Dave Grohl im Portrait

Kaum ein anderer Musiker hat die Alternative Rock-Szene der vergangenen 30 Jahre so geprägt wie der Ex-Nirvana-Trommler und heutige Foo Fighters-Frontmann. Wir werfen einen Blick auf die einzigartige Karriere des Tausendsassas.

Ohne meine Mutter wäre das alles nicht möglich gewesen.“ Dave Grohl lässt keinen Zweifel daran, wem er seine Karriere zu verdanken hat. Denn als der damals 17-jährige Grohl nach Hause kam und seiner Mutter Virginia erklärt, er wolle die High School schmeißen, um mit der Washingtoner Punk-Band Scream auf Tour zu gehen, sagt Virginia Grohl völlig überraschend „Ja“. Grohl hatte wenige Wochen zuvor bei Scream als Drummer vorgespielt und dort behauptet, er sei 20 Jahre alt.
Entsprechend schockiert ist er, als ihm die Band um den späteren Kurzzeit-Foo-Fighter Franz Stahl den Job anbietet. Noch schockierter aber ist er, als seine Mutter – von Beruf übrigens ausgerechnet Lehrerin – dem verrückten Plan zustimmt, die Schule ohne Abschluss zu verlassen, um auf der ganzen Welt in kleinen Kaschemmen zu spielen und im Schlafsack auf den Fußböden fremder Leute zu schlafen. „Ich wollte, dass Dave die Welt sieht, und ich wollte ihm diese Möglichkeit nicht verbauen“, gibt Virginia Grohl Jahre später zu Protokoll.

Dave Grohls High School Drop-Out

Ab diesem Tag ändert sich Dave Grohls Leben schlagartig. Statt wie seine High-School-Freunde jeden Tag die Unterrichtszeit abzusitzen, sitzt Grohl in einem Van, fährt die Highways Nordamerikas und Europas ab, und spielt Punk Rock. Scream sind damals kaum mehr als ein Geheimtipp, die Band verdient on the Road gerade soviel Geld, um nicht zu verhungern und zum nächsten Gig zu kommen – Dave Grohl genießt dennoch jede Sekunde.

1989 spielt die Band ein Konzert in Seattle, bei dem Grohl-Freund und Melvins-Sänger Buzz  Osborne im Publikum ist. Osborne bringt an diesem Abend zwei Freunde mit: Kurt Cobain und Krist Novoselic. Man gibt sich die Hand und lernt sich flüchtig kennen – wirklich bewusst ist den Beteiligten aber nicht, welche Tragweite diese Begegnung haben wird.

Anruf des Schicksals

Wenige Monate später trennen sich Cobain und Novoselic vom bisherigen Drummer ihrer Band, Chad Channing. Die beiden sind unzufrieden mit Channings Drumming, Channing dagegen wünscht sich mehr Einfluss aufs Songwriting. Am Ende trennen sich die Wege gerade zu dem Zeitpunkt, an dem sich auch Dave Grohls Scream in Auflösung befinden. Deren Bassist Skeeter Thompson verlässt die Band mitten in einer Tour an der US-Westküste, um bei den Hard-Rockern The Four Horsemen einzusteigen. Grohl ruft verzweifelt seinen alten Freund Buzz Osborne an, unsicher, was er jetzt tun soll. Osbornes Antwort: „Erinnerst du dich an Nirvana? Die suchen einen neuen Drummer.“

Wenige Tage später packt Dave Grohl seine Sachen (eine Reisetasche voll) und sein Drumset (in drei Umzugskartons verpackt) und zieht ins kalte, neblige und triste Seattle. „Obwohl es anfangs nicht so aussah, war es die beste Entscheidung meines Lebens“, wird Grohl Jahre später sagen.
Tagelang vergraben sich Nirvana daraufhin in einem kleinen Stadel nahe Aberdeen, Washington, und proben bis zu zwölf Stunden am Tag. „Was hätte man bei dem Wetter dort auch sonst tun sollen“, sagt Krist Novoselic später. Schnell wachsen Grohl, Cobain und Novoselic zu einer musikalischen Einheit zusammen. Grohl lernt die Drum-Parts des ersten Nirvana-Albums „Bleach“ und arbeitet die Parts jener Songs aus, die „Nevermind“ zu dem Meilenstein machen sollten, der er wurde. Während der Drum-Track für „In Bloom“ noch weitgehend von Chad Channing ausgearbeitet wurde – Beweise dafür finden sich auf frühen Demos, die man im Netz problemlos findet – hinterlässt Grohl seine musikalische Duftmarke gleich beim Album-Opener „Smells Like Teen Spirit“.

Der Auftakt, das Zusammenspiel zwischen Flams, Kick-Drum und HiHat, gehört heute – knapp 30 Jahre nach Veröffentlichung – zum festen Wunsch-Repertoire jedes Drummers, eigentlich nur noch vergleichbar mit „Smoke On The Water“ für Gitarristen. Der Fill gibt den aggressiven, treibenden Unterton vor, der „Smells Like Teen Spirit“ zur Hymne der „Generation X“ werden ließ. Beinahe ebenso legendär ist der Beat, den Grohl dem sphärischen „Come As You Are“ verpasst. Auch hier setzt Grohl seine Snare effektiv ein, und auch hier finden sich die „Signature-Flams“ des Albums wieder.

"Nevermind": der große Wurf

Nicht zuletzt auch dank der Mainstream-freundlichen Produktion von Butch Vig wird „Nevermind“ zum ganz große Erfolg – und die Probleme für Nirvana beginnen. Zu Beginn hat das Plattenlabel mit 40 000 verkauften Einheiten im ersten halben Jahr gerechnet – stattdessen verkaufen Nirvana mitunter 40 000 Platten am Tag. Zwischenzeitlich ist „Nevermind“ eine echte Rarität in amerikanischen Musikläden. Und auch die Stimmung innerhalb der Band trübt sich ein. Kurt Cobain verfällt zusehends dem Heroin, umgibt sich mit Menschen wie seiner künftigen Frau Courtney Love, die gerade zu Dave Grohl von Anfang an keinen guten Draht hat. Grohl selbst kanalisiert seine Frustration in sein eigenes Songwriting. Schon kurz nach der Veröffentlichung von „Nevermind“ bucht Grohl Studiozeit in den Robert Lang Studios in Seattle und nimmt einige Songs auf, die er geschrieben hat, aber sich nicht getraut hat, seinen Band-Kollegen vorzustellen. Stattdessen spielt Grohl alle Instrumente selbst ein. Mit dabei sind schon frühe Versionen späterer Foo Fighters-Songs. Unter dem Namen „Pocketwatch!“ verteilt Grohl die Songs auf Kassetten-Tapes unter seinen Freunden – und widmet sich dann wieder seiner Hauptaufgabe bei Nirvana.

Den Mainstream vergraulen: "In Utero"

Nach eineinhalb Jahren turbulenter Konzerte verschanzen sich Cobain, Novoselic und Grohl Ende 1992 in der Nähe von Chicago, um mit Produzent Steve Albini ein Album aufzunehmen, das nach dem Wunsch Kurt Cobains so sperrig ist, dass es die Mainstream-Fans verschreckt und den Nirvana-Hype auslöscht. Heraus kommt mit „In Utero“ tatsächlich ein Werk, das die Band musikalisch auf ihrem Höhepunkt zeigt, bei dem das Songwriting mitunter aber beinahe gezwungen unkommerziell wirkt. Dave Grohl zeigt auf Songs wie „Milk It“, wie kreativ er mit Rhythmus-Patterns umgehen kann. Und wie rudimentär effektives Drumming sein kann, wenn es nur mit der notwendigen Power vorgetragen wird. Auch hier wird Grohls „schneller Fuß“ wieder deutlich: Bis heute verwendet er keine Doppelfußmaschine – und ist trotzdem mit einem Pedal oft schneller und präziser als viele Drummer mit zwei Pedalen.

Die Tour zu „In Utero“ wird zum Disaster. Mehrere Shows werden abgesagt, in Rom unternimmt Kurt Cobain seinen ersten Selbstmordversuch, kann aber noch einmal gerettet werden. Wenige Wochen später aber verschwindet Cobain. Er wird nach ein paar Tagen in Seattle noch einmal lebend gesehen – und nimmt sich am 5. April 1994 in seinem Haus das Leben. Für die Fans bricht eine Welt zusammen. Für Dave Grohl bricht seine persönliche Hölle los. Er zieht sich zurück zu seiner Mutter nach Virginia und meidet die Öffentlichkeit für mehrere Monate.

Foo Fighters-Dämmerung

„Irgendwann bin ich morgens aufgestanden und habe mir gedacht: So kann es nicht weitergehen, ich muss wieder auf die Füße kommen“, erzählt er später. Dave Grohl kehrt nach Seattle zurück, bucht eine Woche in den Robert Lang Studios, baut sein Equipment auf, und beginnt mit den Aufnahmen. Am Ende der Woche hat er ein Tape mit zwölf Songs – und Grohl weiß noch nicht genau, was er damit tun soll. Auf keinen Fall will er seinen Namen draufschreiben – niemand soll sagen, dass das hier Musik von dem „Typen von Nirvana“ ist. Stattdessen entscheidet er sich für den Namen Foo Fighters – und kürt sich selbst zum Rhythmus-Gitarristen und Lead-Sänger. Grohl gründet sein eigenes Label „Roswell Records“ und lizenziert das Album an einen Major-Vertrieb. Erst jetzt macht er sich auf die Suche nach Mitmusikern für die Foo Fighters und wird in Ex-Nirvana-Tour-Gitarrist Pat Smear und der Rhythmusgruppe der Seattler Band Sunny Day Real Estate, Nate Mendel und William Goldsmith, fündig. Mit ihnen „gründet“ Grohl die Foo Fighters.

Dave Grohl - der ewige Drummer

Im Juli 1995, 15 Monate nach Kurt Cobains Tod, erscheint das Debüt-Album des einstigen Ein-Mann-Projekts. Danach geht die Band satte 16 Monate auf Tour. Direkt im Anschluss gönnt Grohl seinen Mannen keine Pause: Sofort beginnen die Arbeiten am zweiten Album „The Colour And The Shape“ mit Pixies-Produzent Gil Norton.

Doch die Aufnahmen stehen von Anfang an unter keinem guten Stern. Norton (und wohl auch Grohl) sind nicht zufrieden mit den Drum-Parts von William Goldsmith und schleifen den damals knapp 22-Jährigen drei Wochen lang, 13 Stunden am Tag. Am Ende ist Goldsmith glücklich, seine Recordings zu aller Zufriedenheit absolviert zu haben, und reist von L.A. zurück nach Hause. Das ist der entscheidende Moment: Grohl ruft die restlichen Foo Fighters zusammen und nimmt das komplette Album neu auf – mit ihm an den Drums.

Es kommt, wie es kommen muss: Goldsmith bekommt schnell Wind von der Sache (genauer gesagt erzählt ihm Bassist Nate Mendel davon) und verkündet kurzerhand seinen Ausstieg. Grohl versucht noch, Goldsmith umzustimmen: Er solle weiter Drums bei den Konzerten spielen. Auf den Alben allerdings soll Grohl hinter der Schießbude sitzen. Goldsmith lehnt ab. Später wird er die Theorie aufstellen, das Label und die PR-Meute haben aus Marketinggründen darauf bestanden, dass Grohl die Drums einspielt.
Tatsächlich ist der Unterschied zwischen Goldsmiths Versionen von Songs wie „My Hero“ und Grohls Variante deutlich. Goldsmiths Tracks sind dabei keinesfalls schlecht – trotzdem verlieren sie das Duell mit Grohls Performance in Sachen Dynamik und Power deutlich. Musikalisch also war Dave Grohls Entscheidung, selbst zu trommeln, sicherlich richtig.

Auf persönlicher Ebene aber macht sich Grohl mit der Entscheidung gegen den beliebten Goldsmith keine neuen Freunde, sogar der treue Bassist Nate Mendel tut seinen Unmut kund. Nichtsdestotrotz: Gerade „My Hero“ und „Everlong“ zeigen, mit welcher Power und Kreativität Grohl sein Schlagzeug einsetzt. Am Ende gewinnt die Musik.

Who Fighters?

Nach den Aufnahmen zu „The Colour And The Shape“ entschließt sich auch Pat Smear, die Band zu verlassen. Das monatelange Touren hat Smear ausgezehrt, die anstrengenden Aufnahmen haben ihr Übriges getan. Plötzlich sind die Foo Fighters noch zu zweit: Mastermind Grohl und Nate Mendel. Grohl erinnert sich an seinen alten Bandkollegen aus Scream-Zeiten, und holt Franz Stahl als Lead-Gitarristen in die Band.

Für die Tour zum Album wirbt er außerdem Taylor Hawkins ab, der bislang in Alanis Morissettes Band trommelt, zu diesem Zeitpunkt einer der größten Acts des Planeten. Hawkins wird nicht nur der neue Drummer der Foo Fighters, sondern auch Daves bester Freund – nicht zuletzt, weil sein Drumming dem Grohls recht ähnlich ist, und Hawkins auf allen künftigen FF-Alben die Drum-Tracks einspielen darf. Die Band tut in den späten 90ern, was sie immer tut: Sie geht auf Tour.
Nach eineinhalb Jahren beginnen die Arbeiten am neuen Album „There Is Nothing Left To Lose“. Grohl, Mendel und Hawkins „clicken“ sofort, Franz Stahl aber findet seine Rolle im Songwriting-Prozess nicht. Grohl handelt sofort: Trotz seiner jahrelangen Freundschaft bittet er Stahl, die Band zu verlassen, was dieser auch zähneknirschend tut und zu Scream zurückkehrt. Nach zwei Wochen voller Auditions für einen Nachfolger findet Grohl in Chris Shiflett endlich den passenden Mann. 

Dabei ist Shifletts filigranes Spiel nur teilweise ausschlaggebend dafür, dass er den Job bekommt: Im Gespräch wird schnell klar, dass Shifletts erste Band Rat Pack Ende der 80er schon einmal mit Grohl und Scream die Bühne geteilt hat. Shiflett kommt also aus der gleichen Szene wie der Foo Fighters-Frontmann, man teilt dieselben Werte und Vorstellungen. Shiflett wird angeheuert, und endlich haben die Foo Fighters eine Besetzung gefunden, die bisheute den Kern der Band bildet.

Dennoch gestalten sich die Aufnahmen für das Folgealbum „One By One“ so schwierig, dass Dave Grohl mitten in den Aufnahmen kurzerhand das Studio verlässt und den Foo Fighters eine kreative Pause verordnet. Stattdessen wird er halbfestes Mitglied der Queens Of The Stone Age und spielt deren Meilenstein „Songs For The Deaf“ ein. Hier ruft er all jenen, die es durch seine Frontmann-Qualitäten gerne vergessen, wieder ins Gedächtnis, was für ein außerordentlich guter Drummer er eigentlich ist. Bestes Beispiel dafür ist die Vorab-Single „No One Knows“, deren Refrain ein wahres Fill-Feuerwerk ist.

Dabei wird einmal mehr deutlich, mit welcher Kreativität Grohl sein Drumset einsetzt, und es beinahe als ein Melodie-Instrument einsetzt, statt „nur“ auf Groove zu setzen. Das Projekt QOTSA (Queens of the Stoneage) mit Grohl an den Drums ist so erfolgreich, dass die Gerüchte über die Zukunft der Foo Fighters ins Kraut schießen. Der Meister selbst tut seinen Teil dazu, als er als QOTSA-Drummer beim legendären Glastonbury Festival 2002 in England auftaucht. Tatsächlich befinden sich die Foos in einer tiefen Krise voller kreativer Differenzen und persönlicher Spannungen. Drummer Taylor Hawkins erholt sich gerade von einer Heroin-Überdosis, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Grohl wacht zwar 14 Tage an Hawkins‘ Krankenbett – dennoch steht der Vorfall danach lange zwischen den beiden Freunden.

Schließlich geraten die Bandmitglieder bei den Proben zum Coachella Festival so heftig aneinander, dass das Ende eigentlich beschlossene Sache ist. Das Konzert selbst ist aber derart dynamisch und euphorisch, dass Grohl und Hawkins anschließend einen langen Spaziergang machen und ihre Differenzen ausräumen. Die Zukunft der Foo Fighters ist gesichert. 2004 schart Grohl einige seiner engsten Freunde für die Verwirklichung des Metal-Projektes Probot um sich. Der bekannteste Song des Projekts, wird die Kooperation mit Motörhead-Mastermind Lemmy Kilmister.

Der amerikanische Rolling Stone bezeichnet "Shake Your Blood" in seiner Review sogar als „besten Motörhead-Song der vergangenen 15 Jahre“.

Dave Grohl - der Multiinstrumentalist

Danach konzentriert sich Dave Grohl wieder auf seinen Hauptjob bei den Foo Fighters, und tritt nur kurzzeitig als Drummer der Supergroup Them Crooked Vultures, bestehend aus Grohl, Queens Of The Stone Age-Sänger Josh Homme, und Led Zeppelin-Bassist John Paul Jones, in Erscheinung.

Zusätzlich dreht er eine Dokumentation über das legendäre Sound City Studio – natürlich mit zugehörigem Soundtrack. 2018 veröffentlicht Dave Grohl ein mehr als 20-minütiges Werk namens Play, auf dem er neben Drumset und Gitarre auch alle anderen Instrumente spielt – ein Zustand, der sich immer wieder durch seine Karriere zieht. Der Song ist nur der jüngste Beweis dafür, dass der mittlerweile 50-jährige Grohl nicht nur allerorts als „Nicest Man in Rock“ bezeichnet wird, sondern auch völlig zu Recht als einer der wichtigsten Drummer überhaupt gesehen wird. Wir gratulieren Dave Grohl zum halben Jahrhundert – möge er weiterhin, wie er selbst sagt, „die Sch… aus der Musik herausprügeln“.

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