Eric Carr: Das verkannte Genie von KISS

Paul Caravello aka. Eric Carr verhalf KISS Anfang der 80er zu neuem Auftrieb. Trotz seines frühen Krebstodes bleibt er bis heute unvergessen.


Eric Carrs Ableben wurde in New York uramerikanisch gewürdigt: Die Show ging zügig weiter. Der berüchtigte Radio-Star Howard Stern ließ es sich nicht nehmen, ausgerechnet die Originalversion von „Beth“ – der von Peter Criss geschriebenen und gesungenen Ode an das daheim gebliebene Hausmütterchen – auf den Plattenteller zu legen und die Nadel nach wenigen Sekunden wieder hochzureißen. Begleitet von den Worten: „Oh Gott, wie furchtbar. Was für ein Schrott. Der arme Kerl musste diesen Mist jeden Abend spielen? Kein Wunder, dass er Krebs gekriegt hat.“ Er ließ die Nadel wieder runter und gab dem Song noch ein paar Sekunden mehr. Dann beendete er seinen Nachruf mit der Bemerkung: „Himmel, was für ein Trauermarsch. Sie sollten das bei der Beerdigung spielen. Die Leute würden freiwillig mit ins Grab hüpfen.“

Hätte es der amerikanische Musikjournalist Greg Prato 2010 nicht in die Hand genommen, die Lebensgeschichte von Eric Carr in Form von Interviews mit Freunden, Verwandten und Weggefährten zu skizzieren, wäre weder die Stern-Anekdote überliefert, noch hätte man darüber hinaus viel Nennenswertes über das Schicksal von Paul Charles Caravello erfahren, der am selben Tag wie Queens Frontmann Freddie Mercury verstorben ist, am 24. November 1991.

Selbstverständlich hat Prato auch Gene Simmons und Paul Stanley um Gespräche gebeten; die beiden zeigten jedoch keinerlei Interesse daran, das Bild abzurunden, ebenso wie Carrs Vorgänger Peter Criss. Die Herren haben sich die Deutungshoheit über die Geschichte der Band für ihre eigenen Biografien in Buchform vorbehalten.

Paul Caravello kam 1950 in Brooklyn zu Welt und gehörte somit zu jener glücklichen Generation, die in den 60er und 70er Jahren die unfassbar vielfältige Explosion der modernen Musik miterleben und mitgestalten durfte. 1964 war er ein Beatlemania-Kid wie viele ­Millionen andere auch; zwangsläufig verehrte er deren Drummer Ringo Starr. „Witzigerweise hatte mir ein Onkel schon ein Schlagzeug geschenkt, als ich sieben oder acht war. Ich hab einfach drauf rumgehauen und es kaputtgemacht“, erzählte er 1989 in einem Fanclub-Interview. „Ich konnte nichts damit anfangen. Aber als die Beatles groß rausgekommen sind, hat es mich so richtig gepackt.“

Sein Vater und sein Bruder unterstützten ihn beim Kauf seines ersten Kits. Er bestand darauf, es müsse eins von Ludwig sein, genau wie das von Ringo. Und seine erste eigene Band – The Cellarmen – probte selbstverständlich Beatles-Covers ein. Sprichwörtlich in den Keller hatte es Paul gezogen, nachdem er bei einer früheren Band, den Allures, sein Kit für jede Probe in den sechsten Stock eines Hauses in Flushing und wieder nach unten schleppen musste. Dieser Ausstieg fiel ihm leicht.  

Ein Mann mit Werkzeug

Aufgrund seiner künstlerischen Talente besuchte Paul Caravello die Highschool of Art and Design. Zunächst wollte er Comiczeichner werden, später legte er seinen Schwerpunkt auf Fotografie. Aber ein weitergehendes Studium war nicht drin. Wie vielen Musikern seiner Generation wurde ihm wenig geschenkt. Nach dem Abschluss verdiente sich Paul den Lebensunterhalt jahrelang bei seinem Vater, einem gelernten Ofensetzer, der alle möglichen handwerklichen Arbeiten anbot, darunter den Einbau von Kellertüren. Paul entpuppte sich ganz nebenbei als höchst begabter Estrichleger.

Selbst in seinen Kiss-Jahren, als er es finanziell längst nicht mehr nötig gehabt hätte, hatte er stets seine Werkzeugkiste parat und ließ es sich nicht nehmen, defekte Gasboiler eigenhändig wieder instand zu setzen. Zur Gattung des neureichen Emporkömmlings gehörte er nie. Bis er 30 war und über Nacht zum Rockstar avancierte, musste er sich nicht nur beim Trommeln jederzeit auf sein Handwerk verlassen können, um überleben zu können.

Dass er überhaupt noch eine Chance bekam, größere Bühnen betreten zu können, glich einem kleinen Wunder. Ende Juni 1974 hatte er einen Auftritt mit seiner Band The Creation, ehemals Salt & Pepper, einem stilistisch vielfältigen Projekt aus schwarzen und weißen Musikern. Während eines Gigs in Port Chester, nördlich von New York City, legte ein Brandstifter im Nebengebäude Feuer. Das Souterrain des Clubs, wo die Band vor rund 200 Leuten spielte, wurde zur Todesfalle. Zusammen mit einer Sängerin gelang Paul in letzter Sekunde die Flucht. Unter den 24 bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Opfern befanden sich auch zwei seiner Freunde.

Das Trauma dieses Unglücks sollte ihn noch lange beschäftigen. Finanziell ging es ihm schlecht; er hielt sich als Lieferwagenfahrer und Möbelpacker über Wasser. Die Band machte unter verschiedenen Namen weiter und blieb bis zu ihrer Auflösung 1979 seine zweite Familie. ...

Die komplette Story findet ihr in der aktuellen Drumheads!!-Ausgabe 4/18