Außerhalb jeder Schublade

Spätestens seit seiner legendären Audition für die Prog-Könige Dream Theater kommt man als Drummer an Marco Minnemann nicht mehr vorbei. Durch ­Projekte wie die Aristocrats oder The Sea Within erlangte der Ausnahmetrommler schon vorher größere Bekanntheit. Unser Autor hat sich ­ausführlich mit Marco unterhalten.

Schon in jungen Jahren war Marco Minnemann so erfolgreich, dass ­Künstler wie Paul Gilbert oder ­Steven Wilson auf den talentierten Drummer aufmerksam wurden. Seit vielen Jahren lebt und arbeitet er in Kalifornien, wo er sein eigenes Studio betreibt.

DrumHeads!!: Marco, du genießt in ­Schlagzeugerkreisen einen guten Ruf. Erzähl uns doch mal ein bisschen von deinen Anfängen, wie hat sich deine Karriere entwickelt?

Marco Minnemann: Ich war schon in sehr jungen Jahren an Musik interessiert. Das kam vor allem durch meine Eltern, die große Plattensammler und Musikfans sind. Eines Tages haben sie die Platte News of the World von Queen gekauft. Da waren Songs wie We Will Rock You oder We Are The Champions drauf. Das war für mich damals ein Aha-Erlebnis. Ich bin als kleiner Knirps total auf diese Musik abgefahren. Sehr zur Erheiterung meiner Eltern bin ich öfter mal mit einem Tennisschläger als Gitarre durchs Wohnzimmer getanzt (lacht). Von dem Zeitpunkt an haben mir meine Eltern immer mehr Musik von Queen vorgespielt. Aber auch von anderen Bands wie Jethro Tull oder Led Zeppelin. Da war klar, dass ich Gitarre und Schlagzeug lernen und Profi werden will. Mit sechs sollte ich aber erstmal Orgel lernen, um ein Gefühl für Harmonielehre zu bekommen. Das hat ganz gut funktioniert, aber nach einer Zeit war das nicht mehr wirklich spannend. Also bin ich aufs Schlagzeug umgestiegen. Mein Vater hat mir damals ein Schlagzeug gekauft unter der Bedingung, dass ich Unterricht nehme und das Instrument auch ernst nehme. Das war ein super Deal. Und ich hab es ernst genommen. Schon bald habe ich angefangen, in Bands zu spielen und selber Songs zu schreiben.

Die Musik war also dein primäres ­Hobby als Teenager?

Das war für mich mehr als ein Hobby. Es war eine Eingebung. Ich habe in der Musik so etwas wie meine Berufung gefunden und es war völlig klar, dass ich das auch nach der Schule machen würde. Entsprechend hatte die dann auch nicht immer die höchste Priorität. Ich habe das Abi zwar schon noch durchgezogen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich nicht Beamter oder so etwas werden würde.

Bist du dann direkt nach der Schule an eine Musikhochschule?

Oh, ich hab nie an einer Hochschule studiert (lacht). Ich hab einfach immer viel gespielt, aber im Grunde bin ich Autodidakt. Für mich war Musik immer etwas sehr natürliches. Sicherlich war ich auch viel an musikalischen Konzepten interessiert und habe diese auch intensiv studiert, aber eben nicht in einer Hochschulumgebung. Ich bin da an vieles intuitiv rangegangen und habe versucht, alles was ich gelernt habe, auch in der Musik umzusetzen. Das Schreiben hat mir da sehr viel geholfen.

Wie ging dein Weg dann weiter?

Mit Anfang 20 bin ich nach München gezogen und bei der Crossoverband Freaky Fukin Weirdoz eingestiegen. Mit denen habe ich dann eine Zeit lang gespielt. Wir sind viel getourt und haben einige Platten veröffentlicht. Danach hat es mich mal kurz nach Münster verschlagen, wo ich mit den H-Blockx gespielt habe.  Parallel dazu habe ich aber auch mit anderen deutschen Künstlern wie Nina Hagen, Nena oder Udo Lindenberg gespielt. Dazu kamen immer mehr Gigs in den USA, zum Beispiel mit Paul Gilbert. Auch beim Modern Drummer Festival wurde ich eingeladen und irgendwann war es so weit, dass ich mehr in Amerika gespielt habe als in Deutschland. Also war es irgendwie naheliegend, da auch hinzuziehen.

Wie sieht denn heute dein normaler Arbeitsalltag aus?
Ich toure sehr viel. Wenn ich mal nicht auf Tour bin, arbeite ich sehr gerne im Studio. Das Gute ist, dass ich mein eigenes Studio hier zu Hause habe. Viele Leute schicken mir ihre Musik und ich nehme für sie die Drums auf und schicke ihnen dann die Spuren zu. Das ist eine sehr angenehme Art zu arbeiten, weil ich nicht großartig rumfahren muss.

Das heißt du spielst gar nicht mehr auf klassischen Recording Sessions wo du zu den Studios fährst?
Das macht heutzutage kaum noch jemand. Die meisten nehmen bei sich zu Hause auf. Ich würde behaupten, 90 Prozent von dem, was du von mir auf irgendwelchen Platten hörst, habe ich bei mir zu Hause ­aufgenommen.

Du bist ja für viele Schlagzeuger wahrscheinlich genau das, was für viele Keyboarder Jordan Rudess ist: ein Zauberer am Instrument. Im Gegensatz zu anderen Schlagzeugern kann man dich nur schwer stilistisch in eine bestimmte Schublade stecken. Viele kennen dich aus dem Prog-Bereich, aber das ist ja bei weitem nicht alles, was du machst. Wie würdest du dich selbst musikalisch einordnen?
Erstmal danke für das Kompliment (lacht). Es freut mich immer, wenn Menschen mögen, was ich mache. Interessanterweise bin ich gar nicht so sehr im Prog-Rock verankert, obwohl ich von vielen Prog-Bands gebucht werde. Ich höre eigentlich vor allem Classic Rock, Led Zeppelin oder auch Frank Zappa. Meine absolute Lieblingsband ist Queen. Ich höre aber auch eher harten Metal, aber auch elektronische Musik wie Kraftwerk. Die einzigen Bands, die ich mag und die man zum Prog zählen könnte wären Rush oder Jethro Tull. Aber so richtig Prog waren die ja eigentlich auch nicht.

Wenn ich selbst spiele, mache ich eigentlich einfach das, was ich denke, was gut für die Musik ist. Mir persönlich ist stilistische Vielseitigkeit sehr wichtig, weil ich einfach sehr viele verschiedene Musikstile gerne höre und absorbieren will. Dadurch fühlt sich für mich vieles sehr natürlich an. Da ich selbst auch Gitarre spiele und Songs schreibe, sehe ich vieles nicht nur durch die Drummer-Brille, sondern auch durch die des Komponisten. Ich glaube, das beschreibt meinen Stil ganz gut.

Oftmals wird man ja auch daran gemessen, was sein extremstes Können ist. Deine stärkste Technik zum Beispiel. Das ist letztendlich teilweise das, was man als Stempel aufgedrückt bekommt. Dafür wird man dann oft gebucht. Mir passiert das ständig, dass jemand unglaublich komplexe Musik geschrieben hat, sich dann fragt, wer das wohl spielen könnte und prompt klingelt bei mir das Telefon. So werde ich immer wieder für hochkomplexen Death Metal oder Progressive-Produktionen angefragt. Oft sind es aber einfachere Rock- oder Pop-Projekte, die genauso Spaß machen. Immer dann, wenn ich den Freiraum habe, die Musik zu interpretieren oder wenn mich Leute gezielt buchen, weil sie mögen, was ich mache, macht die Arbeit am meisten Spaß. Das Schlimmste, was dir passieren kann ist, wenn dich Leute buchen, die zu festgefahren sind auf ihre Ideen. Manchmal werde ich gebucht und soll genau das nachspielen, was der Künstler in der Demo bereits programmiert hat. Das mache ich dann auch – aber oft frage ich mich, warum ich überhaupt gebucht wurde. Denn wenn die Drums programmiert klingen sollen, dann hätte man das mit ein paar guten Samples billiger haben können.

Jetzt muss man aber auch dazu sagen, dass ich in der glücklichen Situation bin, dass ich mit meinem Stil schon recht bekannt bin und dadurch oft gebucht werde, weil Leute  genau das wollen, was ich zu ihrer Musik kreativ beitragen kann. Dadurch habe ich oft viele Freiheiten, die Musik zu interpretieren.

Wenden wir uns deinen musikalischen Projekten zu. Mit den Aristocrats bist du schon länger unterwegs oder?
Das stimmt, inzwischen schon fast zehn Jahre. Dabei hat sich dieses Projekt eher zufällig ergeben. Ich wurde damals von einem Konservatorium in Russland eingeladen. Die wollten, dass ich mit einem Trio spiele. Beim ersten Mal habe ich also mit lokalen Musikern gespielt. Das hat so gut funktioniert, dass ich wieder eingeladen wurde. Dieses Mal hatte ich selbst einen Gitarristen und einen Bassisten mitgebracht. Als auch das wieder ein Erfolg war, und ich zum dritten Mal dort gespielt hatte, kam die Idee auf, in der Formation auch mal einen Gig in den Staaten zu spielen. Unser Bassist Bryan Beller hatte ein Angebot um auf der NAMM-Show einen 45-minütigen Gig zu spielen und wir beschlossen, in dieser Formation dasselbe Set wie schon zuvor in Russland zu spielen. Blöderweise, oder im Nachhinein zum Glück, hat unser Gitarrist Greg Howe zwei Wochen vor dem Termin abgesagt, weil bei ihm ein kurzfristiger Studio Termin dazwischen kam. Das war natürlich blöd, Bryan war auch etwas angefressen deswegen. Wir haben dann erst überlegt, den Gig abzusagen, als jemand zu uns meinte, wir sollten mit Guthrie Govan spielen. Witzigerweise hatte mir beim Gig in Russland noch ein russischer Gitarrist ganz begeistert ein YouTube-Video von Guthrie gezeigt und meinte, ich müsste den unbedingt mal auschecken. Kurzum: wir haben ihm eine Mail geschrieben, er hat direkt geantwortet und war sofort begeistert von der Idee. Also haben wir den NAMM-Gig mit ihm gespielt. Die Chemie zwischen uns hat vom ersten Moment an gestimmt und da unser Konzept sehr gut ankam, haben wir das in der Formation weiter ausgebaut. Und the rest is history, wie man so schön sagt (lacht).

Würdest du sagen, dass das Zwischenmenschliche in eurem Fall eine große Rolle gespielt hat?
Absolut! Das mit der Chemie ist immer so eine Sache, die fällt ja nicht einfach vom Himmel. Entweder man klickt miteinander oder eben nicht. Und das hat überhaupt nichts mit dem Handwerk zu tun. Manchmal können auch sehr talentierte Musiker einfach nicht gut zusammen spielen, weil die Chemie nicht stimmt. Andersherum kann die Chemie eine Gruppe von Musikern erst richtig stark machen. Ich meine, sieh dir doch zum Beispiel eine Band-Dynamik wie bei The Police, Queen oder Led Zeppelin an. Zusammen waren sie noch stärker als ihre ohnehin starken Einzelteile.

War denn der Findungsprozess bei The Sea Within ähnlich? Das ist ja noch ein recht junges Projekt...
Ja, das stimmt. Ich habe Jonas Reingold schon vor vielen Jahren kennengelernt. Damals wollte er mich für eine Platte von den Flower Kings haben. Leider war ich zu dieser Zeit mit den Aristocrats und Steven Wilson auf Tour und hatte keine Chance, noch eine Recording Session dazwischenzuschieben. Daher musste ich das leider absagen. Vor kurzem schrieb mich Jonas wieder an, für eben dieses Projekt. Und diesmal hat es terminlich einfach besser gepasst. Wir haben uns dann mit der ganzen Band getroffen und zusammen ein paar Songs geschrieben, um diese dann zusammen in London aufzunehmen. Und ähnlich wie schon bei den Aristocrats hat sich das alles sehr gut angefühlt und damit auch prächtig entwickelt. Dabei ist am Ende dann diese Band herausgekommen. Die Platte ist gerade rausgekommen und jetzt sehen wir mal weiter.

Als ich mir die Platte durchgehört habe, fiel mir eine Sache direkt auf. Deine Drums klingen überraschend organisch für eure doch recht rocklastige Musik. Bei einem Stil wie diesem würde man eher fette Toms, eine krachende Snare oder eine Kickdrum mit viel Attack erwarten. Stattdessen hört man bei deinem Kit die Resonanzen der Kessel. Das ganze Set klingt sehr natürlich und überhaupt nicht künstlich aufgeblasen. Wie kam es zu dem Sound? Ist das einfach dein Signature-Sound oder hattest du eine bestimmte Philosophie hinter dem Drumsound von The Sea Within?
Naja, das war schon ein Stück weit eine bewusste Entscheidung. Wir haben im Studio live zusammen eingespielt. ­Anschließend haben wir nur noch ein paar Overdubs aufgenommen, aber das meiste war in einem Take. Dadurch klang die Musik schon sehr organisch und das wollten wir gerne beibehalten. Der Hörer soll eine ähnliche Erfahrung haben wie wir sie hatten, als wir im Studio zusammen gespielt haben. Und das beinhaltet den natürlichen Sound, den wir im Studio hatten.

Ist das generell deine Sound-Philosophie oder war das jetzt nur in diesem Fall so?
Das ist schon so meine Philosophie. Ich sehe das Schlagzeug als ganzes Instrument an. Es resoniert, es hat durch das Kesselholz und die Felle einen bestimmten Charakter und wenn es in dem Raum, in dem es steht, gut klingt, dann sollte es auch so aufgefangen werden. Es kommt ­natürlich auch immer darauf an, mit wem man arbeitet und was die Soundvorstellung des Künstlers ist. Gerade bei Studiojobs, wo ich ja praktisch Dienstleister bin, soll der Kunde auch den Sound bekommen, den er möchte. Auch wenn es vielleicht nicht immer meinen Geschmack trifft. Erst vor kurzem habe ich für eine sehr erfolgreiche, japanische Sängerin gespielt, Mari Hamada. Es war eine Heavy-Metal-Produktion mit einer Wahnsinns-Besetzung. Paul Gilbert an der Gitarre, Leeland Sklar am Bass und ich teile mir mit Gregg Bisonette die Drums. Super-CD, die ist wirklich toll geworden. Aber als ich später den Mix gehört habe, da habe ich mich selbst nicht wiedererkannt. Das klang überhaupt nicht mehr nach mir (lacht). Aber gut, das gehört wohl zum Job eines Studioschlagzeugers dazu.

Was würdest du zum Schluss jungen Nachwuchsschlagzeugern mit auf den Weg geben?
Zu allererst: Spiel die Musik die du magst und die du gerne hörst! Denn anders macht es keinen Spaß. Hör dir deine Lieblingsbands an und spiel dazu. Als nächstes fange an, deine eigene Musik zu kreieren. Fang an, Songs zu schreiben und deine Worte und Gedanken in Musik zu fassen. Lass dir von keinem reinreden, sondern höre zuerst auf deine innere Stimme und mach dein Ding. Wenn du etwas zu sagen hast und das gut machst, dann wirst du auch Leute finden, die dir zuhören und das gut finden, was du machst. Ich finde es das Allerwichtigste, dass du an dich glaubst, dich nicht von außen beeinflussen lässt und dein Ding durchziehst. Ich glaube, dass es das ist, was große und erfolgreiche Bands ausmacht. Schau dir Queen oder Led Zeppelin an. Als die am Anfang standen und angefangen haben, eigene Musikstile zu entwickeln, wurden sie von allen Seiten kritisiert und teilweise von Kritikern förmlich zerrissen. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass sie in keine Schublade gepasst haben. Viele Menschen denken ja leider, dass man alles im Leben kategorisieren muss, weil man es dann miteinander vergleichen kann. Wenn sie etwas nicht vergleichen können, wird es kritisiert, weil sie sich denken, was ich nicht kenne, kann ja nichts sein. Das passiert ganz oft. Und oft sind das dann dieselben Leute, die Jahre später dein Album in die Top 500 der besten Alben aller Zeiten aufnehmen und es als revolutionär darstellen. Das kam zum Beispiel beim Rolling Stone Magazin immer mal wieder vor. Aus diesem Schubladendenken muss man sofort raus, das bringt überhaupt nichts. Lerne die Sachen, die dir gefallen und forme deine eigene Sprache damit!

Was für ein Schluss-Statement, vielen dank für das Interview!

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