Die Besten des Jazz: Gene Krupa, der erste Schlagzeug-König

Der Swingdrummer Gene Krupa läu­tete vor gut sechs Jahr­zehn­ten eine Zei­­t­en­­wen­de für Schlag­­zeuger ein. Dank ihm werden Trommler als voll­­wer­tige Musiker und Drum-Solos nicht bloß als Radau wahr ge­nom­men. Mit seinem Showtalent rückte Krupa sich und das Schlagzeug ins Ram­­­pen­­licht.

Viele Gegebenheiten und Möglichkeiten, die heute für uns Drummer im Zusammenhang mit unserem Handwerk selbstverständlich sind, haben sich unsere trommelnden Vorgänger teils unter größten Mühen erarbeitet und erkämpft. Unter schwierigsten äußeren Bedingungen und gegen die unterschiedlichsten teils heftigen Widerstände verwirklichten sie mit immenser Beharrlichkeit ihre künstlerischen Ideen am Set. Diese Menschen hatten das Talent, über den jeweiligen Horizont der Drum-Entwicklung hinaus zu schauen und Kraft einzigartiger Ideen den Status Quo des Instruments eine Ebene höher zu hieven. Gene Krupa war ein solcher Mensch. Mit unbändigem Fleiß, einzigartiger Begabung und visionärerer Spielauffassung wandelte er das Bild der Spieler von Fellen und Becken gänzlich und wurde so zur Ikone der Schlagzeug-Geschichte.  

Trommelnder Frühstarter

Geboren wurde Gene Krupa am 15. Januar 1909 in Chicago. Als jüngstes von neun Geschwistern wuchs er in sehr bescheidenen Verhältnissen und in einem ärmlichen Stadtviertel auf. Sein Vater starb, als Gene noch klein war. Seine Mutter war Hutmacherin und betrieb einen eigenen Laden; sie war entschlossen, ihren Kindern eine gute Erziehung und Ausbildung zuteil werden zu lassen. Musikalisch aktiv oder interessiert war in der Familie Krupa niemand. Jedoch arbeitete einer von Genes älteren Brüdern in einem Chicagoer Musikladen. Er vermittelte dem elfjährigen Gene dort einen Job als Handlanger. Vom dort verdienten Geld kaufte sich der Bub in dem Geschäft alsbald ein Drumset. Seine Instrumentenwahl war weniger einer spontanen Begeisterung als nüchterner Pragmatik geschuldet: Das Schlagzeug war das billigste Utensil im Bestand des Hauses und mit 16 Dollar für ihn gerade noch erschwinglich. Nichtsdestotrotz war Gene sofort Feuer und Flamme für seinen Neuerwerb und er machte sich mit Begeisterung daran die Kunst des Trommelns zu erlernen. Unterricht hatte er nicht. Die Impulse fürs Üben bekam er vom Anhören und -schauen der Drummer bei Gesellschaftsfeiern und Tanz-Tees. Bald schon schwang er selber die Stöcke bei solchen Anlässen. Diese für ihn sehr erfreuliche Entwicklung führte allerdings zu Konflikten mit Verpflichtungen, die Menschen seines Alters üblicherweise wahrzunehmen haben: dem Schulbesuch. Mehrmals wöchentlich nämlich saß das begabte Greenhorn morgens todmüde im Unterricht, weil er am Abend zuvor anstrengende Gigs absolviert hatte. Darüber waren weder Mutter noch Lehrer begeistert. Gene musste geloben, beide Welten in Einklang zu bringen.

Trommelwirbel statt Bibel

Seiner Mutter zuliebe trat er nach Schulab­schluss als Fünfzehnjähriger sogar in ein Priesterseminar ein. Krupa hatte seine musi­kalischen Aktivitäten zwischenzeitlich aber keineswegs reduziert; es lag auf der Hand, dass er kein Pfarrer werden würde. Inzwischen hatte er sich einen Namen in Chicago als Drummer gemacht und seine Kontakte zu den besten Musikern der Stadt vertieften sich. Also schmiss er nach einem Jahr die Sache mit den Psalmen und trat der örtlichen Musikervereinigung bei. Durch seine Mitgliedschaft in der „Fed“ bekam er Jobs zumeist in Tanzbands vermittelt. Die Gage bei diesen Engagements war zwar gut, allerdings waren sie musikalisch fragwürdig. Gene sah diese Shows als Mittel zum Zweck. Denn hier erhielt er die Gelegenheit, mit vielen seiner Vorbilder – wie Bud Freeman und Eddie Condon – zu spielen und sich mit ihnen gemeinsam der hippen Musik zu widmen, die aus New Orleans hinauf nach Chicago gekommen war: dem Jazz. Die jungen weißen Enthusiasten eiferten der Spielweise nach, die die schwarzen Innovatoren aus der Stadt am Mississippi entwickelt hatten. Krupa nahm jede Gelegenheit wahr, seine großen Vorbilder des New Orleans-Drummings, Baby Dodds und Zutty Singleton, in seiner Heimatstadt live zu hören und ihren Groove aufzusaugen. Von ihnen übernahm er das Timekeeping auf der Snare, das die früheste Art darstellt, den Jazz-Rhythmus zu spielen (Bsp.1). Am stärksten beeindruckt jedoch war Gene von Schlagzeuger Dave Tough, dessen Bekanntschaft er machte. Tough war maßgeblich an der Herausbildung des weißen Chicago-Jazz beteiligt: Er wusste  jede Menge über Jazz, hatte große Spielerfahrung und war eine Führungspersönlichkeit. Alles Qualitäten, über die auch Krupa gerne verfügen wollte. In der Stadt am Michigan-See brodelte es musikalisch. Die jungen Musiker dort hatten den obligatorischen Two Beat-Groove im Feeling von halben Noten durch einen Viertelpuls abgelöst und die traditionellen Spielformen um weitere Neuerungen bereichert. 00Es war an der Zeit, diese neue Jazz-Strömung auf Platte zu bannen. Die Gelegenheit für Gene Krupa dabei zu sein ergab sich Ende 1927.

 
 

Bassdrum-Premiere im Studio

Mit Eddie Condon’s Chicagoans nahm er vier Titel auf, die mit ihrer neuartigen  Auffassung dieser Musik landesweit und vor allem in New York Aufsehen erregten und mit denen Krupas Karriere-Durchbruch kam. Bei diesen Sessions verwendete der Youngster als erster Schlagzeuger ein komplettes Drumset im Studio. Bassdrums galten bis dahin als zu dröhnend bei Aufnahmen und wurden deshalb bei diesen Anlässen nicht gespielt. Gene allerdings verfügte über eine sehr kontrollierte Fußtechnik, sodass er die große Wumme mit zur Session und aufs Tape brachte: Ein Meilenstein im Drum-Recording war gesetzt. Der Erfolg dieser Platten führte die Band für Gigs nach New York. Krupa verbrachte jetzt viel Zeit in Jazz-Clubs in Harlem und traf dort 1928 bereits den Mann, mit dem er einige Jahre später den Verlauf der Jazzgeschichte nachhaltig beeinflussen sollte: den Klarinettisten Benny Goodman. Gene war inzwischen bei vielen Jazzern angesagt, sein auf der New Orleans-Tradition gründender Stil war immens groovig und unterschied sich deutlich von dem der New Yorker Drummer. Davon erfuhr auch der Komponist George Gershwin, der ihn höchstpersönlich in die Band für seine Musicals holte. Zwei Produktionen und viele hundert Shows spielte Krupa für das Broadway-Genie. Sein Erfolg als Trommler konnte allerdings nicht über seine handwerklichen Defizite hinwegtäuschen: Gene konnte keine Noten lesen und hätte ihm Glenn Miller, einer seiner Kollegen im Orchestergraben und spätere Swing-Bandleader-Legende, die Charts nicht vorgesummt, so wäre er bei den Gershwin-Arrangements gestrauchelt. Zudem besaß Krupa als Autodidakt keine ausgereifte Spieltechnik und war auch deswegen in seinen musikalischen Möglichkeiten eingeschränkt.

Ein Tom-Solo erobert die Musik-Welt

Um diese Mängel zu beheben, suchte der Twen den Rudiment-Experten Sanford Moeller auf. Der Snare-Lehrer unterrichtete eine von ihm selbst entwickelte Schlagmethode, die Krupas Stil nachhaltig beeinflussen sollte und auch heute – nach ihrem Erfinder Moeller-Technik genannt – in aller Munde ist. Der Ehrgeiz des jungen Mannes kannte keine Grenzen: Sieben bis acht Stunden täglich verbrachte der frischgebackene Schüler mit den Lektionen Moellers am Übungspad. Zudem hörte und sah er in Harlem in jeder freien Minute seinem aktuellen Idol Chick Webb zu, durch dessen virtuoses Spiel er viele Impulse bezüglich musikalischer Gestaltung, Bigband-Drumming und Solo-Aufbau erhielt. Krupa spielte bereits drei Jahre lang in der Band von Benny Goodman, die zum Inbegriff der neuen Jazzform, dem Swing, avancierte, als es im Januar 1938 anlässlich eines Konzerts in dieser Besetzung in der New Yorker Carnegie Hall zu einem musikalischen Urknall kam. In dem Stück „Sing, Sing, Sing“, das für die Bigband immer schon ein Jam-Stück gewesen war, ging Gene seinem Bandleader von der Leine und riss das Publikum mit seinem phänomenalen Tom-Tom-Groove und Solo zu Begeisterungsstürmen hin. Von nun an war der Mann aus Chicago der King des Schlagzeugs. Er trommelte nicht nur phantastisch, sondern erzeugte mit den ausladenden, durch die Moeller-Technik geprägten Bewegungen seiner Arme beim Spielen einen gehörigen Show-Effekt. Die interessierte Öffentlichkeit nahm durch seinen Einfluss die Drummer jetzt allgemein als vollwertige Musiker wahr. Jede Menge Schlagzeuger orientierten sich jetzt an seinem Set-Aufbau, der zum Prototyp des modernen Kits wurde. Goodman behagte die zunehmende Dominanz seines Drummers in der Gruppe jedoch keineswegs. Bereits wenige Monate nach dem epochalen und auf Platte gebannten Konzert kam es zum Konflikt auf offener Bühne und zum Bruch zwischen den beiden.

Vom Sideman zum Bandleader

Krupa lebte seine Popularität nun als Bandleader aus. Das Publikum liebte seine Drum-Solos. Bis 1951 führte er Bigbands und Combos an – viele davon waren kommerziell erfolgreich und landeten einige Hits. In der Folge ging er im Rahmen der „Jazz At The Philharmonic“-Konzertreihen weltweit mit Größen wie Ella Fitzgerald und Oscar Peterson auf Tour. Die 1960er-Jahre waren für Gene Krupa geprägt durch umfangreiche Gigs, Aufnahmen und TV-Auftritte mit Kollegen seiner Ära, aber auch durch Zwangspausen aufgrund von Herz- und Lungenproblemen. Seinem vom New-Orleans-Jazz inspirierten Stil und seinen krachenden Triolen-Licks blieb Krupa zeitlebens treu. Wie viele Große seiner Zunft befasste er sich jedoch ständig mit den jeweils aktuellen Stilen und pflegte eine hohe Übe-Disziplin.

Gene Krupas Tod mit 64 Jahren

Gene Krupa wurde in der letzten Phase seines Lebens lange von gesundheitlichen Problemen geplagt. 1972 gab er mit Benny Goodman seine letzten Konzerte. Durch die Versöhnung mit Goodman, dem wichtigsten Mann seiner Karriere, hatte sich ein Kreis in Krupas Leben geschlossen, als die Drum-Legende am 16. Oktober 1973 an Leukämie starb. Sein Name war zu diesem Zeitpunkt schon lange zu einem Markenzeichen geworden: Gene Krupa hat dem Drumming nachhaltig seinen Stempel aufgedrückt.