Interview: Simon Phillips – Meister aller Klassen

Toto, The Who, Judas Priest: Simon Phillips' Jobs beinhalten die ganz Großen der Musikszene. Im Interview sprach der ewig jugendliche Schlagzeuger über seine Trommel-Karriere, sein Drumset und warum das mit ihm und der Formel 1 nie etwas werden konnte.

DH!!: Simon, du hast über 20 Jahre lang bei Toto gespielt und mit Platten wie „Tambu“ Geschichte geschrieben. Welcher Drummer kennt nicht den prägnanten Tom-Groove von „I Will Remember“? Wie kam es zu der für viele Fans schockierenden Entscheidung, bei Toto auszusteigen?
Simon Phillips: Oh boy, da gibt es sehr viele Gründe. Ich war 21 Jahre Schlagzeuger der Band, die sich im Laufe der Zeit stark verändert hat. Das ist an sich in so einem langen Zeitraum nichts Ungewöhnliches, aber Toto hatte in den 2000ern mit schweren Verlusten zu kämpfen. 2006 war die letzte Tour mit Mike [Porcaro, Bass], der danach aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr spielen konnte. In etwa derselben Zeit verloren wir David Paich [Keyboards], der ebenfalls gesundheitliche Schwierigkeiten hatte und zudem einfach tourmüde war. 2008 waren wir dann an einem Punkt, an dem wir uns nicht mehr sicher waren, ob die Band in dieser Besetzung noch Sinn ergab, denn außer Steve Lukather war keines der Gründungsmitglieder mehr dabei. Daher beschlossen wir, die Band aufzulösen. Für mich war hier das definitive Ende von Toto gekommen. Wir haben zwar 2010 noch einmal eine Reunion-Tour gespielt, allerdings mit dem wesentlichen Hintergrund, um unseren an ALS erkrankten Freund Mike zu unterstützen. Aber es war einfach nicht mehr dasselbe. Ich hatte zudem noch ein paar andere Projekte laufen und somit zeitliche Schwierigkeiten, alle Toto-Termine und meine eigenen unter einen Hut zu bringen. Da musste ich dann einfach Prioritäten setzen. Es war keine leichte Entscheidung,  aber ich werde ja auch nicht jünger, und es gibt noch so vieles, das ich noch nicht gemacht habe.

Dein Vorgänger bei Toto war niemand anderes als Studio-Legende Jeff Porcaro, der 1992 mit nur 38 Jahren nach einem Herzinfarkt verstarb. Wie ist die Band auf dich gekommen? 

Simon Phillips: In dieser Zeit habe ich viel als Session-Drummer in England gearbeitet. Da ich aber auch immer mehr Anfragen aus den USA bekam, hatte ich schon 1990 in Erwägung gezogen, nach L.A. zu ziehen. 1992 war es dann soweit. Ich befand mich mitten in meinem Umzug, als ich einen Anruf von Luke [Steve Lukather] bekam. Durch meine lange Arbeit als Studiomusiker kannte ich die Band und die Musiker flüchtig. Seinerzeit hatte ich aber überhaupt keine Ahnung, was Toto gerade machten und ob sie überhaupt noch auf großen Bühnen spielten. [lacht] Das lag daran, dass die Band damals vor allem in Europa erfolgreich war, ich aber viel in den USA arbeitete. Nach Jeffs plötzlichem Tod stand die Band unter enormen Druck, denn eine große Tour war gebucht und 42 Konzerte waren noch offen. Bei einer Krisensitzung kam ich wohl recht schnell ins Gespräch …  

 
 

Als direkter Nachfolger von Jeff einzusteigen, war sicherlich eine große Ehre ...
Simon Phillips: Definitiv! Allerdings war es auch nicht das erste Mal, dass ich in große Fußstapfen treten musste. Es war ebenfalls eine große Ehre, die Nachfolge von Keith Moon und Kenny Jones bei The Who anzutreten.

Du hattest schon vor Toto eine beachtliche Karriere hingelegt. Wie hat sich das entwickelt?
Simon Phillips: Genau genommen fing ich professionell an zu trommeln, als ich zwölf Jahre alt war. Ich habe damals in der Jazzband meines Vaters getrommelt, einer Dixieland-Tanzband. Nach ein paar Jahren nahm mein Vater mich mit ins Studio, um mit der Band aufzunehmen. Damals waren die Studiosessions sehr anspruchsvoll, da die technischen Möglichkeiten noch stark eingeschränkt waren. In nur drei Stunden wurden zwölf Songs – in Mono – direkt auf Band eingespielt. Das war quasi meine Ausbildung; ich konnte sehr viele wertvolle Erfahrungen sammeln. Als ich 17 war, hatte ich Glück und wurde zu einer Schlagzeuger-Audition der Broadway-Show „Jesus Christ Superstar“ eingeladen, die in London aufgeführt wurde. Ich bekam das Engagement und wurde fester Drummer der Show. Schon nach kurzer Zeit wurde ich immer öfter gebeten, auf Demos meiner Musical-Kollegen zu spielen. Das hat den altbekannten Schneeballeffekt ausgelöst. Mit der Zeit wurden die Produktionen immer größer. 1973/74 boomte die Musikindustrie, und immer mehr Studios eröffneten in und um London. Es gab also sehr viel Arbeit für mich. Ich war sozusagen zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Wie gelang dir der Sprung von der Insel in die USA?

Simon Phillips: Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger waren einige Alben, auf denen ich gespielt habe, auch international erfolgreich [von Künstlern wie Mike Oldfield, Art Garfunkel, Pete Townsend, Jeff Beck]. Dadurch bekam ich als Drummer internationale Aufmerksamkeit und damit mehr und mehr Anfragen aus den USA.

Du wirst nicht nur als Drummer viel gebucht, sondern auch als Produzent und Toningenieur. War es eine bewusste Karriereentscheidung, zweigleisig zu fahren, oder hat sich das zufällig entwickelt?
Simon Phillips: Als ich in den Siebzigern mehr und mehr Sessions spielte, beobachtete ich immer sehr genau, was die Tonmeister im Studio gemacht haben, um zu lernen, welche Geräte sie nutzten und wie sie diese in der Session einsetzten. Ich wollte verstehen, warum meine Drums in der einen Session super klangen und in der anderen nicht, obwohl ich an meinen Drums nichts verändert hatte. Darüber hinaus wollte ich den kompletten Produktionsprozess begreifen und lernen, wie man wirklich Platten macht. Im Laufe der Jahre habe ich mit vielen Produzenten gearbeitet und ihnen auf die Finger geschaut. Jeder hat seine eigenen Arbeitsmethoden. Es gibt viele verschiedene Wege, um einen Song im Studio aufzunehmen. So bekam ich sehr viel Input und Inspiration. Gegen Ende der Siebziger habe ich selbst angefangen, Musik zu komponieren und zu produzieren. Damals war es noch üblich, dass der hauseigene Tonmeister an den Reglern saß und ich als Produzent nur daneben. So richtig entwickelt hat sich das Ganze aber erst 1983, als ich anfing, mit Mike Oldfield zu arbeiten. Anfangs war ich nur sein Trommler, bis er mich eines Tages fragte, ob ich nicht Lust hätte, sein nächstes Album zu produzieren. Das war eine sehr lehrreiche Produktion für mich. Mike ist selbst ein sehr guter Toningenieur, aber ich glaube, er hatte es zu diesem Zeitpunkt einfach satt und wollte sich mehr aufs Musikmachen konzentrieren. Gleichzeitig war ihm aber wichtig, dass er einen Engineer dabei hat, der Musiker ist und nicht einfach nur Techniker. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, dass er mir diese Chance gegeben hat, denn das hat für mich viele neue Türen geöffnet. Das Album, das daraus entstanden ist [Crises, 1983] war eines seiner erfolgreichsten Alben und meine erste goldene Schallplatte. (Seine detaillierte Diskographie findet ihr auf Simon Phillips' Homepage)

Simon Phillips Drum-Groove

Du hast mit Phantom Recordings dein eigenes Tonstudio in L.A. Hast du dieses Studio gezielt für Drumrecordings konzipiert, oder steckten größere Absichten dahinter?
Simon Phillips: Bereits 1996 hatte ich mir in meinem Haus in L.A. ein Studio eingerichtet. Dieses Homestudio ist mit der Zeit gewachsen. Die Produktionen wurden nach und nach größer. Wir haben beispielsweise mit Toto das Album „Through the Looking Glass“ dort aufgenommen, und irgendwann war es einfach zu klein. Außerdem ist ein ganz schöner Einschnitt in die Privatsphäre, wenn ständig Leute zu dir nach Hause kommen, um aufzunehmen. Irgendwann wollte ich das nicht mehr. Aus dem Gedanken, mit dem Studio auszuziehen, ist Phantom Recordings entstanden. Ich habe es als professionelles Aufnahmestudio konzipiert. Im Zentrum ist der große Live-Raum mit zwei direkt angrenzenden isolierten Kammern. So kann eine Band zusammen aufnehmen, während die Verstärker akustisch isoliert in der Booth stehen. Im Kontrollraum steht eine Neve-Konsole, außerdem gibt es eine Lounge und eine Küche, so dass man als Band mehrere Tage ungestört arbeiten kann. Das war mein Konzept. Allerdings hat sich das Recording-Business schon kurz nachdem ich das Studio eröffnet hatte, stark verändert. Immer öfter kam es vor, dass die Musiker zu Hause Aufnahmen machten und mir die Spuren schickten. Mit der flächendeckenden Einführung von High Speed Internet war es auf einmal kein Problem mehr, ganze Sessions hin und her zu schicken. Ich habe auf vielen Platten gespielt, bei denen ich die Musiker nie persönlich getroffen habe. Dann war es auf einmal viele Jahre Trend, alles unabhängig voneinander aufzunehmen, oft auch aus Kostengründen. Inzwischen haben viele Musiker wieder den Wunsch, ein Album gemeinsam in einem Studio einzuspielen. Leider scheitert es heute oft am Geld. Das Internet hat nämlich auch dazu geführt, dass viele Menschen keine CDs mehr kaufen, weil sie ja alles kostenlos online bekommen. Die Generation der Menschen, die für Musik Geld bezahlt, stirbt langsam, aber sicher aus, und das ist ein echtes Problem. Denn je weniger Geld mit Musik eingespielt wird, desto weniger ist auch da, um in neue Musik zu investieren. Die Musikindustrie hat sich in eine sehr beunruhigende Richtung entwickelt.

Simon Phillips Equipment

DrumsBeckenHardwareStöcke
Tama Star Maple (Satin Burgundy Red Finish)

24 x 15“ Bassdrum (2x)
14 x 6,5“ Haupt-Snare
10 x 7“,12 x 9“,
13 x 10“, 14 x 11“, 15 x 12“,
16 x 13“ Toms

18 x 14“ Floortom

20 x 14“ Gong-Bassdrum

Low-Pitch Octobans
(4x)
12 x 5“ Sidesnare links
10 x 5,5“ Sidesnare rechts
Zildjian
24“ Avedis Swish
Knocker Ride (1979)
22“ Armand Ride
14“ A Beat Hi-Hat
12“ Armand Splash
19“, 18“ A Thin Crash;
17“ Armand Thin Crash
18“ K Zildjian EFX und      14“Trashformer (oben) als Stack
Tama Iron Cobra  Rolling Glide
Singlepedal
Iron Cobra Lever
Glide Hi-Hat-
Maschine
Star Doppel-Tomstativ
 Roadpro Galgen- und gerade Beckenständer

Promark 707 Signature-Modell

Du blickst auf eine Karriere von beeindruckenden 48 Jahren als professioneller Schlagzeuger zurück. Warst du jemals an einem Punkt, an dem du in Rente gehen wolltest, um mehr Zeit für Hobbys, Freunde oder Familie zu haben?
Simon Phillips: Den Punkt gab es, aber eigentlich nur einmal. So ungefähr um 1984/85 herum brach für mich eine neue Ära an. Ich hatte gerade angefangen, mit Mike Oldfield zu arbeiten, und etablierte mich mehr und mehr in der Rolle als Produzent. Wir hatten einige große Touren gespielt und zwei sehr erfolgreiche Alben zusammen gemacht. Vor allem der unerwartet große Erfolg der Alben ermöglichte es mir zum ersten Mal, mir eine gewisse Zeit freizunehmen, ohne dass ich mir Sorgen um Jobs machen musste. Ich hatte einfach Zeit, mal etwas völlig anderes zu machen, und so widmete ich mich dem Rennsport. Ich hatte eine große Leidenschaft dafür und wollte unbedingt lernen, einen Rennwagen zu steuern. Damals fuhr ich fast jeden Tag, und je mehr und intensiver ich mich mit dem Thema beschäftigte, umso größer wurde der Wunsch, diesen Sport professionell auszuüben. Ich war natürlich schon viel zu alt mit meinen 28 Jahren, um eine reelle Chance in der Formel 1 zu haben, aber ich dachte: Vielleicht reicht es ja für die Sportwagenmeisterschaften in der Gruppe C. Ich musste dazu lediglich eine internationale C-Lizenz bekommen, was an sich nicht so schwierig war. Ich brauchte lediglich die nötige Zeit und das nötige Talent dafür. Allerdings musste ich mir recht bald eingestehen, dass vor allem letzteres nicht ausreicht. Ich hatte einfach keine Chance gegen viele meiner jungen Kontrahenten. Nichtsdestotrotz hatte ich eine großartige Zeit, aber letzten Endes ist es nur ein Hobby geworden. Ich habe mir später noch ein eigenes Auto gekauft und bin damit auch Rennen gefahren. Obwohl es mir wirklich großen Spaß gemacht hat, war klar, dass ich nicht zum Rennfahrer geboren war. Und damit bin ich der Musik treu geblieben, was ich nie bereut habe.

Das wäre ja auch ein eher ungewöhnlicher Karrierewechsel gewesen …
Simon Phillips: Es gibt mehr Parallelen zwischen Musik und Autorennen, als man denken würde. Sehr viele Musiker haben dieses Hobby, zum Beispiel Charlie Morgan, Mark Knopfler, Nick Mason oder Chris de Burgh. Aber auch Tony Williams oder Markus Miller. Ich kenne viele Musiker, die vom Motorsport fasziniert sind. Auch George Harrison hat ihn geliebt. Du wärst erstaunt, wie viele Musiker selbst Rennen fahren!