Rock im Wald 2017: Backbeats im Wald-Idyll

Jedes Jahr Ende Juli lockt „Rock im Wald“ vornehmlich die Stoner- und Psychedelic-Rock-Gemeinde in die oberfränkische Provinz. Das Festival gilt zwar noch als Geheimtipp, doch längst klopfen dort auch international gefragte Bands an. Neben reichlich entspannter Festival-Atmosphäre, mächtigen Gitarrenwänden und fetten Backbeats, kann man hier auch den ein oder anderen Star von morgen erleben – und auch eine Reihe von interessanten Drummer-Entdeckungen.

Wenn sich Kutten-, Bart- und Mattenträger im beschaulichen Neuensee in Oberfranken versammeln, wissen mittlerweile nicht nur Insider: es ist Zeit für Rock im Wald. Am Wochenende des 28. und 29. Juli fand die mittlerweile 19. Ausgabe des Festivals im oberfränkischen Neuensee bei Lichtenfels statt. Was einst vor Jahren aus einer Geburtstagsparty entstanden war, hat sich mittlerweile zum Kultfestival in der Region entwickelt. Dabei schätzen die Besucher nicht nur die abwechslungsreiche Mischung an Bands, die in diversen Rock-Genres wie Stoner-, Psychedelic-, Space- und Dark-Rock sowie Punk und Hardcore angesiedelt sind. Die familiäre Atmosphäre inmitten des von Baumwipfeln umgebenen Festivalgeländes mit kurzen Wegen kommt einfach sympathisch rüber.

Bereits im Mai war das zweitägige Festival, zu dem bis zu 2.000 Besucher aus ganz Deutschland und dem Ausland angereist waren, ausverkauft gewesen. Seit Jahren ist das Festival auch bei ausländischen Bands, vor allem aus Nordeuropa sehr beliebt, was sich auch im Lineup widerspiegelte. So waren dieses Jahr gar sieben Bands aus Skandinavien am Start.


Die Göteborger Jungs von Scumbag Millionaire legten los wie die Feuerwehr und zockten in bester Hellacopters- und Turbonegro-Manier schnörkelosen Rotz-Rock mit lässiger Punk-Attitüde.

Nicht weniger heftig ging es bei den schwedischen Kollegen der Deadheads zur Sache, wenn gleich der Anteil an klassischem 70er-Hardrock etwas stärker ausfiel – was man auch am Outfit erkennen konnte.

 

Mit den Combos Dool und DeWolff traten danach zwei Bands aus den Niederlanden auf. Bis auf ihre Heimat hatten sie musikalisch nur wenig gemeinsam. Die teils düsteren klingenden Arrangements mit reichlich hypnotischen Melodien und der leidenschaftlichen Stimme von Gitarristin und Sängerin Ryanne van Dorst stand im krassen Gegensatz zu DeWolffs von Deep-Purple-angehauchtem Stil mit swingenden Shuffle-Grooves und dröhnenden Hammond-Orgel-Sounds.

 

 

Und auch wenn eine Band ausfiel, konnten die Veranstalter auch kurzfristig für Ersatz sorgen. Die Stoner-Doom-Rocker von Earth Ship sprangen für die griechische Stoner-Formation 1000Mods ein und sollten das Publikum nicht enttäuschen.

Die Schweizer Formation Zeal and Ardor sollten mit ihrer Performance eine richtige Abwechslung sorgen. Ihr Stilmix aus mehrstimmigen Gesängen mit Gospel-Flair und abrupten Black-Metal-Eruptionen dürften die meisten Zuschauer bis dato noch nicht gehört haben.

 

 

Als letzte Band des ersten Festivalabends traten die „Zeitreisenden“ Kadavar aus Berlin auf. Das Trio mit trieb die Sound-Ästhetik von 70er-Jahre-Hard-Rock-Bands wie Black Sabbath und Hawkwind auf beeindruckende Weise auf die Spitze. Drummer Christopher „Tiger” Bartler wirbelte wie ein Berserker an seinem Set und peitschte in seine beiden Bandkollegen Christoph „Lupus“ Lindemann an der Gitarre und Basser Simon „Dragon“ Bouteloup unermüdlich nach vorne.

Am zweiten Festivaltag eröffneten die Würzburger Heavy-Rocker von Captain Duff den Reigen. Ihre Musik zitierte Old-School-Acts wie Motörhead und Saxon, und gesanglich erinnerte es an Glenn Danzig.

Brutal war beim folgenden Act Brutus vor allem die Power mit der Sängerin und Schlagzeugerin Stefanie Mannert überzeugen konnte. Das belgische Trio hatte vor kurzem mit ihrem Debüt mit einer Mischung aus Post-Hardcore, Shoegaze und Psychedelic einen beachtlichen Einstand hingelegt.

Der Schweden-Vierer Skraeckoedlan (zu deutsch: „Horror-Echse) luden mit ihrem niederwalzenden Stoner-Rock zum fleißigen Matte-Schütteln ein.

Wieder deutlich mehr in Richtung Classic-Rock mit kreischenden und virtuosen Gitarrensoli ging es hingegen bei Death Alley. Bei sommerlichen Temperaturen kamen nicht nur die vier Niederländer ordentlich ins Schwitzen, sondern auch die Besucher vor der Bühne mussten ihren Flüssigkeitsverlust mit einigen Kaltgetränken stillen. Auf die schweißtreibenden Anheizer für ihre Shows dürfen sich auch Kadavar freuen. Im Herbst 2017 werden Death Alley im Vorprogramm der Europa-Tour von Kadavar zu sehen sein.

Die richtige Balance zwischen lässigem Punk’n’Roll und griffigen Melodien fanden die Bloodlights aus Norwegen. Frontmann Captain Poon (Ex-Gluecifer) sorgte mit schmissigen Gesangslinien und charmanten Ansagen für lockere Stimmung. Die anschließende Band Horisont aus Schweden brachten dann wieder 70er-Klänge á la UFO und Michael Schenker unters Publikum.

Ebenfalls kein Neuling auf dem Festival, doch gerade wegen ihrer Live-Qualitäten wurden die Truckfighters nach 2014 zum zweiten Mal gebucht. Das schwedische Power-Trio um Basser und Sänger Ozo, Gitarrist Dango und Drummer El Danno brachte durch ihren urgewaltigen und hypnotischen Desert-Rock mit brutzelnden Fuzz-Klängen die Menge zum Toben, was teilweise zu überhöhten Bewegungsdrang mit unkontrollierten Hüpf-Anfällen beim Publikum führte.

Für einen würdigen Ausklang des Festivals, nicht unbedingt mit Pauken und Trompeten, dafür mit viel Atmosphäre und emotionalem Tiefgang, sollte die isländische Formation Sólstafir sorgen.

Das Festival-Lineup als überwiegend Stoner-Rock-lastig zu bezeichnen, wäre vermessen, denn auch innerhalb dieses Subgenres, gibt es diverse Ausprägungen, was die Künstler nur zu gut unter Beweis stellten. Die Mischung aus klassisch geprägtem Hard Rock, Punk, Hardcore, Stoner- und Psychedelic-Rock findet man so nur auf wenigen Festivals.