove nicht auseinanderfällt. Ich habe in meiner Karriere vorher noch nie Sticks zerbrochen. Mein armer Drumtech war in dem Moment so euphorisch, dass er es nicht bemerkt hat. Ich konnte mir selber keinen neuen nehmen, weil der Stickbag auf der falschen Seite war. In den zwei Monaten, die ich für Toto gespielt habe, habe ich jetzt mehr Sticks zerbrochen als in meiner ganzen Karriere davor. Seit diesem Erlebnis habe ich immer zwei Stickbags: einen links und einen rechts.

DH: Hattest du in dem Moment das Gefühl, es wirkt sich auf den Sound aus?

Sput: Wenn man für Toto spielt, muss man wissen, dass die Fans schon lange dabei sind und auch extrem schwer zufriedenzustellen. Sie wissen genau, was sie hören wollen, und verzeihen dir keine Fehler. Es war etwas schwierig, weiterzumachen. Ich habe mehr aus dem Arm gespielt statt aus dem Handgelenk. Aber es hat sich niemand beschwert, also habe ich es wohl ganz gut kaschieren können. Auf der Aufnahme scheint es nicht hörbar zu sein. Was bleibt, ist meine persönliche Erinnerung. Es war schon schade, weil es für mich einen besonderen Moment zerstört hat, in dem ich meine Bestleistung bringen wollte. Den Beat habe ich trotzdem hingekriegt, aber das Feel war nicht mehr dasselbe. Aber sowas passiert und dann muss man professionell sein und einfach weitermachen.

DH: Wie würdest du das Feel eines authentischen Rosanna-Shuffles beschreiben?

Sput: Bei der Snare geht es vor allem um die Gleichmäßigkeit des Backbeats auf Zwei und Vier und auch der Ghostnotes dazwischen, sowohl in der Dynamik als auch im Timing. Die Kickdrum muss super kräftig sein, aber auch exakt mit feinen Ghostnotes zusammenfallen. Doch auch die Hi-Hat spielt eine wichtige Rolle. Dieses Feel muss man sich erst erobern. Was Jeff Porcaro in meinen Augen zu einem Genie macht: Er hat in den 1980ern dieses Lehrvideo herausgebracht, in dem er seinen Groove erklärt. Aber in der Originalaufnahme hat er ihn nicht so gespielt. Er zeigt im Video zwar das Prinzip, lässt aber entscheidende Details weg. Ein echtes Genie verrät nämlich nie seine Geheimnisse!

DH:  Du nutzt oft ganz subtile Verschiebungen einzelner Beats, um ein bestimmtes Feel zu erzeugen. Ist das ein ganz bewusstes Gestaltungsmittel?

Sput: Es ist auf jeden Fall etwas, das ich absichtlich mache. Drumming ist für mich so natürlich wie Atmen. Es ist eine Art, seinen Körper zum Rhythmus zu bewegen. Da kommt das Gefühl her. Der Rhythmus und das Timing sind damit unmittelbar verbunden. Weißt du, ich habe den RosannaGroove millionenfach gehört, von Profis, die ihn zwar spielen können, die aber nicht das richtige Feeling haben. Was du auch noch brauchst, ist Selbstsicherheit. Du musst den Groove in all seinen Feinheiten und mit dem richtigen Feel überzeugend performen. Meinen Respekt an meine Vorgänger Simon Phillipps, Keith Carlock und Shannon Forest. Es gehört schon was dazu, da souverän zu sein. Darum ist es so schlimm, wenn einem bei einem Groove wie dem Rosanna Shuffle ein Stick bricht! Mir geht es immer darum, alles in den Dienst der Musik zu stellen. Professionalität bedeutet mir auch, das Ego unterzuordnen und ich glaube, das hilft, in solchen Situationen nicht in Panik zu geraten. Dann denkt man ausschließlich daran, den Song zu retten.

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DH: Was war für dich der größte Moment während dieses Gigs in L.A.?

Sput: Ehrlich gesagt war ich am Allerwenigsten scharf darauf, „Rosanna“ zu spielen. Wenn ein Song einen so ikonischen Status hat, dass man gezwungen ist, ihn perfekt zu reproduzieren, dann macht mir persönlich das nicht den größten Spaß. Ich bin schließlich Musiker. Mein Lieblingssong von Toto ist „Home of the Brave“. Es war einfach geil, den live zu spielen. Dieser Song ist schon so alt, dass es keinen Sinn hat, die Album-Version perfekt nachspielen zu wollen. Über die Jahre hat er sich eh langsam, aber stetig gewandelt. Ihn mit der Band zu spielen, heißt also, eine persönliche Interpretation des Songs zu spielen.

DH: Wie hast du dich auf den Gig vorbereitet? Hast du Live-Aufnahmen oder Alben studiert?

Sput: Die einzige Art und Weise, sich auf solche Musik vorzubereiten ist, die Kompositionen zu studieren. Du kannst nicht vorhersehen, was bei den Proben passiert, aber du kannst auf die Diskussionen mit den anderen Musikern vorbereitet sein. Je besser du die Kompositionen kennst, desto besser kannst du dich mit ihnen über eine gemeinsame Version abstimmen. Die Songs verändern sich von allein, wenn die Besetzung sich ändert. Das einzig Richtige ist also, die Struktur, die Melodien und alle Bestandteile des Songs zu lernen, um mit den anderen zusammen daraus eine neue Version zu erarbeiten. Wir haben für den Auftritt ungefähr drei Wochen geprobt.

DH: Wie hat man sich die Zusammenarbeit bei den Proben vorzustellen?

Sput: Ich habe sie als sehr professionell empfunden. Bei der ersten Probe ging es hauptsächlich darum, sich gegenseitig abzutasten und herauszufinden, ob wir als Band funktionieren. Aber wir haben auch ausgelotet, was jeder Einzelne mitbringt. Wir haben bei dieser Probe drei oder vier Songs gespielt. Steve Lukather (g.) hat am Ende bis über beide Ohren gestrahlt und war der Meinung, man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist. Wir sind dann alle nach Hause gegangen mit dem wohligen Gefühl, dass die Band gut harmoniert. Obwohl ich persönlich gerne noch mehr geprobt hätte, weil es eben so gut lief (schmunzelt).

DH: In welche Richtung wird es für Toto in nächster Zeit gehen? Steht ein neues Album an und glaubst du, dass du auch neues Material für Toto schreiben wirst?

Sput: Das ist im Moment nicht abzusehen. Wir werden uns wohl erstmal als eine neue Reinkarnation von Toto profilieren müssen. Dazu gehört es eben, auch wirklich Totos Musik zu spielen. Wir werden voraussichtlich 2022 auf Tour gehen.

DH: Du sagst „Reinkarnation“. Entspricht das der Stimmung in der Band: Eine Wiedergeburt?

Sput: Ich finde eigentlich, der Begriff „Rekonfiguration“ trifft es besser, denn sie kommt mit einigen Herausforderungen. In ihrer jetzigen Form hat Toto so wenige ihrer alten Mitglieder wie nie zuvor. Hinzu kommt, dass bei früheren Besetzungswechseln neue Mitglieder einstiegen, die schon vorher bekannt waren: Simon Phillipps, Keith Carlock, der Bassist Nathan East – jeder wusste längst, wer sie waren. Jetzt ist es erstmals so, dass die neuen Bandmitglieder alle noch relativ unbekannt sind. So ist es schwerer, die langjährigen Fans weiter für Toto zu begeistern. Ich sehe es aber auch als Chance, neue Facetten von Toto zu zeigen – etwa weniger bekannte Songs hervorzuholen, aber auch die Musik, die Steve und Joseph über die Jahre nebenbei geschrieben haben.

DH: Wenn es neue Songs geben sollte, könntest du als Songwriter ja auch dazu beitragen. War Schlagzeug eigentlich dein erstes Instrument?

Sput: Ich betrachte mich mehr als einen Musiker im Allgemeinen als einen Schlagzeuger. Mein erstes Instrument war Gesang. Aber das Schlagzeug war meine erste große Liebe. Ich habe viele Instrumente gespielt: Orgel, Klavier, Gitarre … Bei uns im Haus gab es kein Drumset, aber Trommeln zogen mich immer an. Meine Mutter hat mir beim Kochen immer Töpfe und Pfannen zum Trommeln gegeben, um mich zu beschäftigen. Ich bin in Dallas, Texas groß geworden und wir gingen viermal pro Woche in die Kirche. Da sah man dann Typen das Schlagzeug spielen und ich konnte meine Augen nicht von ihnen lassen. Erst mit fünf bekam ich dann endlich mein erstes Drumset.

DH: Mit fünf Jahren das erste Drumset ist doch eher früh …?

Sput: (Lacht) Ja, aber für ein Kind fühlt sich ein Jahr wie eine Ewigkeit an. Seitdem habe mich als Musiker immer weiterentwickelt. Ich habe gelernt, wie man Noten setzt, wie man Musik programmiert, wie man nachstellt, was man hört. Ich habe geübt wie ein Wahnsinniger und bin dann auf die Booker T. Washington High School for the Performing and Visual Arts gekommen.

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DH: Welche Künstler haben dich beeinflusst?

Sput: Die wichtigsten waren wohl Quincy Jones und Prince. Viele meiner Lieblingskünstler waren Produzenten. Was mich an Quincy faszinierte war seine Fähigkeit, Musiker zusammenzubringen und zu erkennen, was für den Zuhörer funktioniert und was nicht. An Prince fasziniert mich, dass er alles ganz alleine machen konnte. Er konnte jedes Instrument spielen, hat die Songs selber geschrieben und arrangiert. Er beachtete jedes Detail, jede Frequenz. Er mischte und masterte alles selber. Das begründete mein Interesse an allem, was ich heute mache.

DH: Bist du also auch jemand, der jeden Schritt einer Produktion mitgestalten will?

Sput: Ich wäre immer in der Lage, alle Aspekte der Produktion zu übernehmen. Das verschafft mir eine große Befriedigung. Aber ich bin auch ein Musiker und wenn jemand ein bestimmtes Talent in mir wahrnimmt, dann versuche ich den Auftrag so zu erfüllen, wie es in der Situation gefragt ist. Ich bin kein Kontrollfreak und muss nicht alles mitbestimmen. Ich kann auch im Hintergrund bleiben und machen, was mir gesagt wird.

DH: Bei deiner Band Ghostnote kann man gut beobachten, wie du als Bandleader operierst. Ist es nicht bemerkenswert, dass sich nur wenige Schlagzeuger als Bandleader etablieren?

Sput: Menschen sind es einfach nicht gewohnt, dass Schlagzeuger diese Rolle ausfüllen. Wäre ich ein Leadsänger, würde man das ständig sehen. Phil Collins ist ein Beispiel. Viele Leadsänger haben hinter dem Schlagzeug angefangen. Aber wenn die Band dann wuchs, dann kamen sie hinter dem Drumset hervor. Wir sind im Kern eine instrumentale Band. Also werde ich immer vom Schlagzeug aus führen. Ich bin so eine Art „Diktator spontaner Kreation“.

DH: Worüber denkst du nach, wenn du deine Band auf der Bühne führst?

Sput: Ich bin ein Produzent. Ich bin ein Arrangeur. Ich bin der Komponist aller Stücke. Du musst Vertrauen schaffen, dann habt ihr am Ende eine Beziehung, in der auf der Bühne vieles möglich wird. Das meiste, was du bei uns siehst, ist spontan. Die Songs sind zwar nicht improvisiert, sondern geschrieben, aber ich lege sie darauf aus, dass sie sich wandeln können. Die Stücke sind ein Interaktionsrahmen. Von Nacht zu Nacht erfinden wir die Songs neu.

DH: Das klingt wie ein Musikertraum. Wie erhältst du die Disziplin innerhalb der Improvisation?

Sput: Da kommt die Produzenten- und Leader-Rolle zum Tragen. Du musst das richtige Personal haben. Ich habe alle Mietglieder ausgesucht. Das Hauptkriterium war immer, wie gut sie zuhören. Was wir tun, geht nur mit guten Zuhörern. Das zweite Kriterium ist: Reagieren. Sobald man zuhören und reagieren kann, ist Musizieren wie sprechen. Der Gig wird zu einer Unterhaltung. Und genau wie mit deinen Freunden bist du irgendwann in der Lage, ihre Sätze zu vervollständigen. So bildet sich eine charakteristische Ausdrucksweise. Wenn das Publikum diese hört, dann hört es auch die Beziehungen der Mitglieder untereinander.

DH: Was macht einen guten Drummer aus?

Sput: Time. Das ist das Wichtigste. Aber es gibt noch mehr. Ein großartiger Drummer verstärkt die Wirkung eines Songs auf eine geschmackvolle Weise. Ein ikonischer Drummer kann dabei seine Identität zeigen, ohne dass sein Ego die Musik verdrängt. Wenn man die Grundlagen mal gemeistert hat, verschiebt sich der Fokus zu abstrakteren Dingen: Man trainiert, Musik in ihre Elemente zu zerlegen, aber auch, ihre Bestandteile gleichzeitig zu hören. Das Schlagzeugspiel besteht schon rein körperlich aus vielen Teilen. Die Drums sind das einzige Instrument, das alle Gliedmaßen und Sinne fordert. Es gibt Leute, die denken, für das Schlagzeug bräuchte man keine guten Ohren. Sie irren sich. Beim Schlagzeugspielen verschmilzt alles zu einer Einheit, von deinen Zehen bis zu deinen Fingern. Jedes Gelenk spielt mit. Und jede Bewegung spiegelt den Rhythmus. Alles muss aufeinander abgestimmt sein. Ich habe in letzter Zeit zunehmend verstanden, wie wichtig sogar das bewusste Atmen ist. Es muss den Rhythmus unterstützen. Wer Schlagzeuger werden will, der muss sich außerdem vollkommen Hingeben. Du musst von allen Musikern am meisten wissen. Du kriegst am meisten Kritik ab: Wenn etwas schiefläuft, der Song zu schnell oder zu langsam ist, wirst du dafür verantwortlich gemacht. Wenn alles stimmt, wird dich in der Regel keiner loben. Die Schönheit liegt in den Freiheiten, die man erlangt, wenn man als Musiker die Rolle des Organisators und Produzenten wirklich ernst nimmt. Es gibt nichts Vergleichbares. Es ist das Schönste auf der Welt.

› Florian Schmithüsen

Fotos: Elle Jaye

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