Story: Stewart Copeland

Stewart Copeland gilt als einer der innovativsten Drummer der Rock-Geschichte. Sein unorthodoxer Ansatz machte The Police zur wichtigsten Band der frühen 80er. Grund genug, um einen Blick auf das einzigartige Spiel der Drum-Legende zu werfen.

"Ich bin ein Weltbürger." Das sagt Stewart Copeland gerne und oft über sich selbst. Geboren wurde er in Virginia, aufgewachsen ist der Sohn eines CIA- Mitarbeiters unter anderem in Kairo, später im Libanon. Noch heute bezeichnet er in Interviews Beirut als seine Heimatstadt und die Libanesen als "seine Leute".

Genau diese Verbindung zum Nahen Osten nennt Copeland auch als Ursache für seinen ungewöhnlichen Ansatz am Schlagzeug. Mit zwölf Jahren beginnt er mit dem Schlagzeugspiel, bringt sich bis auf ein paar wenige Unterrichtsstunden alles selbst bei, und verdrängt in seiner amerikanischen Schule den eigentlichen Drummer der Schulband innerhalb von nur einem Jahr.

Copelands große Leidenschaft damals: Jazz, Reggae und arabische Musik. Ende der 1960er zieht der gebürtige US-Amerikaner zunächst nach Großbritannien, dann alleine zurück in die USA, später geht er nach London.
Dort beginnt auch seine eigentliche Karriere als Drummer: Zunächst arbeitet Copeland als Drummer für die nach einer Pause wiedervereinigte Prog-Rock-Band Curved Air, angeführt von Copelands künftiger Frau Sonja Kristina. Als deren Drummer aussteigt, übernimmt Stewart Copeland die Position – und die Band kommt nach vielen Jahren des Darbens endlich in Fahrt. Innerhalb weniger Monate erarbeitet sich die Gruppe einen Ruf als exzellente Live-Band – und besonders die Performance ihres neuen Schlagzeugers erregt bald die Aufmerksamkeit des Musikbusiness.  

Copeland und The Police

Während einer Session für den deutschen Dirigenten Eberhard Schoener lernt Copeland Sting und Andy Summers kennen. Wenig später gründet der talentierte Drummer mit Sting und dem Gitarristen Henry Padovani The Police, bevor Summers den Platz am Sechssaiter einnimmt.

Nachdem sich Copelands Rolle bei Curved Air eher darauf beschränkt hatte, die Drum Parts seiner Vorgänger nachzuspielen, entwickelt er bei den Police Songs seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil – und besinnt sich auf die Wurzeln, die ihn in seiner Jugend geprägt haben. Dabei ganz
vorne, weil Mitte der 70er extrem angesagt: Reggae. Und so mischt Copeland in die Musik von The Police, die so furchtbar gern auf den aktuell rollenden Punk-Zug aufspringen wollen, eben jene Elemente aus Reggae, Latin und Jazz.

Im Gegensatz zu den Drummern anderer Punk Bands spielt Copeland die linke Hand im Traditional-Stil – und er hat auch mehr an seinem Instrument zu bieten als simples "One, Two, Three, Four".

Copeland verschiebt die Bassdrum von Eins und Drei auf Zwei und Vier, arbeitet Ghost-Schläge auf der Snare in seine Grooves ein, wählt ungewöhnliche Hi-Hat-Patterns. Der Song, der den großen Durchbruch für seine Band bedeutet, lebt von Copelands unorthodoxem Drumming: "Roxanne" lässt die Radiohörer aufgrund seiner eingängigen Melodie und dem Text über eine Prostituierte aufhorchen. Die Musiker unter den Zuhörern dagegen feiern die ungewöhnliche Akkord-Struktur des Songs – und Copelands einzigartiges Drumming.  

Copelands Karriere als Film-Komponist

Mit The Police veröffentlicht Copeland bis 1983 fünf Alben, nach dem Über-Werk "Synchronicity" löst sich die Band auf dem Höhepunkt ihrer Popularität auf. Während Sting eine äußerst erfolgreiche Solo-Karriere startet und Andy Summers seiner Leidenschaft nachgeht und Foto-Bücher und obskure Jazz-Alben veröffentlicht, zieht es Copeland nach Hollywood. Dort macht er sich in den späten 80ern einen Namen als Filmkomponist, unter anderem für Klassiker wie "Wall Street" und "She’s Having A Baby".

Dennoch wird Copeland wegen seines einzigartigen Schlagzeugspiels immer wieder von anderen Künstlern für deren Alben gebucht, spielt für Peter Gabriel und Tom Waits. Der Versuch einer Police-Reunion 1986 scheitert nach drei begeisternden Konzerten im New Yorker Shea Stadium bei den anstehenden Studio-Sessions: Copeland, ein leidenschaftlicher Polo-Spieler, fällt bei einem Match von seinem Pferd und bricht sich dabei den Arm. An Schlagzeugspielen ist also nicht zu denken, und so enden die Aufnahme-Sessions mit einem halbgaren Remix des Police-Hits "De Doo Doo Doo, De Da Da Da" unter Mitwirkung eines Drum-Computers. Es sollte das letzte Kapitel von The Police für mehr als 20 Jahre sein.

Das nächste Mal findet eine "Reunion" im rein privaten Rahmen statt, 1993 auf Stings Hochzeit. "Wir saßen alle herum, die Hochzeitsband machte gerade Pause, die Instrumente lagen da, und von allen Seiten redeten die Gäste auf uns ein", erinnert sich Copeland. "Also sagten wir irgendwann: Na gut, lasst es uns tun! Wir spielten die ersten Takte von Message In A Bottle, und nach 30 Sekunden war es wieder da, dieses Ding, das wir alle so liebten und gleichzeitig hassten." An gemeinsame Konzerte war also nicht zu denken – noch nicht.  

Stattdessen widmet sich Copeland – neben seinen Filmtätigkeiten – ab den späten 80ern anderen Projekten. 1987 gründet er zusammen mit Jazz-Bassist Stanley Clarke und Sängerin Deborah Holland die Supergroup Animal Logic, mit der er zwei Alben veröffentlicht, die zwar kommerziell nur mäßig erfolgreich sind, von der Kritik aber in den Him mel gelobt werden. Dabei spielt Copeland nicht nur mit seinen zwei Bandkollegen, sondern auch mit anderen Virtuosen zusammen: Als Session-Musiker spielt unter anderem auch Rusty Anderson mit Animal Logic.

Wenige Jahre später wird er Lead-Gitarrist in Paul McCartneys Live-Band. Auch Police-Kollege Andy Summers wirkt anfangs bei der Band mit, steigt aber nach einer Tour durch Brasilien aus, um sich mehr um seine Jazz-Projekte kümmern zu können.

Drum-Legende Stewart Copeland

Nebenbei arbeitet Copeland an seinem Status als Drum-Legende. Er wird zum gefragten Interview-Partner aller Drum-Magazine dieser Welt, gibt weltweit Workshops, entwickelt mit seinem Partner Tama neue Toms und Snares. Denn, das stellt Copeland Anfang der 2000er fest: "Ich mache alles Mögliche – aber Trommeln ist immer noch meine absolute Lieblingsbeschäftigung. Schlagzeug spielen ist ein No Brainer für mich."

Und genau so spielt Copeland auch, als er 2003 zum ersten Mal
nach Jahren wieder vor dem ganz großen Publikum auftritt. The Police werden in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen und tun sich zu diesem Zweck für ein paar Songs wieder zusammen. Etwas holprig ist die Performance, die Band wirkt unsicher, es gab nicht genug gemeinsame Proben. Auch das persönliche Klima ist nur so lange gut, bis es um die Musik geht – dann brechen die alten Gräben wieder auf. Auf der einen Seite Sting, der Musik gerne behandelt wie Schach, wie er selbst in Interviews zugibt: "Ich mag es, wenn ich sagen kann: Wenn ich diese Figur dort hinstelle, passiert dies und das."

Auf der anderen Seite der Inbegriff des intuitiven Drummers: Stewart Copelands Spiel lebt von seiner Spontaneität und seiner Unbeherrschtheit. Man weiß nie, was er als Nächstes tut. Und dazwischen spielt Andy Summers den Vermittler, der diese beiden Gegenpole mit seinen sphärischen Gitarrensounds und seinem filigranen Spiel zusammenhält.

The Police - die Reunion

Als schon fast niemand mehr an eine richtige Reunion glaubt, starten The Police 2007 eine fast zweijährige Welttour, auf der besonders Copeland beweist: Er kann es noch. Kritiker und Fans sind beeindruckt von der Show, die das Trio auf die größten Bühnen der Welt zaubert. Über das letzte Konzert im New Yorker Madison Square Garden schreibt etwa die New York Times: "Stewart Copeland zeigt mit Mitte 50 allen jungen Drummern noch einmal, wie ein Drummer virtuos und songdienlich zugleich sein kann. Ohne Copeland wären The Police eine völlig andere Band."

Nach Abschluss der Welttournee gehen The Police wieder getrennte Wege – diesmal aber unter wesentlich positiveren persönlichen Umständen.

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