Ringo Starr - Der unterschätzte Beatle

Wir werfen­ ­einen Blick auf die größten Momente des "unterschätzten Beatle": Ringo Starr.

Lennon war der begnadete Texter, McCartney der kreative Komponist und Basser, Harrison ein innovativer Lead-Gitarrist. Und Ringo Starr? Der war für viele einfach nur Ringo. Dabei ist das Drumming der Liverpooler Legende genauso essentiell für den Sound der Pilzköpfe wie die Beiträge seiner Kollegen. 

Irgendwann im Jahr 1968 fühlte sich Ringo Starr sogar selbst nicht mehr gut genug. Die Beatles nahmen gerade ihr Weißes Album auf, und als Starr eines Abends in den Londoner Abbey Road Studios zur Session erschien, fand er heraus, dass die Drum-Spur zu dem geplanten Song des Abends – "Back In The USSR" – bereits fertig war. Paul McCartney, seines Zeichens selbst ein passabler Trommler, hatte die Drums kurzerhand selbst eingespielt. Das war zuviel für Ringo. Er verließ die Session und verkroch sich mehrere Wochen Zuhause, während die restlichen Beatles – denen ihr Fauxpas mittlerweile bewusst geworden war – ihm Briefe schickten und mit Anrufen bombardierten. Eine Postkarte von John Lennon gab dann den Ausschlag, den ohnehin nicht sehr konfliktfreudigen Ringo wieder zurück in die Band zu holen. „Du bist der beste Rock-Drummer der Welt. Komm nach Hause“, hatte Lennon geschrieben. Es war der dringend notwendige Boost für Starrs Selbstbewusstsein, und als er wenige Tage später wieder in Abbey Road eintraf, hatte George Harrison Ringos Drumset mit Blumen geschmückt.

Die Krise war also überstanden – dennoch zeigt die Geschichte ein Dilemma, in dem sich Ringo Starr seit Jahrzehnten befindet: Sein Drumming wird in den meisten Fällen eher unter- als überschätzt. Dabei lohnt ein näherer Blick auf den Beitrag, den Starrs Schlagzeugspiel auf den Gesamtsound der Beatles hatte.

Starr – bürgerlich Richard Starkey – war ein kränkliches Kind, das nicht oft vor die Tür durfte. Anfällig für alle Arten von Entzündungen und Viren verbrachte der kleine „Ritchie“, wie ihn seine Eltern nannten, viel Zeit zu Hause – und damit auch hinter dem Schlagzeug, mit dem sich der kleine Ritchie in jeder freien Minute beschäftigte. Über seine Rolle als Drummer für Rory Storm & The Hurricanes lernte „Ringo“, wie er sich später selbst lieber nannte, die Beatles 1960 in Hamburg kennen. Ein paar Mal half Starr in Hamburg bei den Beatles aus, wenn deren eigentlicher Drummer Pete Best kurzfristig nach Großbritannien zurück musste. „Und jedes Mal, wenn Ringo spielte, fühlte sich unsere Gruppe noch kraftvoller an“, sagte McCartney Jahrzehnte später. Es war unvermeidlich: Zurück in Liverpool wurde Ringo 1962 der feste Drummer der Beatles, Pete Best musste seinen Hut nehmen.

Ringo Starrs holpriger Start

Die erste Recording-Session der Beatles aber startete für Ringo durchaus holprig: Produzent George Martin traute den Fähigkeiten des neuen Trommlers noch nicht so ganz und lud mit Andy White kurzerhand einen erfahrenen Studio-Drummer zu den Sessions ein. Der Song, der aufgenommen werden sollte, war die Lennon/McCartney-Song „Love Me Do“. Ringo bekam den ersten Versuch – und Martin war beeindruckt von Ringos sauberer und tighter Spielweise. Dennoch wollte Martin auch Versionen mit White an den Drums – immerhin war dieser schon da und hätte sein Geld auch bekommen, wenn er nicht gespielt hätte. Für diese Versionen blieb Ringo nur der undankbare Platz am Tamburin. Am Ende einigte man sich auf eine ungewöhnliche Lösung: Die Single-Version von „Love Me Do“ war eine Version mit Ringo an den Drums, Whites Variante landete auf der Beatles-Debüt-LP „Please Please Me“ – ein Zugeständnis an Produzent Martin und den Drummer selbst. Dennoch war danach klar: Die Beatles würden nie wieder einen StudioDrummer brauchen – Ringo konnte dank der Erfahrung hunderter Gigs problemlos mit den „Profis“ mithalten und „hatte einfach mehr Swing“, wie Lennon später bemerkte. Ringo hatte die Feuertaufe bestanden.

Ringo: kreativ und unkonventionell

Während Lennon und McCartney immer bessere Songwriter wurden und Harrisons Gitarrenspiel neue Höhen erreichte, entwickelte sich auch Starrs Drumming in erstaunlicher Geschwindigkeit. Während die damals bekanntesten Drummer – etwa Buddy Rich – für ihre Virtuosität und Geschwindigkeit bekannt waren, setzte Ringo auf einen anderen Trumpf: kreative Songdienlichkeit. Dennoch ließ der erste Song, auf dem Ringo glänzen durfte, nicht lange auf sich warten: Der Beat auf „Ticket To Ride“ mit seinem Flam-Einsatz und der Verwendung der ersten Tom für den Ryhthmus anstelle eines Fills zeigte, wie unorthodox Ringo an die komplexer werdenden Beatles-Kompositionen heranging, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. „Ticket To Ride“ ist der erste Beweis für die Virtuosität des legendären Drummers in Sachen kreativem Spiel, das dem Song dabei trotzdem nicht im Wege steht.

Best-of-Ringo-Momente

Mitte der 1960er Jahre tauchten die Beatles immer tiefer in die Welt der Psychedelik ab, und der Einsatz zusätzlicher Percussion-Instrumente wurde auf Alben wie „Rubber Soul“ und „Revolver“ wichtiger. Auch hier zeigte Ringo, was einen echten Teamplayer ausmacht – auf vielen eher folkigen Songs wie „Norwegian Wood“ ist gleich gar kein richtiges Drumset zu hören, dafür gibt Starr mit Tamburin, Maracas und Rasseln den Songs das richtige Soundgewand. Über die Aufnahmen des 1967er Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ sagte Ringo später: „Es ist ein tolles Album – aber während der Sessions habe ich gelernt, Schach zu spielen.“ Dennoch enthält die LP mit „Lucy In The Sky With Diamonds“ einen weiteren Best-Of-Ringo-Moment. Nach dem – für damalige Verhältnisse – ungewöhnlichen Becken-Einsatz in der Strophe zählt Starr mit drei kräftigen Tom-Schlägen den Chorus ein und bleibt dabei so simpel wie effektiv. Auf 2, 3 und 4 lässt es Ringo Starr einfach krachen, nimmt sich dann aber wieder einmal im Dienste des Songs zurück und beschränkt sich auf einen treibenden, aber unaufgeregten Backbeat mit einem Kick-Doppelschlag ab der 1. Besonders auffällig ist dabei das perfekte Zusammenspiel mit Paul McCartney. Maccas Basslauf ist perfekt auf den Beat abgestimmt, Ringos Akzente setzen den Bass effektvoll in Szene.

Kurz vor den Aufnahme-Sessions zu „Sgt. Pepper’s“ hatten die Beatles beschlossen, nicht mehr Live aufzutreten. Der Hauptgrund: Wegen dem Gekreische der Fans und den damals unterdimensionierten PA Anlagen konnte sich die Band auf der Bühne nicht mehr selbst hören – und auch für die Zigtausend Fans, die zu ihren Konzerten kamen, war das Sounderlebnis eher durchschnittlich. „Auf der Bühne konnte ich nicht hören, wo im Song wir eigentlich gerade waren. Also bin ich dazu übergegangen, mich an den Bewegungen von John, Paul und George zu orienteren“, erinnerte sich Ringo Starr in der Beatles-Doku „Anthology“. „Als wir dann im Studio zusammenkamen, wurde uns bewusst, dass wir durch das Anspielen gegen den Lärm bei unseren Konzerten immer schlechtere Musiker wurden.“ Was also tun mit all der freien Zeit, wenn man nicht auf Tour ist? Die Beatles nutzten die Zeit einfach im Studio – und das hörte man „Sgt. Pepper’s auch an“. Oder wie Paul McCartney es ausdrückte: „Wir wollten nicht mehr auf Tour gehen – also schickten wir die fiktive Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band auf Tour, nur eben als LP.“

Die Beatles reisen nach Indien

Nach den Sgt. Pepper-Sessions allerdings verspürte die Band den Wunsch nach einem organischeren Sound. Hinzu kam noch ein weiteres „Problem“: Neben Lennon und McCartney tat sich auch George Harrison als immer aktiverer Songwriter hervor. Nach einer gemeinsamen Reise nach Indien zum Guru Maharishi Mahesh Yogi – in erster Linie eine Reaktion auf den plötzlichen Tod von Beatles-Manager Brian Epstein – fand sich die Band Mitte 1968 mit einer schier unüberschaubaren Zahl an Songs und Songideen in London wieder. Mit einem deutlich organischeren Grundsound machten sich John, Paul, George und Ringo an die Aufnahmen zum Weißen Album, das aktuell in einer spektakulären Reissue als Remaster zum 50-jährigen Jubiläum neu aufgelegt wird.

Man merkt den Songs auf dem Weißen Album an, wie wichtig den Beatles der „Back to the roots“-Ansatz war. Das kam gerade den Vorlieben von Ringo entgegen. Die meisten Tracks wurden mit einem Livetrack begonnen – die Beatles spielten also die Basis des Songs gemeinsam ein. Und gerade bei solchen Tracks beweist Ringo einmal mehr sein einzigartiges Können. Starr brilliert in „Glass Onion“ mit knalligem Snare-Einsatz, macht „While My Guitar Gently Weeps“ dank seiner unkonventionellen HiHat-Arbeit unverkennbar, spielt sich in „Helter Skelter“ die Finger wund (man beachte den Aufschrei „I’ve got blisters on my fingers!“ nach dem Song) und liefert in „Yer Blues“ unglaublich kreatives Blues-Drumming ab, bei dem der sonst so straighte Beat-Bruder Ringo auch mal mit dem einen oder anderen Fill glänzt – und wo erstmals auch drei Toms hörbar werden.

Je größer die Spannungen innerhalb der Band während der letzten Jahre der Beatles wurden, umso kreativer wurde auch der musikalische Output. Zwar ging manchen die musikalische Entwicklung bisweilen zu weit – weitgehend unbestritten ist aber, dass das „Nicht-mehr-live-spielen“ und die totale Konzentration auf die einzelnen Parts im Studio die Beatles zu einer musikalisch besseren Band machte. Besonders Ringo drückt der Beatles-Spätphase in vielen Songs seinen Stempel auf – und das nicht unbedingt durch seinen Leadgesang auf Songs wie dem von ihm geschriebenen „Octopus’s Garden“ oder „Maxwell’s Silver Hammer“.

Vielmehr zählt sein Drumming auf dem Intro des „Abbey Road“-Openers „Come Together“ noch heute zu jenen Drum-Grooves, die jeder angehende Schlagzeuger spielen können möchte. Das Zusammenspiel von Hi-Hat und Tom-Lauf lässt den Schluss zu, dass Ringo diesen Part wie eine Art Gitarren-Riff konzipiert hat – Note für Note. Ein ungewöhnlicher Ansatz für Drummer. Auf „Don’t Let Me Down“ schlurft Ringo Starr auf der Hi Hat vor sich hin und gibt dem Song dadurch die nötige Schwere. Erwähnenswert sind hier auch die Akzente, die Starr im Zusammenspiel mit George Harrison und Keyboarder Billy Preston betont. Für damalige Verhältnisse auch unkonventionell sind die Ghost-Schläge, die Starr in den Strophen in den ansonsten straighten Beat einbaut. Gerade bei „Don’t Let Me Down“ wird deutlich, welch guter und intuitiver Live-Drummer Ringo Starr ist. Die Aufnahme, die am Ende auf „Let It Be“ landete, besteht aus Live-Takes des legendären Rooftop-Konzerts, das die Fab Four – ergänzt um Keyboarder Preston – am 30. Januar 1969 auf dem Dach ihrer Firmenzentrale gaben.

Ringo Starrs Solo-Karriere

Später, nach der Auflösung der Beatles, trat das Drumming auf Ringos Solo-Platten zugunsten seiner Rolle als Frontmann deutlicher in den Hintergrund. Seinen Charme hinter den Trommeln aber hat der heute 78-jährige nie verloren. Dabei hat Ringo gerade in seinen acht Jahren bei den Beatles – wie alle seine Bandkollgen – eine erstaunliche musikalische Entwicklung vollzogen:

Weg vom simplen Taktgeber der frühen Jahre, hin zum kreativen Trommler mit absolut eigenständigem Sound. Die Wende seiner Bandkumpane hin zu legendären Songwritern formte Ringo durch seine Spielweise maßgeblich mit.

Paul McCartney betont seit Jahren, er wäre ohne John Lennon nicht der Songwriter geworden, der er wurde. Lennon sagte kurz vor seinem Tod Ähnliches über Macca. Harrison macht Zeitlebens keinen Hehl daraus, dass er von Lennon/McCartney anfangs eingeschüchtert und später angespornt war.

Und Ringo? Der sorgte mit seinem Schlagzeugspiel dafür, dass ein Beatles-Song problemlos am Schlagzeugsound erkannt werden kann – und dass jeder Drummer noch heute einige seiner typischen, songdienlichen Drumming-Highlights nachspielen will.

Einen Einfluss, den er übrigens auch auf seinen Sohn hatte: Zak Starkey trommelt seit knapp zwei Jahrzehnten für The Who, dessen Ur-Drummer Keith Moon sein Patenonkel war. Außerdem war Zak auch für Oasis und die Kult-Britpopper The La’s tätig – allesamt Bands, die es ohne das Werk seines Vaters wahrscheinlich gar nicht gegeben hätte.

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