Special Acryl-Drums: Ein Traum aus Glas

Auch wenn sie noch immer einen gewissen Exotenstatus besitzen: Schlagzeuge aus Acrylglas, in den Siebzigern der letzte Schrei, haben in den letzten Jahren eine spürbare Renaissance erlebt. Wir schauen, wer seinerzeit auf den synthetischen Werkstoff setzte – und wer bis heute dabei ist.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts spielen Kunststoffe eine bedeutende Rolle in unserem Alltag. Und natürlich wurden jene neuen und faszinierenden Werkstoffe auch in der Herstellung von Musikinstrumenten ausprobiert: Die erste E-Gitarre, die Rickenbacker Frying Pan, wurde aus „Bakelit“ gefertigt. Bakelit, 1909 erfunden vom Belgier Leo Hendrik Baekelund, war optisch allerdings höchst unattraktiv. Acryl (1928) und Fiberglas (1935) waren da schon sehr viel interessantere Werkstoffe. So brachte Schimmel 1951 den ersten „Glasflügel“ auf den Markt, der bis heute in ähnlicher Form erhältlich ist. Auf dem E-Gitarrensektor baute Dan Armstrong in Kooperation mit Ampeg „Lucite“-Gitarren und -Bässe, die ebenfalls einen Korpus aus farblosem Acryl besaßen.

Acryl Drums: Optischer Nebeneffekt

Bei den Schlagzeugen war es der ehemalige Big-Band-Drummer und Tüftler Bill Zickos, der als „Erfinder“ der Acryldrums genannt wird. Er beschäftigte sich bereits seit 1959 mit Acryl als Kesselmaterial. Es sollte allerdings noch gut zehn Jahre dauern, bis Zickos mit seinem Produkt zufrieden war und die Schlagzeuge auf den Markt kamen. Wenn man bedenkt, dass die Trommelkessel jener Zeit große Probleme mit Temperaturveränderungen und Luftfeuchtigkeit hatten, worunter im günstigsten Falle nur die Stimmstabilität litt, sich im ungünstigsten Falle aber die Kessel dauerhaft verzogen, dann ist die Idee, Trommeln aus dem neuartigen Werkstoff Kunststoff zu bauen, schlicht genial. Zickos primäres Ziel bestand darin, den Klang zu verbessern. Ein optisch ungewöhnliches Instrument zu bauen war dabei allenfalls ein Nebeneffekt.

 
 

Das Herstellungsverfahren war im Prinzip das gleiche wie bei Holzkesseln: Eine Acrylplatte wurde erhitzt, um einen Metallzylinder herumgebogen und so in Form gebracht. Die Stoßkanten wurden verklebt, die Gratungen gefräst, Beschläge montiert – und fertig war die Trommel.

Schwere, durchsichtige – und laute Trommeln

Bei ersten Testgigs in kleinen Jazzclubs bemerkte Zickos jedoch, dass nicht nur Klang und Optik anders waren: Sein Schlagzeug tönte auch deutlich lauter als die hölzernen Verwandten. So verwundert es wenig, dass in erster Linie Rockdrummer auf Zickos Schlagzeuge aufmerksam wurden. Rockmusik war auf dem Vormarsch, und ein Schlagzeug, das sich bei noch immer minimaler Mikrofonierung und schwachbrüstigen PAs gegen immer lautere Gitarren und Orgeln sowie schreiende Fans durchsetzen konnte, war das perfekte Werkzeug.
Ron Bushy von Iron Butterfly war der erste professionelle Drummer, der Zickos Schlagzeuge spielte. Die Wirkung, die das allabendliche Schlagzeugsolo bei „In-a-gadda-da-vida“ gehabt haben muss, bei dem das Schlagzeug den Blick auf den Drummer freigab und gleichzeitig das Bühnenlicht facettenreich reflektierte, traf den psychedelisch-bewusstseinserweiterten Zahn der Zeit mit voller Wucht. Diese günstigen Umstände bescherten Zickos in den frühen 1970er Jahren Verkaufszahlen von rund tausend Schlagzeugen pro Jahr und nicht nur die Aufmerksamkeit der Drummergemeinde, sondern auch die der anderen Hersteller.

Drummer Bob Grauso und Kunststoffexperte John Morena hatten 1966 die Firma Fibes gegründet, die in ihrem Namen die Begriffe Fiberglas und Vibes vereinten. Während Fiberglas ihr favorisiertes Material war (Buddy Richs Lieblingssnare war über viele Jahre hinweg eine Fiberglassnare von Fibes), wurde Anfang der 1970er die „Crystalite“-Serie vorgestellt.  Man fand unter anderem in Nick Mason und Billy Cobham prominente Acryl-Endorser. Auch etablierte Hersteller wie Pearl und Sonor hatten den Marktwert von Acryldrums erkannt und 1973 beziehungsweise 1975 eigene Serien auf den Markt gebracht.

Auftritt: Ludwig

1972 betrat eine Marke die Bühne, der dank ihrer „Vistalite“-Serie heute oft mit Acryldrums gleichgesetzt wird wie Tempo mit Papiertaschentüchern: die Ludwig Drum Corporation. Der damalige Marktführer war zwar nicht der Erfinder von Trommeln aus Kunststoff, dominierte den Markt jedoch in kürzester Zeit. Allein die Liste der Endorser sorgte für eine umfassende Präsenz der Vistalites: Carl Palmer, Max Roach, Keith Moon, Ginger Baker, Karen Carpenter, Johnny Jackson und allen voran John Bonham.

Farbenfroh Glas-Schlagzeuge

Bei der Markteinführung waren neben den bekannten farblosen Instrumenten weitere transparente Farben erhältlich: blau, orange, rot, gelb und grün. Später wurde zusätzlich ein transparentes grau („smoke“) sowie „solid black“ und „solid white“  angeboten. Neben einfarbigen Sets gab es auch die Farboption „Jelly Bean“, bei der jede Trommel eine andere Farbe hatte. 1975 stellte Ludwig zudem die Rainbow Vistalites vor. Der Kunde konnte die erhältlichen Farben in sechs verschiedenen Varianten miteinander kombinieren: 3 Band Rainbow (drei Farben in waagerechten Streifen), 5 Band Rainbow (fünf Farben in waagerechten Streifen), Spiral (zwei Farben spiralförmig),
3 Band Swirl (drei Farben keilförmig verschränkt), 2 Band Swirl (zwei Farben keilförmig verschränkt) und Vertical Bar (zwei Farben in senkrechten Streifen).

Den vollständigen und viele weitere spannende Artikel findet ihr in der DrumHeads!!-Ausgabe 6/17.