Kenneth Kapstad im Interview: Rampensau und Trommelkrake

Der studierte Jazz­drummer und Hardrock-Fan Kenneth Kapstad ist ein Phänomen: Er hat ­locker in zwei Dutzend Bands und Formationen ­getrommelt und dabei so gut wie kein Genre ­ausgelassen. Am ­bekanntesten sein dürfte der Norweger durch ­seine zehn Jahre bei den Spacerock-Legenden ­Motorpsycho sowie als Blickfang seiner ­aktuellen Hauptbeschäftigung Spidergawd.

DH!!: Von Hardrock bis Freejazz, von Pop bis Black Metal: Es gibt eigentlich kein     Genre, in dem du nicht mit irgendeiner Formation trommelst. Doch wo ist dein eigentliches Zuhause?
Kenneth Kapstad: Am meisten zuhause fühle ich mich im Old-School-Hardrock, denke ich. Denn dort hat alles begonnen mit der Musikleidenschaft. Egal, welche Leidenschaft man hat, man kehrt doch immer zu dem zurück, was man als Kind besonders mochte. Die ersten Alben, die mir einen echten Kick verliehen haben, waren „Paranoid“ von Black Sabbath und „In Rock“ von Deep Purple. Gerade Black Sabbath sind der Ursprung von allem für mich – ich war damals sieben oder acht Jahre alt, und diese Band hat mich wirklich bewegt und mein musikalisches Leben geformt.

Heute spielst du häufig in rund einem halben Dutzend Bands gleichzeitig. Ist das Vorsatz, oder kannst du dich nur nicht entscheiden?
Kenneth Kapstad: Sagen wir es so: Ich brauche diese vielen verschiedenen Projekte, um als Musiker ausgelastet zu sein, und das ist doch das, was man sucht: eine stetige Erfüllung seiner musikalischen Ambitionen. Es klingt sicher wie ein Klischee, aber ich empfinde geradezu eine Notwendigkeit, stets vieles parallel zu machen, um meinen künstlerischen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich habe es mal probiert, aber es geht einfach nicht, dass ich nur in einer Band zur selben Zeit aktiv bin. Das macht mich unzufrieden und nervös. Daraus habe ich gelernt, dass ich eben immer mehrere Sachen gleichzeitig machen muss, um ausgeglichen zu sein.

Was genau muss passieren, dass du den Wunsch verspürst, dich in einer neuen Band zu engagieren?

Kenneth Kapstad: Ich muss einfach das Gefühl haben, dass ich mit meinem Spiel den Sound einer Formation bereichern kann. Es muss eine Basis geben, bei der ich den Eindruck habe, dass ich etwas hinzufügen kann, das nach mir klingt und trotzdem der Sache dient. Sicher, ich kann auch eine Art sachdienlicher Dienstleister sein und einfach für eine Band ein paar Gigs trommeln, ohne mich groß einzubringen. Aber das ist nicht der Grund für mich, mich ans Schlagzeug zu setzen. Da muss auf einer künstlerischen Ebene mehr sein. Es muss einen Rahmen geben, innerhalb dessen ich spüre, dass ich etwas über mich und mein Spiel herausfinden kann, das neu und auch für mich überraschend ist.

 
 

Welche der vielen Formationen, in denen du bis jetzt gespielt hast, war für dich technisch die größte Herausforderung?
Kenneth Kapstad: Das ist eine schwierige Frage, denn jede Formation verlangt nach bestimmten technischen Fähigkeiten, die schwer zu vergleichen sind. Allgemein lässt sich sicher sagen, dass mich das Tempo von extremem Metal am meisten herausfordert. Schon, weil ich keiner bin, der dieses Tempo viel üben würde. Wenn ich dann mal wieder bei einer Black-Metal-Band trommle, merke ich schnell, wie schwer das ist – einfach, weil es so furchtbar anstrengend ist, das Tempo zu halten. [lacht] Ich habe kürzlich einige Festivalgigs mit der norwegischen Black-Metal-Band 1349 gespielt. Bei ihnen gibt es nur eine Maxime: Vollgas die ganze Zeit. Da bin ich nach 45 Minuten trommeln fix und fertig. [lacht] Aber da ich ja vom peitschenden Rock-Drumming komme, gibt es auch noch eine andere große Herausforderung für mich, und das ist, leise und trotzdem dicht zu spielen. Wenn ich zum Beispiel für die Jazz-Singer-Songwriterin Hanne Hukkelberg trommle, merke ich immer wieder, wie herausfordernd es ist, ganz wenig und sehr sachte zu spielen – und trotzdem nicht an Dynamik zu verlieren.

Und auf einer emotionalen Ebene?
Kenneth Kapstad: Waren es sicher die Jahre bei Motorpsycho, die mich sehr gefordert haben. Denn in dieser Band fand ich mehr als bei allen anderen die perfekte Mischung aus allem, was mich als Drummer auszeichnet – vom Jam- und ­Improvisationsaspekt des Jazz bis zur Dichte eines kraftvollen Rock-Drummings.

Warum hast du dann deine Mitwirkung bei Motorpsycho im vergangenen Jahr beendet?

Kenneth Kapstad: Nun, ich war zehn Jahre Teil dieser Band, habe zig Alben mit ihnen aufgenommen. Das ist eine lange Zeit gewesen, länger, als ich bisher in jeder anderen Band gespielt habe. Und es war auch eine verdammt gute Zeit. Aber irgendwann stößt jede Formation mit ihren kreativen Möglichkeiten an ihre Grenzen, und dann muss man weiterziehen. Es ist ja auch nicht so, dass nur ich gegangen wäre – auch die beiden anderen fanden, dass es für sie wohl an der Zeit ist, sich einen neuen Drummer zu suchen, um dieser extrem altgedienten Band ein wenig frisches Blut einzuhauchen. Bent und Hans Magnus sind Motorpsycho, und alle Musiker, die mit ihnen spielen – ob jetzt Schlagzeuger, Geiger oder Keyboarder – sind stets nur gern gesehene Gäste auf Zeit. So gesehen war ich eh schon der längste Gast, den diese Band jemals hatte.

Du schreibst auch Songs, etwa für dein aktuelles Hauptinteresse Spidergawd. Wie schreibst du diese Songs? Auf welchem Instrument?
Kenneth Kapstad: Auf dem Schlagzeug tatsächlich. Ich spiele zwar ein wenig Piano, aber sehr schlecht; ­darauf kann ich nicht komponieren. Aber viele der Songs von Spidergawd sind schon komplett um die Schlagzeugspuren herum komponiert. Insofern kann man sagen, dass ich auf den Drums tatsächlich gewissermaßen komponiere. Aber ich würde mich deshalb nicht wirklich als Songwriter bezeichnen. Und doch trage ich meinen Teil zu der Entwicklung von Songs bei, der nicht zu unterschätzen ist. Das war auch bei Motorpsycho so.

Du hast schon erwähnt, dass du nicht so wahnsinnig viel übst. Wenn du es doch mal tust: Woran arbeitest du?
Kenneth Kapstad: Derzeit komme ich dazu tatsächlich überhaupt nicht, denn ich bin seit vier Monaten Vater, und das ist schon echt ein Fulltime-Job. Aber wenn ich mich doch mal hinters Kit zum Üben setze, sind es meist die absoluten Basis-Techniken, an denen ich feile. Es stellt für mich kein Problem dar, sehr komplexe, rhythmisch komplizierte Drumpatterns zu spielen; schwerer tue ich mich hingegen damit, ganz einfache, schlichte Rhythmen zu spielen. So etwas übe ich dann schon mal. Ich bin etwa ein großer AC/DC-Fan, und diese Rhythmen zu spielen, ist für mich zehnmal schwieriger als ein megakompliziertes Freejazz-Drumming.

Das kommt davon, wenn man Jazz-Schlagzeug studiert, korrekt?
Kenneth Kapstad: [lacht] Ja. Der komplizierte Shit ist das, was ich gelernt habe. Das Einfache hingegen ist mir oft fremd.

Wie näherst du dich dem?
Kenneth Kapstad: Indem ich immer wieder gewisse Regeln aufstelle. Etwa, das Schlagzeug nur mit der linken Hand zu spielen, während ich mit der rechten einen Shaker auf Achteln durchlaufen lasse. Oder, dass ich der linken Hand verbiete, etwas anderes als die HiHat zu spielen. So versuche ich, auch in den einfachen Rhythmen neue Ansätze zu finden.

Woran es keinen Zweifel geben kann: Sobald du hinter dem Schlagzeug sitzt, bist du von einer spürbaren Energie beseelt, du spielst stets extrem intensiv. Woher kommt diese fortwährende Energie, selbst wenn du schon seit Wochen auf Tour bist?

Kenneth Kapstad: Auch das klingt sicher nach einem Klischee, aber es ist für mich schlicht der größte Spaß auf diesem Planeten, Schlagzeug zu spielen. Und sobald ich das tue, spüre ich eben diese extreme Energie, die ich dann auch über das Kit rauslasse. Es gibt nichts Größeres für mich, als auf einer Bühne zu sitzen und Schlagzeug zu spielen. Und das spürt man dann wohl eben auch als Zuseher. Ich genieße wirklich immer jede Sekunde auf der Bühne. Es ist das Beste, was es gibt.

Ich habe dich schon viele Male live gesehen, und dabei immer den Eindruck gewonnen, dass du eine Art rauhen Sex mit deinem Kit hast: du liebst es sichtbar abgöttisch, gleichzeitig scheinst du eine große Freude daran zu haben, es richtig rüde zu verdreschen. Kannst du mit dieser Analogie was anfangen?
Kenneth Kapstad: [lacht sich scheckig] Ja, ich liebe mein Schlagzeug, aber ich stehe in keinem sexuellen Verhältnis dazu. Ich würde meine Snare nicht unbedingt vögeln wollen, aber es ist schon eine Form von Liebe, wie ich ihr begegne. [lacht] Aber wenn es für dich diesen Anschein hat, kann ich gut damit leben – letztlich ist es ja nur ein Ausdruck meiner Leidenschaft und Hingabe an dieses Instrument.

Welches ist für dich das beste Schlagzeug der Welt?
Kenneth Kapstad: Da muss ich mein altes Slingerland-Kit aus den Siebzigern nennen, ich liebe dieses Kit. Der Klang ist so voll und druckvoll, es ist einfach das beste Schlagzeug, das ich je gespielt habe.