Donot-Drummer Eike Herwig

Der Bandname Donots ist angelehnt an das englische „Do Not“, also "Nichts tun". Was so alles zum „Faulenzen“ dazugehört, hat uns Drummer Eike Herwig erzählt.

„Lauter als Bomben“ ist mitunter ein sehr politisches Album. Es enthält Text­stellen wie „Wir haben genug gehört und schon zu viel gesehen“. Von wem oder was habt ihr genug gesehen und gehört?
Das ist schon ein kritisches Statement. Populistische Standard-Parolen von allen Seiten. Schau dir die ganze Flüchtlings­thematik an, es wird gejammert und gehetzt und kaum hinterfragt, warum ­diese Menschen ihr Land verlassen müssen. Rattenfänger schwenken da die große Fahne und vergessen jegliche Menschlichkeit. Genau davon haben wir wirklich genug! Wir wollen einfach sagen: Leute, geht offenen Auges durch die Welt und schaut euch an, was wirklich los ist. Blickt hinter die Kulissen und fragt euch, was diese Menschen von euch wollen und mit welchen Mitteln sie euch locken. Ich denke, unser Sänger Ingo hat dafür ganz gute Zeilen gefunden, ohne platt zu klingen.

Ist diese politische Message für dich als Drummer einfach nur ein Job oder haust du mit deinem Spiel auch so etwas wie ein ­politisches Statement raus? Projizierst du also deine Wut auf das Instrument, um dich auszudrücken?
Teils, teils. Manchmal ist man hinterm Set so angestrengt und konzentriert, dass man einfach „nur“ der Schlagzeuger ist. Man ist dann fokussiert auf die Musik. Ist man aber eingespielt und merkt, die Maschine rollt, dann grölt man die Texte auch selbst mit. Ich bin dann voll drin, und das sind für mich live die geilsten Momente. Ich fühle die Message, grad bei den neuen deutschen Texten, dann volle Kanne, besonders dann, wenn das ganze Publikum die Texte mitschreit. In diesem Augenblick sehe ich das für mich auch als ein Statement, das ich zusammen mit  Band auf der Bühne abgebe.

„Lauter als Bomben“ ist euer zweites deutschsprachiges Album. Warum habt ihr euch dazu entschlossen, weiter auf Deutsch zu singen?
Der Wunsch, auf Deutsch zu singen, wurde schon seit etwa zehn bis zwölf Jahren von verschiedenen Seiten an uns herangetragen. Wir haben aber immer gesagt: Nee, da haben wir keinen Bock drauf, das passt nicht zu uns – bis wir 2013 mit Flogging Molly auf USA-Tour waren. Wir haben da in großen Hallen gespielt. 3000 bis 6000 Leute passten da rein, und alle, wirklich alle, haben die Texte von „Flogging Molly“ mitgebrüllt. Das war einfach der pure Wahnsinn. Da haben wir begriffen, was es bedeutet, wenn Leute wirklich verstehen, was gesungen und gesagt wird. In Las Vegas standen wir dann mitten in der Wüste und haben gesagt: Ey, lass uns dat doch mal ausprobieren und auf Deutsch singen – im Studio, im Übungsraum, scheißegal wo. Und wenn es scheiße ist, dann müssen wir ja nichts draus machen.
In Hamburg haben wir dann eine Studio-Session gemacht und uns an einem deutschen Song versucht. Es lief auf Anhieb saugut. Der Song war „Ich mach nicht mehr mit“, der 2015 auf unserem ersten deutschsprachigen Album „Karacho“ gelandet ist. Wir dachten, für uns läuft das gut, also muss es einfach passen. Das Publikum hat es uns gedankt. Es ist schon was völlig anderes, wenn die Leute deine Texte kennen und sie auch verstehen und nicht nur Teile vom Refrain mitsingen, sondern wirklich das ganze Lied – selbst ich kann dabei den ganzen Text auswendig.

(lacht) Das ist einfach ein tierisch geiles Feeling und hat die ganze Band aufgefrischt.

Ihr erweckt den Eindruck, unzähmbar zu sein; die typische Punk-Attitüde. Wie kommt ein Label wie Warner damit zurecht? Zumal ihr ja it BMG sehr schlechte Erfahrungen gemacht habt …
Sowohl bei Sony BMG als auch bei Universal haben wir unsere Erfahrungen gesammelt. Der Deal mit Warner ist mehr so ‘ne „Huckepack“-Geschichte. Wir haben unser eigenes Label, Solitary Man, und nutzen lediglich die Vertriebsstruktur von Warner Music. Schön an dem Deal ist, dass wir alles in eigener Hand haben. Damit sind wir natürlich auch komplett selbst verantwortlich. Aber wir können das nicht alles selbst leisten, denn immerhin wollen wir ja Musiker sein. Es sind damals, als wir von Universal weg sind, ein paar Leute von Universal mit uns gegangen, und die kümmern sich jetzt darum, dass unser Label läuft.

Eike Herwig und Cozy Powell, zwei Drummer mit Benzin im Blut. Du hast eine Rennlizenz bei Seat erworben. Ist das Rennen fahren der Ausgleich zum Musiker-Alltag?
Ich fahre saugerne Auto, ich fahre saugerne schnell Auto. So richtig los ging die Sache mit der Rennlizenz 2016 bei „Rock am Ring“. Seat trat da als Hauptsponsor auf und hat verschiedene Aktionen angeboten, Fahrsicherheitstraining und den ganzen Kram. Wir durften da auch mitmachen. Später wurden wir von Seat nach Barcelona eingeladen. Dort durften wir mit richtigen Rennfahrern mitfahren und auch selbst fahren. Da war ich so was von geflasht. Ich bin auf jeden Fall ein Adrenalin-Junkie. Ich steh einfach unheimlich auf Dinge, die kribbeln, egal ob hinterm Drumset oder hinterm Steuer, es muss einfach knallen. Zu meinem Vierzigsten war es dann soweit: Die Jungs von der Band haben mir eine Rennlizenz geschenkt. Die habe ich bei Seat gemacht, mit allem, was dazugehört: Theorie, Praxis und so weiter. Das hat voll reingehauen, aber ich habe auch dabei gemerkt, wo meine eigenen Grenzen liegen – bei einem Renntraining wäre ich beinahe frontal in eine Mauer geknallt. Und jetzt, in regelmäßigen Abständen, bin ich bei sogenannten Track-Days dabei und kann über eine Rennbahn schießen. Das ist mein Ausgleich zum Musikmachen und das brauch ich einfach, um runter zu kommen.

Welche Drummer haben dich als Anfänger maßgeblich beeinflusst?
Taylor Hawkins fand ich immer recht geil, einfach die Art, wie er spielt. Aber im Prinzip gibt es keinen Drummer, bei dem ich sage: Yeah, das ist es. Klar, es gibt Songs, die total genial getrommelt sind. So gesehen flasht mich eher das Spiel auf einzelnen Liedern als der Drummer XY in seiner Gesamterscheinung. Ich kenne mich da auch zu wenig aus, muss ich ganz ehrlich sagen.

Bandgründung 1994, knapp fünf Jahre später ein Major-Deal. Das ist ein ziemlich steiler Aufstieg für eine Punk-Band aus dem deutschsprachigen Raum. Warst du als Drummer persönlich auf den ganzen Musik-Zirkus vorbereitet?
Ich war null vorbereitet; keiner von uns. Donots, das kommt ja von „Do Not“, also vom Nichtstun, und das ist schon irgendwie Programm bei uns (lacht). Ich kam erst 1995 zur Band. Auf ‘ner Party wurde ich, stockbesoffen, von Guido (Donots-Gitarrist, Anm.d Red.) angelabert. Er meinte: Hey, hast du nicht Bock, bei uns zu spielen, unser alter Drummer hat keine Zeit mehr. Und ich lallte einfach nur: ja, ja ... ja, ja.
Ja, und dann ging es eben los. Diese Geschichte spiegelt recht gut den Charakter der Donots wider. Wir springen oft und gern ins kalte Wasser, wir machen Sachen ohne zu wissen, ob das gut oder schlecht ist. Wenn wir auf irgendwas Lust haben, dann machen wir das. Wir haben nie großartige Ziele verfolgt und arbeiten ohne Erfolgsdruck. Sicher haben wir Bock, mal ‘ne Tour durch Südamerika zu machen. Wenn das klappt, ist es geil, und wenn nicht: auch recht. Aber wenn dann mal etwas klappt, was man so als Traum hat oder hatte, dann können wir das richtig abfeiern. So wie unsere Tour durch Japan oder die USA. Und genau so hat sich die Band immer völlig gesund weiterentwickelt.

Du hast schon seit langer Zeit ein Endorsement bei Zildjian und Sonor. Wie kam es dazu?
Das mit Zildjian und Sonor geht schon echt lange. Das fing um das Jahr 2000 an. Sonor hatte damals ein paar Endorsement-Slots frei, und ich hab ganz frech angefragt. Die Donots standen recht gut da, was Auftritte, Besucherzahlen und Tonträgerumsätze anging, und die Leute bei Sonor meinten: Ja, klingt gut, ‘ne Band aus Deutschland, machen wir. Kurz darauf lief die Musikmesse in Frankfurt, und da bin ich zu den Jungs von Zildjian. Auch den Deal hatte ich schnell in der Tasche. Klingt verrückt, aber so war es.

Seit über 24 Jahren sitzt du nun schon auf dem „Donots-Thron“. Wie hat sich dein Equipment im Lauf der Jahre verändert?
Das Grundset hat sich eigentlich nie verändert. Es kam das 18-Zoll-Floor-Tom hinzu, aber das ist mehr eine Spielerei. Vor kurzem durfte ich live einen Drumhocker von Porter & Davies mit eingebautem Shaker testen. Das Ding war einfach mega-geil. Ich hab zuvor schon andere Buttshaker probiert, doch das war nie das Richtige für mich. Das System von Porter dagegen hat mich begeistert, und das werde ich mir zulegen. Ansonsten hat sich an meinem Set über die Jahre kaum was verändert. Ich bin da eher der statische Typ.

Live sieht man neben deinem Set ein Roland-SPD-S-Pad stehen. Für was setzt du es ein? Loops, Samples, Trigger-Sounds?
Ich nutze das nur als Sampler. Wir steuern das Midi-seitig an, und ich feuer die Sounds ab. Intros, Synthie-Sequenzen und so weiter. In den USA zum Beispiel hatten wir das Teil gar nicht mit. Unsere Songs funktionieren auch ohne das SPD-S-Pad. Die Lieder sind lediglich ein bisschen runder und fetter, wenn das Ding dabei ist.
Wir nutzen das eher minimalistisch. Anfangs war es aber trotzdem absolut stressig für mich, muss ich sagen. Wir haben probiert, Samples mitten im Takt abzufeuern, aber das kann ich nicht; das haut mich völlig aus dem Konzept. Wir legen also Tracks komplett an und lassen sie laufen. Man muss halt aufpassen, dass man den Klick-Track nicht verlässt, sonst passt hinten und vorne nix mehr. Man ist also Sklave der Technik, und das war für mich anfangs ein harter Brain-Fuck. Aber man gewöhnt sich dran, sowohl an die Technik als auch an den Klick, den ich ja ausschalten kann, wenn ich will. (lacht)

Euer Gitarrist Guido setzt im Studio gerne das eine oder andere Vintage-Schätzchen ein. Wie ist das bei dir? Hast du einen „Oldtimer“, auf den du schwörst, live oder im Studio?
Ich bin kein Sammler oder Vintage-Freak. Für mein erstes eigenes Drum-Set, ein rotes Sonor Force 3000, hat mich damals meine Oma supported, damit ich mir das leisten konnte. Das steht immer noch bei mir daheim, und das werde ich auch nie verkaufen. Ansonsten habe ich ein paar Snares, zum Beispiel eine sauschwere Sonor-Artist aus Bronze. Die hatte ich jahrelang mit auf Tour. Mittlerweile knallt die unseren Soundleuten zu heftig, aber ich nutze sie gerne im Studio, weil das Teil einfach ballert und richtig Druck macht. Außerdem hab ich mir ein SQ2-Set bauen lassen, da nehme ich die Snare sowohl für den Live- als auch für den Studio-Einsatz her. Was die Becken angeht, habe ich  ein paar Vintage-Bleche von Zildjian probiert – diese Kerope-Teile. Sie klingen umwerfend, sind aber, zumindest live, für uns nicht zu gebrauchen. Im Studio machen sie aber einiges her.

Punk-Rock und Bier sind für viele eine symbiotische Beziehung. Gibt’s was zu trinken vor einer Show?
Für unseren Sänger und den Bassisten auf jeden Fall, die trinken immer ihr „Vor-Show-Bierchen“. Mich selbst macht Alkohol träge, daher gibt’s für mich vor der Show nur selten was. Lieber auf der Bühne ein erfrischendes kühles Bier und danach hin und wieder ‘nen Gin-Tonic. Ich hab auf der Bühne mal Schnaps getrunken und das war echt komplett verkehrt (lacht). Ich konnte gar nichts mehr spielen, das war wie ein Blitz, der in mich eingeschlagen hat – echt schrecklich. Alkohol macht mich unkonzentriert und das hasse ich, weil ich mich beim Trommeln über die Maßen konzentrieren muss. Ich komm lieber in ein Set rein und lass mich von der Musik und dem Publikum berauschen, mich von der Atmosphäre mitreißen. Das ist für mich der geilste Moment, und diesen Rausch gibt es auch ohne Alk, den kann’s ja nach der Show noch geben (lacht).

 

Am 5. Juli bringen die Donots zum 25-jährigen Bandbestehens das Album Silverhochzeit raus. Das wird allerdings keine 08/15 Best-of-Platte sein. Eike und Co haben dafür Songs ausgewählt, die die Entwicklung der Band hörbar macht - sowohl musikalisch als auch inhaltlich.