Interview mit Kadavar-Schlagzeuger Christoph „Tiger" Bartelt

Innerhalb weniger Jahre haben sich Kadavar zu einer der führenden Bands im ­Bereich des Psychedelic-Rock, Proto- und Doom-Metal entwickelt, die trotz ihrer Härte mit ihrem letzten ­Album „Berlin“ nicht nur in Deutschland bis auf Platz 18 der Charts stieg, sondern auch die USA erobern konnte. Nun erscheint mit „Rough Times“ ihr viertes Longplay-Biest. Wir sprachen mit ihrem Drummer und Produzenten Christoph „Tiger“ Bartelt.

DH!!: Tiger, wie ist das, wenn man innerhalb weniger Jahre drei in der Szene extrem gefeierte und sogar in den Charts erfolgreiche Alben gemacht hat: Erzeugt das für den vierten Longplayer einen hohen Druck oder eher eine Gelassenheit, nach dem Motto: Na ja, wir können es ja ...
Christoph „Tiger“ Bartelt: Tatsächlich beides. Ich wusste phasenweise während der Arbeit zum neuen Album nicht immer sicher, ob wir es noch mal hinbekommen, ein ebenso gutes Album zu machen. Ganz zu Beginn gab es etwa eine Phase, wo ich regelrecht verzweifelt war, weil irgendwie nichts so richtig zünden wollte. Da war ich schon so weit zu sagen: Ich mache lieber gar kein Album mehr, bevor wir ein Kack-Album veröffentlichen. Irgendwann ist dann der Knoten geplatzt, es  lief plötzlich und wir wussten: Wir müssen einfach entspannt runterfahren und unsere Sachen auf den Punkt bringen, jeden Tag weiter arbeiten, dann wird das schon. Ab da war alles eine schön gelassene Sache, zumal wir da dann über den Punkt hinweggekommen sind, selbst ständig unnötigen Druck aufzubauen.

Inwieweit hat es dabei geholfen, dass ihr euer eigenes Studio gebaut habt, in dem ihr nun ziemlich gut und professionell arbeiten könnt?
Christoph „Tiger“ Bartelt: Sowas hilft der Gelassenheit natürlich sehr. Zwar hatte ich die ersten beiden Alben auch schon produziert, damals aber noch in diesem dunklen Kellerloch, das uns seit Beginn unserer Karriere begleitet hat. Verglichen damit waren die Arbeitsbedingungen im neuen Studio, obwohl die Bauphase dort ganz sicher noch alles andere als abgeschlossen ist, entschieden angenehmer. Einfach in einer Regie zu sitzen, die gut klingt, einen schönen Aufnahmeraum zu haben, in dem zumindest rudimentär alles akustisch halbwegs optimiert ist: Das war schon super. Natürlich gibt es noch einiges zu tun dort, aber wir konnten immerhin schon mal gut arbeiten dort und das Ding souverän über die Ziellinie fahren. Was auch daran liegt, dass der Grundsound der Bandmaschine schon so gut war, dass man da gar nicht viel kaputt machen und die Aufnahmen einfach genießen konnte.

 
 

Was bedeutet es dir, dass ihr mit Musik, die nun wirklich nicht für den Mainstream gedacht ist, bis in die Top 20 der deutschen und der US-Heatseekers-Charts gestiegen seid?
Christoph „Tiger" Bartelt: Das alles freut mich natürlich ungemein, weil es ja auch eine schöne Bestätigung dafür ist, dass man da was Gutes und Richtiges macht. Aber es würde nie dazu führen, dass wir als Band jetzt überlegen, was man tun muss, um dort wieder hinzukommen. Eher schon das Gegenteil, dass wir uns bemühen, umso kraftvoller und kompromissloser zu klingen, damit die, die uns bis jetzt entdeckt haben, mit uns weiter gehen können auf dieser geilen harten Reise. Ich würde es jedenfalls für völlig falsch halten, seine künstlerische Ausrichtung danach zu gestalten, dass dieser Erfolg jetzt immer mehr wird. Wichtiger ist, dass sich das Ganze inhaltlich weiter entwickelt und dass wir uns am besten immer wieder selbst überraschen.

Teilst du den Eindruck, dass die gesamte neue Platte, aber vor allem die Drums auf dem neuen Album, einen etwas stärkeren Doom-Einschlag haben?
Christoph „Tiger" Bartelt: Ich weiß gar nicht, ob es so etwas gibt wie einen signifikanten Doom-Schlagzeugsound. Wenn man sich einschlägige Doom-Platten anhört, sind die Gitarren oft dermaßen laut, dominant und nach vorne gemischt, dass man von den Drums eh nur ein bisschen was im Hintergrund hört. Es ist eigentlich eher der Gitarrensound, der diesmal sicher düsterer und brutaler ist als auf den vorherigen Platten. Das entwickelt sich dann eben mal so und mal so, aber dieses Mal ging es uns eben schon darum, die rohe Power der Gitarre so direkt wie möglich zu konservieren, in einer Weise, wie wir das bisher noch nicht gemacht haben. Daneben war es mir wichtig, dass das Schlagzeug wieder den Punch bekommt, das es auch auf den ersten Platten von uns hatte – ganz so, wie meine Drums auch live klingen.

Guter Punkt: Als Drummer neigt man im Studio ja dazu, dem Mischer oder Produzenten immer wieder zu sagen: „Komm, heb' die Snare noch bisschen nach vorne, gib' der Bassdrum etwas mehr Punch.“ Wie ist das, wenn der Drummer gleich auch der Produzent ist? Mussten dich deine Bandkollegen oft zur Raison rufen?
Christoph „Tiger" Bartelt: Ich sag mal so: Da ich als Produzent diesbezüglich nun mal die letzte Instanz bin, gibt es da nicht viel zur Raison zu rufen. [lacht] Aber das Geile an der Triobesetzung ist ja auch, dass ich lauter sein darf als etwa in einem Quintett. Und umgekehrt muss ich gar nicht so laut sein, weil ich nur gegen je eine Gitarre und einen Bass ankommen muss, die wiederum im Sound schon so unterschiedlich sind, dass sich das Schlagzeug fast von selbst durchsetzt. Außerdem ist Lautstärke und volle Power bei den Drums bei uns okay, denn sie stehen ja schon sehr im Zentrum des Ganzen. Insofern muss ich mich da nicht dauernd künstlich zurücknehmen. Das ist eine sehr komfortable Situation als Drummer, dass ich einerseits die kreative Entscheidung innehabe und zweitens als Drummer auch den Platz in dieser Band habe, richtig laut und weit vorne zu sein, ohne dabei jemand anderen kaputtzumachen.

Schlagzeuggroove Christoph „Tiger" Bartelt (Kadavar)

Dein Spiel hingegen wirkt vor allem sach- und songdienlich und du bist nicht zu sehr darum bemüht, extrem abgefahrene Fills und Breaks einzubauen. Es geht bei dir um Groove und nicht um Ego. Richtig?
Christoph „Tiger" Bartelt: Total richtig. Das liegt aber auch daran, dass ich gar nicht der riesige Techniker bin. Ich kann das, was ich kann, sehr gut, aber sonst auch nicht so wahnsinnig viel anderes. Auch das ist wieder eine Sache der Trio-Geschichte: Das muss perfekt aufeinander abgestimmt sein; alles andere ist nebensächlich. Wir achten immer drauf, dass Gitarre und Drums super miteinander harmonieren, und dann platzieren wir den Bass noch dazwischen, dann passt das schon.