Ash Soan im Interview: Weniger ist mehr (2014)

Ash Soan gehört zu den gefragtesten Schlagzeugern aus dem Vereinigten Königreich. Seine Credits lesen sich wie das Who's Who der Popmusik. Grund genug, den zurückhaltenden Briten zum Interview zu bitten.


Ash Soans Credits (Auszug)

Robbie Williams, Nelly Furtado, Billy Idol, Del Amitri, Seal, Adele, Olly Murs, Birdy, Mike Oldfield, Faithless, Cee Lo Green, James Morrison, Cher, Dido, Leona Lewis, Rick Wakeman, Marianne Faithfull, Sinéad O‘ Connor, Rebecca Ferguson, Producers, Enrique Iglesias, Ronan Keating, Jordin Sparks, Natasha Bedingfield u.v.a. 


Wer zu den Lieblings-Schlagzeugern von Star-Produzent Trevor Horn zählt, darf sich getrost etwas auf seine rhythmischen Fähigkeiten einbilden. Nicht, dass Ash Soan dieses Lob unbedingt nötig hätte. Nach gut zwanzig Jahren im Geschäft hat er sich längst als Session-Drummer etabliert – Stars wie Robbie Williams, Adele oder Nelly Furtado zählen zu seinen Kunden. Außerdem ist er festes Mitglied der schottischen Popband Del Amitri und der Producers, einer Supergroup bestehend aus den beiden Produzenten Trevor Horn und Stephen Lipson sowie dem 10cc-Gitarristen Lol Creme.

Ash, du bist Mitglied der Super-Group „Producers“. Wie kam es dazu?
Ash Soan: Mein Freund Chris Braide, der mittlerweile als viel beschäftigter Songwriter in Los Angeles lebt, hat mich angerufen und gesagt, ein paar Leute, mit denen er arbeitet, würden eine Band gründen wollen. Eher aus Spaß, aber vielleicht käme auch ein Club-Gig dabei heraus. Weil ich sehr gerne mit Chris spiele, sagte ich, das klänge nach Spaß. Erst dann hat er verraten, dass wir in Trevor Horns Studio proben würden und dass die Band aus Trevor, Stephen Lipson und Lol Creme bestehen würde.
DH!!: Man kann dich außerdem in der Hausband von „The Voice UK“ im Fernsehen bewundern. Viele Musiker betrachten solche Formate sehr kritisch. Was ist deine Meinung zum Phänomen Casting-Show?
Ash: Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass dieses Format einfach ein Teil des Musikgeschäfts ist und es auch eine Weile bleiben wird. Es ist leicht, kritisch gegenüber solchen Shows eingestellt zu sein, auch was die Musiker betrifft, die in den Sendungen spielen. Aber es gibt diese Shows nun mal und das Honorar für die Musiker ist sehr fair. Außerdem ist das Niveau in Sachen musikalisches Können, das dort von einem verlangt wird, meiner Meinung nach sehr hoch.

Trevor Horn sagt, du seist in Großbritannien der Einzige, der timing-fest Rock und gleichzeitig so etwas wie den Beat aus Grace Jones‘ „Slave to the Rhythm“ spielen kann. Welche Tipps würdest du Nachwuchsdrummern in puncto Timing geben?

Ash Soan: Eine der wichtigsten Sachen, die ich oft versuche zu vermitteln, ist die Art, in der ich mit dem Click arbeite. Im Grunde ist das ein psychologischer Trick: Ich sage Schlagzeugern immer, sie sollen sich visuell eine Person vorstellen, die im Studio den Click spielt. Ich bin da sogar sehr genau: Das ist ein kleiner Kerl, er ist freundlich und immer vor Ort – also gewöhn dich besser an ihn! Ich empfehle auch, mit Click bei niedrigen Tempos und ohne Unterteilung zu üben. Auf diese Weise erzeugt man die Unterteilung selbst und fühlt hoffentlich das Timing besser. Außerdem rate ich Schlagzeugern, Songs zu üben. Von denen wurden einige dann wahrscheinlich nicht zum Click aufgenommen. Was wiederum deinem Feel zugutekommt.

 
 

Deine Karriere hast du mit einem Studium an der Salford Tech und Drumtechs, einem einjährigen Kurs für Schlagzeuger begonnen. Was hat dir diese Ausbildung rückblickend gebracht?
Ash Soan: Ich habe vor allem gelernt richtig zu üben und meine Zeit klug zu nutzen. Wenn du mit deiner Ausbildung fertig und aus dem College raus bist, wird deine ganze Energie für die Jobsuche draufgehen. Ich kann daher jedem nur dazu raten, das Beste aus seiner Zeit am College zu machen.

Wie ging es dann nach der Ausbildung weiter?
Ash Soan: Ich habe in Kneipen und Clubs gespielt und allmählich immer mehr Musiker kennengelernt. Irgendwann hat mich dann ein Bassist live gesehen und mich für die Band von Tom Robinson engagiert. Nur kurze Zeit später wurde mir dann von Pino Palladino empfohlen, für den Schlagzeuger-Posten bei Del Amitri vorzuspielen (Anm. d. Red.: Palladino ist ein gefragter Session-Bassist, der z. B. bei The Who oder Jeff Beck spielt).

Arbeitest du heute eigentlich öfter live oder im Studio?
Ash Soan: Mir gefällt die Studioarbeit am besten, im Moment liegt das Verhältnis aber bei 50/50. Ansonsten geht die Tendenz aber eher dahin, dass ich im Laufe eines Jahres mehr Sessions spiele, als dass ich auf Tour bin.

Drum-Spuren entstehen heute oft am Computer. Was sind gute Strategien für jemanden, der trotz des technischen Fortschritts sein Auskommen als Session-Schlagzeuger finden möchte?
Ash Soan: Spiele so musikalisch wie möglich! Man sollte außerdem bedenken, dass Produzenten und Künstler in der Regel nicht von Dingen beeindruckt sind, die Drummer beeindruckend finden, sprich: von Technik. Der Umstand, dass du super schnell spielen kannst, wird wahrscheinlich nur andere Schlagzeuger beeindrucken, die ebenfalls versuchen, schnell zu spielen. Das war es dann tatsächlich auch schon an Tipps. Wenn du musikalisch spielst und so den Künstler unterstützt, wird dieser das spüren und dann vermutlich auch später noch einmal auf dich zurückkommen, anstatt jemand anderes zu buchen.

Was meinst du in diesem Zusammenhang genau mit dem Wort „musikalisch“?
Ash Soan: Ich verstehe darunter, dass man möglichst genau auf die Musik und die anderen Musiker hört. Man sollte versuchen, so viele Informationen wie möglich über den Song und vor allem den Sänger zu erhalten. Das gibt einem eine bessere Vorstellung davon, wie man die Schlagzeug-Spuren am schlauesten angeht.

Angenommen, du bist für eine Session gebucht und sitzt bereits im Studio, aber dir fällt einfach kein geeigneter Schlagzeug-Part ein. Was machst du in so einer Situation?
Ash Soan: Normalerweise gibt es ja Guide-Parts, das heißt, einen Loop oder einen Drum-Machine-Part, der dir eine Idee davon gibt, was du in etwa spielen sollst. Aber selbst wenn das nicht der Fall ist: Ich hatte noch nie das Gefühl, nicht zu wissen, was ich spielen soll. Der Schlüssel zum Erfolg besteht darin, mit allen Beteiligten zu kommunizieren und so deinen Drum-Part zu formen.

Als Session-Musiker hast du es im Studio oft mit neuen Menschen zu tun. Da ist es bestimmt nicht immer leicht, gleich den richtigen Draht zueinander zu finden …
Ash Soan: Ich glaube, das ist wahrscheinlich eine jener Fähigkeiten, die man nicht lernen kann. Es ist nicht möglich, seine Persönlichkeit zu ändern. Ein paar Tipps gibt es aber trotzdem: Meines Erachtens ist es wichtig zu versuchen, in jeder Situation einen guten Überblick zu behalten – was selbstverständlich besonders die Menschen einschließt, mit denen man arbeitet. Man sollte gegenüber seinen Arbeitskollegen, sprich: den Künst­lern und Produzenten, einfühlsam sein.

Grooves & Licks Ash Soan

In fast allen Popsongs sind – zumindest für den Durchschnittshörer – die Vocals der wichtigste Aspekt des Stücks …
Ash Soan:
Das sehe ich genauso: Die Vocals sind am wichtigsten …

Worauf sollte man dann als Session-Drummer achten?
Ash Soan:
Als Schlagzeuger sollten wir den Gesang dynamisch unterstützen. Alles, was wir spielen, muss so musikalisch sein, dass es die Performance des Sängers oder der Sängerin unterstützt und aufwertet. Das ist übrigens einer der Punkte, die Trevor Horn sehr wichtig sind.

Beherrschst du eigentlich noch ein anderes Instrument?

Ash Soan:
Ich spiele auch Gitarre. Was mir auf jeden Fall dabei hilft, die Struktur von Songs und ähnlichem besser zu durchschauen.

Da wir gerade von Vocals gesprochen haben: Man kann dein Schlagzeugspiel auch auf Adeles Megaseller „21“ hören.

Ash Soan: Ja, ihr Produzent rief mich ein paar Monate, nachdem ich mit ihm zum ersten Mal gearbeitet hatte, an und fragte, ob ich dafür Zeit hätte. Adele war dann vor Ort, als ich für die Session im Studio eingetroffen bin. Es war toll, nicht nur den Input des Produzenten, sondern auch ihren zu haben. Ihr ist zum Beispiel eine coole Snare-Idee für die Strophe eingefallen. Es ist schön zu sehen, dass das, was du spielst, den Künstler berührt.

Von den Sessions mit Adele einmal abgesehen: Was waren weitere interessante Studio- oder Live-Jobs?

Ash Soan: 2012 konnte ich mit Mike Oldfield auf der Olympia-Eröffnungsfeier Schlagzeug spielen. Das war eine fantastische Erfahrung! Es hat mich beeindruckt zu sehen, was sich dort im Laufe der Tage, die wir im Stadion waren, alles abgespielt hat. Ich hab auch einmal mit Billy Idol in Trevors Studio aufgenommen, was ebenfalls eine grandiose Erfahrung war. Billy ist ein richtig cooler Typ, genauso wie seine Gitarristen.

Lass uns noch ein wenig über Equipment sprechen. Dein Drumset ist ja recht überschaubar …

Ash Soan: Einfachheit war schon immer meine Philosophie. Ich spiele hauptsächlich Pop/Rocksongs, bei denen, – sind wir ehrlich –, das meiste Gear aus einem großen Setup bloß im Weg wäre. Als Session-Musiker hast du keinen Platz im Song, um anzugeben. Es ist der Song des Künstlers, nicht deiner.

Bevorzugst du im Studio bestimmte Mikrofone oder anderes technisches Equipment?

Ash Soan: Analog muss es sein! Egal, ob Mikros, Preamps oder was auch immer – je älter, desto besser. Natürlich Seite an Seite mit dem digitalen Aspekt, das heißt: Pro Tools. Aus diesem Grund gefallen mir auch meine Overhead-Mikros von Coles so gut.