Die Gretsch-Story

Vor 135 Jahren gründet ein deutscher Auswanderer ein Familienunternehmen, das es in den USA zum unangefochtenen Marktführer schafft. Wir zeichnen den Weg der Gretsch Manufacturing Company von der Spitze zum Fall und erneuten Aufstieg nach.

Alt und geschunden sieht das Schlagzeug aus, das die Suche auf dem bekannten Online-Auktionshaus zu Tage fördert. Eine zerschrammte grüne 22 x 14 Bassdrum, ein nicht weniger zerkratztes 13 x 9 Hängetom sowie ein 16 x 16 Floortom stehen zum Verkauf, sonst nichts. Die nach heutigen Maßstäben klapprig anmutende Kesselhardware soll wohl einmal goldbeschichtet gewesen sein. Davon ist aber nicht mehr viel zu erkennen. Klingt nach einem Dachbodenfund, vielleicht 150 Euro wert...Doch weit gefehlt!

Die Trommeln tragen ein kleines rundes Firmenlogo und der Preis beträgt stolze 6000 Dollar. Zum Verkauf steht ein seltenes Gretsch Cadillac Green Birdland Kit. Solch ein Kit stellt die Gretsch Drum Company Mitte der 1950er Jahre dem New Yorker Jazzclub "Birdland" als Spezialanfertigung zur Verfügung, auf dem die Top Jazzdrummer jener Zeit, unter ihnen Louie Bellson, Art Blakey, Charlie Persip, Mel Lewis, Shelly Manne, Philly Joe Jones, Jimmy Cobb, Max Roach und viele andere ihre Konzerte spielten. Doch die Geschichte des "Great Gretsch Sounds" beginnt ungefähr 70 Jahre früher, genauer im Jahr 1883.

Friedrich Gretsch, Sohn eines Metzgers aus Mannheim, wandert 1872 als 16-Jähriger in die USA aus. Dort gründet er im Alter von 27 sein eigenes Geschäft. Mit einem Dutzend Angestellten produziert er Trommeln und Banjos, sowie Tambourine und Spielzeug-Trommeln für diverse Großhandelsunternehmen.

Die Ära Fred Gretsch

Nur wenige Jahre später stirbt Friedrich, und sein Sohn Fred übernimmt, unterstützt von seiner Mutter Rosa, das Geschäft. Der erst 15 Jahre alte Fred beweist Geschäftssinn und baut die ohnehin gut laufende Firma aus. So verlässt die Gretsch Company um die Jahrhundertwende ihre ursprünglichen, bescheidenen Geschäftsräume und zieht in ein dreistöckiges Geschäftsgebäude aus Familienbesitz, ebenfalls in Brooklyn. Zusammen mit seinem Bruder William erweitert Fred die Produktpalette, baut die Marktposition weiter aus und bereits 1916 zieht Gretsch erneut um, in jenes Gebäude, das heute noch als "Gretsch Building" am Broadway Nr. 60 in Brooklyn zu finden ist.

Wer jedoch Instrumente dieser Zeit unter dem Namen Gretsch sucht, wird nur schwer fündig werden. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg produziert Gretsch vornehmlich für andere Vertriebe, die ihr eigenes Logo anbringen.

Besonders ein Name fällt ins Auge: Billy Gladstone, einer der besten Trommler seiner Zeit, Instrumentenbauer und Erfinder mit mehreren Patenten auf dem Konto. Er hatte eine Trommel mit einem Dreifach-Stimmsystem entwickelt, bei dem mit einem Schlüssel von der Oberseite aus Schlag- und Resonanzfell gemeinsam oder unabhängig voneinander gestimmt werden konnten. Für die damals sehr temperatur- und luftfeuchtigkeitsempfindlichen und somit nicht sonderlich stimmstabilen Trommeln ein geniales System. Diese Trommeln werden von Gretsch in Gladstones Auftrag hergestellt.

Fred Gretsch Jr. übernimmt

1942 überträgt Fred Sr. die Firma an seinen Sohn Fred Jr., der jedoch in die Navy einberufen wird und deshalb die Führung an seinen Bruder William "Bill" Walter abgibt.
Während des Zweiten Weltkrieges liegt die Fertigung teils gänzlich brach – stattdessen produziert man Bauteile für Gasmasken.
Nach Kriegsende entscheiden William und Fred gemeinsam mit dem langjährigen Mitarbeiter und Weggefährten Duke Kramer und dem Neuzugang Phil Grant, nicht nur einfach die Produktion wieder anzukurbeln, man will Gretsch als eigene Marke etablieren.

In Zuge dessen klappert man die New Yorker Clubs ab und befragt die Schlagzeuger nach ihren
Bedürfnissen. Heraus kommt unter anderem, dass sich die Drummer kleinere Trommeln wünschen,
um diese leichter von Gig zu Gig transportieren zu können. Waren bisher 26, 28 oder gar 30 Zoll
Bassdrums üblich, lassen sich die von Gretsch eingeführten Schlagzeuge mit einer 20 x 14 Bassdrum deutlich besser im Taxi transportieren. Auch die Hardware wird drastisch verbessert, sodass sie sich deutlich leichter auf- und abbauen lässt. Auf der Bassdrum montierte Becken- und Tomhalter sowie einschiebbare Bassdrumfüße sind ein Novum und erleichtern die Handhabung enorm.  

Phil Grant ist es, der als erster "Artist Relation Manager" der Firma Gretsch erkennt, wie wichtig die enge Verbindung zu den angesagtesten Drummern jener Zeit für das Image der Marke ist und hält fortan den engen Kontakt zu den Musikern aufrecht. Mel Lewis beschreibt die Beziehung zu Gretsch und auch die der Endorser untereinander als geradezu familiär. 

Man habe stets ein offenes Ohr und versorge die Musiker mit Instrumenten und Zubehör, ohne sich ihnen jedoch jemals, etwa durch geschenktes Equipment oder gar Bezahlung, anzubiedern.

Außergewöhnliche Ideen – wie Louie Bellsons Entwurf zum weltweit ersten Double-Bassdrum-Kit – stoßen bei Phil auf Interesse, während alle anderen Marken dankend abgelehnt haben.

Die familiäre Atmosphäre bei Gretsch Drums, aber auch Grants Gespür für gute Publicity kulminieren letztlich in den "Gretsch Drum Nights" im Birdland, bei denen sich die Stars der Jazzszene die Sticks in die Hand drücken und auf dem eigens für den Club angefertigten Schlagzeug spielen.

Die darauffolgende Idee, gleich vier Drummer zu einer Drum Night zu verpflichten, sprengt alle bisherigen Besucherrekorde und bringt die legendäre Aufnahme "Drum Night at Birdland" mit Art Blakey, Charlie Persip, Philly Joe Jones und Elvin Jones hervor.
Doch nicht nur die gute "Artist Relation", auch zahlreiche weitere Innovationen im Schlagzeugbau, verschaffen Gretsch Drums ein hohes Ansehen. Im Bereich der Fertigung spielt der Name des sonst kaum erwähnten Bill Hagner eine große Rolle, der letztlich über 50 Jahre für das Unternehmen tätig sein sollte.

Innovationen im Schlagzeugbau

Hatte Gretsch bereits vor dem Krieg seine Snaredrums mit Gussspannreifen verkauft, erhalten nun die Toms ebenfalls "Die Cast Hoops". Die Kesselkonstruktion der Gretsch Drums wird ebenfalls fortlaufend verbessert. Zu Beginn hatte Gretsch das damals übliche Kesselherstellungsverfahren verwendet: Ein von extern bezogenes, dreilagiges Schichtholz wird zu einem Zylinder gebogen und mit Verstärkungsringen stabilisiert.

1918 entwickelt Gretsch einen verwindungssteifen Spannreifen aus kreuzverleimtem Schichtholz und überträgt die gewonnenen Erkenntnisse auf den Kesselbau. Ab 1927 laminiert Gretsch schließlich seine
Hölzer selbst, sodass die Nahtstellen der drei Holzschichten an unterschiedlichen Stellen des Kessels platziert werden können, was die Stabilität enorm verbessert. In den frühen 1950er Jahren werden  sogar sechs Lagen Holz verleimt, wobei die Einzellagen dünner ausgeführt sind und die gesamte Kesselstärke auf diese Weise nicht wesentlich zunimmt.

Ab diesem Zeitpunkt konnte gänzlich auf Verstärkungsringe verzichtet werden. Ebenfalls in den 1950er Jahren stellt Gretsch als Erster seine Hardwarebeschichtung komplett auf Chrom um. Eine weitere Dekade später ist Gretsch der erste Hersteller, der bei lackierten und folierten Kesseln die ersten "Wood Finishes" anbietet.

Fred Gretsch Juniors Fachwissen über Schlagzeuge ist nicht sonderlich stark ausgeprägt, er hat aber ein ausgesprochen gutes Businessgespür. Das berühmte Gretsch "Floating Action" Bassdrumpedal beispielsweise, das Drummer gern dem legendären Camco-Pedal gegenüberstellen, ist im Prinzip bis auf das Namebranding baugleich. Außerdem importiert Gretsch Becken einer gewissen Firma aus Istanbul mit dem Namen Zildjian.

Während Gretsch anfangs die Handelsmarken "K. Zildjian", "A. Zildjian" und "Zildjian" besitzt, die Marken "A. Zildjian" und "Zildjian" aber zeitnah aufgibt, bleibt Gretsch Drums bis in die 1970er Jahre tatsächlich alleiniger Anbieter von K-Becken.
Ob und mit welchem Anteil nun die Kesselkonstruktion ohne Verstärkungsringe, wie Kramer behauptet, oder die Art der Holzverleimung, die Gussspannreifen, der sagenumwobene "Silver Sealer", mit dem die Innenseiten der Trommeln versiegelt sind, oder das beeindruckende Roster an fantastischen Musikern den "Great Gretsch Sound" maßgeblich geprägt haben, lässt sich im Nachinein nur schwer bestimmen.

Sicher ist allerdings, dass Gretsch, Kramer, Hagner und Grant eine Marke geschaffen hatten, die bis in die 1960er Jahre hinein eine dominante Position innehatte. Die in den 1930er Jahren eingeführte "Broadkaster"-Serie hat Anfang der 1950er Jahre einen derart prominenten Status erreicht, dass niemand Geringeres als der Gitarrenhersteller Fender seine gerade vorgestellte "Broadcaster"-Gitarre in "Telecaster" umbenennen muss.

Die Zeiten sollten allerdings nicht so rosig bleiben. Als die Beatles die "Rock Revolution" einläuten, behält Gretsch Drums seinen starken Fokus auf den Jazzdrummern. Zwar gehören bald Charlie Watts und Phil Collins zur Familie, dennoch verpasst Gretsch den Anschluss an die Rockmusikszene, in der sich Ludwig die Pole-Position sichert.

Den wahren Einbruch erlebt die Marke jedoch 1967, als Fred Jr. beschließt, sich zur Ruhe zu setzen. Weder seine Tochter noch sein Neffe kommen aus Sicht des scheidenden Geschäftsführers als Nachfolger in Frage, und so verkauft er das Familienunternehmen an die Baldwin Organ & Piano Company. Schon damals fasst der übergangene Neffe Fred den Entschluss, die Firma in den Familienbesitz zurückzuholen. 

Gretsch und Kramer

Doch zunächst ist Gretsch lediglich eine Marke eines Konzerns, der den aufkommenden Musik-Boom nutzen und sich durch ein möglichst umfassendes Angebot an Bandinstrumenten Marktanteile sichern will.
Zwar werden Gretsch und Kramer in die neue Gesellschaft übernommen, komplizierte Organisationsstrukturen, wie sie für einen Konzern wie Baldwin nicht ungewöhnlich sind, sorgen allerdings für langwierige Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse.

Das führt am Ende dazu, dass beispielsweise die Hardware der Schlagzeuge lange Zeit nicht weiterentwickelt wird, die Finishs innerhalb eines Farbtones sehr stark variieren und die durchschnittliche Lieferzeit über sechs Monate beträgt. Die Fertigung wird nach Arkansas verlegt, wobei zwar Bill Hagner zunächst als wichtiger Know-How-Träger übernommen wird, nach dem Umzug der Fertigung aber lediglich eine Marketingposition bekleidet. 

Zwei Großbrände in den Produktionsstätten 1972 und '73 setzen der Marke zusätzlich zu. Die Verwaltung wird komplett aus New York abgezogen, was wiederum Phil Grant veranlasst, Gretsch den Rücken zu
kehren. Damit bricht ein wichtiges Bindeglied zwischen der Marke und den Endorsern weg. Baldwin selbst pflegt die Beziehung zu den Künstlern nicht.

Es hat schon etwas doppelt Ironisches, dass in jener Zeit das
Motto "The Great Gretsch Sound" gegen "Standard of the World" ausgetauscht wird.

Gretsch: ein Neuanfang

1982 tritt Baldwin die heruntergewirtschaftete Marke Gretsch an den engagierten Mitarbeiter Charlie Roy ab, der sich vorgenommen hat, den alten Glanz wiederherzustellen. Roy verlegt den Firmensitz wegen seiner lebendigen und wichtigen Musikszene in die Nähe von Nashville.

Zum 100. Jubiläum wird eine auf hundert Stück limitierte Serie von Custom Drums produziert und Gretsch tritt den Wiederaufstieg an. Aufgrund seines schlechten Finanzmanagements platzt allerdings ein Bankkredit, woraufhin Gretsch an Baldwin zurückgeht. Dort will man die Marke jedoch weiterhin abstoßen und so erhält der jüngste Fred der Familie Gretsch die Gelegenheit, sein Versprechen einzulösen und führt
Gretsch nach 18 Jahren in den Familienbesitz zurück. Die nächsten Jahre verwendet er zusammen mit seiner Frau Dinah darauf, die Marke wieder aufzumöbeln.  

Mit Hilfe der bereits früher erstarkten Gitarrenabteilung und einem Instrumentengroßhandel, den Fred vor und auch nach dem Kauf der Marke Gretsch betreibt, kann das Kapital für die Wiederbelebung der
Schlagzeugsparte bereitgestellt werden. Mit der Hilfe von Veteran Bill Hagner wird die Produktion der Schlagzeuge nach Ridgeland, South Carolina, verlegt, wo sie sich heute noch befindet. Mit den  Renown- und Catalina-Sets kamen zwei in Asien gefertigte Mittelklasseserien auf den Markt, die sich dank ihrer hohen Qualität, fairer Preise und dem Gretsch-Vibe großer Beliebtheit erfreuten.

Neben der Einsteigerserie Energy und den Mittelklassevertretern Renown und Catalina beruft man sich heute mit den drei Topserien (Custom USA, Brooklyn und Broadkaster) auf die eigene Geschichte. So werden drei- und sechslagige Kessel der Gretsch-typischen Kombination aus Ahorn und Pappel beziehungsweise Gum Wood mit 30 Grad Gratung wie auch der "reversed roundover" Gratung angeboten. Neben Gussspannreifen sind die damals als "Stick Chopper" bekannten zweifach geflanschten "302"-Stahlreifen erhältlich. Wer nun befürchtet, es dabei lediglich mit einer Wiederauflage aus industrieller Massenfertigung zu tun zu haben, wird eines Besseren belehrt.

Gretsch: Tradition seit über 135 Jahren

Auch heute noch werden die Instrumente an den gleichen Maschinen von Hand gefertigt, die bereits im frühen 20. Jahrhundert zum Einsatz kamen.
Im vergangenen Jahr zelebrierte man die 135-jährige Firmengeschichte, natürlich auch mit entsprechenden Sondermodellen.
Bleibt der Familie Gretsch und allen Freunden des "Great Gretsch Sounds" zu wünschen, dass dieses Traditionsbewusstsein in der Kombination mit der seit 2015 bestehenden Kooperation mit DW/GEWA viele weitere, erfolgreiche Jahre hervorbringen möge.