Masterclass: Gospelchops – Trommeln für ein Hallelujah

Vor nicht allzu langer Zeit schwappte eine neue Art des Trom­melns aus den USA zu uns nach Europa. Diese unglaublich en­er­ge­tische, offensive und vor Spiel­witz nur so strotzende Kunst namens Gospeldrumming sorgte auch hierzu­lande für ordentlich Wirbel und offenstehende Münder. 

Zu Beginn wollen wir etwas weiter ausholen und ein paar Jahrhunderte in die Vergangenheit reisen – und zwar zu den Wurzeln der Gospelmusik: Anfang des 17. Jahrhunderts brachten spanische und portugiesische Eroberer afrikanische Sklaven in die sogenannte „Neue Welt“. Die dort in Gefangenschaft lebenden und zur Arbeit gezwungenen Men­schen hatten nur ihre Musik, die ihnen blieb. Sogenannte „Worksongs“ waren die einzige Möglichkeit, der Trauer und der Sehnsucht nach der Heimat Ausdruck zu verleihen. Dieses Singen und Tanzen während der Arbeit oder bei Zusammenkünften wurde mehr und mehr zu einem Ausdruck der Identität der Sklaven. Zudem erleichterte das Singen und das Ausführen der Bewegungsabläufe im Takt die hohe körperliche Belastung während der Arbeit auf den Feldern. In den Worksongs gab ein Vorsänger den Rhythmus und die Melodie vor, die dann von allen anderen aufgenommen wurde. Ähnlich wird das Ganze noch heute beim Militär angewandt, um auch hier das gleichmäßige Marschieren zu erleichtern und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken.
Wer von euch schon immer mal wissen wollte, wo wahrscheinlich der Ursprung des „Shuffles“ liegt, wird auch hier fündig: Bei Festen oder Versammlungen tanzten und klatschten die im Kreis stehenden Sklaven und scharrten auch mit den Füßen zu ihren Gesängen. Das Scharren der Füße (shuffle) klang rhythmisch ähnlich wie das, was man heute als „geschuffelte Achtel“ kennt. Wie ihr euch sicherlich denken könnt, war das gemeinschaftliche Singen nicht gern gesehen bei den weißen Sklavenhaltern. Die durchaus befremdlichen Klänge wurden der Unzivilisiertheit der Afrikaner zugeschrieben. Das wollte man abschaffen und die Sklaven nach dem „weißen Ideal“ erziehen bzw. zivilisieren, indem man sie, die Schwarzen, unter anderem an den christlichen Glauben heranführte. Die in der Bibel viel beschriebene Freiheit, die Gleichberechtigung aller Menschen, Völker und Rassen gab den Menschen Halt – so sehr, dass sich von schwarzen Predigern angeführte Sklavenaufstände allmählich häuften.

 
 

Die Wurzeln der Gospelmusik

Bei den Versammlungen gab es weiterhin einen Vorsänger – den Prediger. Er sang Phrasen vor, die die Menschenmenge wiederholte. Zunächst wurden Kirchenlieder der Weißen gesungen, die sich jedoch mit der Zeit immer mehr veränderten und einen mehr und mehr ‚schwarzen’ Touch bekamen. Später entwickelten sich erste Gospelsongs mit eigenständigen Melodien. Die Texte beschäftigten sich zunehmend mit dem Leben nach dem Tod – dem Ende eines harten, unmenschlichen Lebens, welches die Sklaven auf Erden leben mussten. Es gab aber auch zunehmend Predigten, die z.B. halb gesungen, halb gesprochen wurden. Diese animierten die Gemeinde, in Form von Klatschen und Zu­rufen mitzumachen. Damals wie auch heute noch gestaltete sich der Gottes­dienst sehr interaktiv. Es wurde jeder Teilnehmer in das Geschehen einbezogen. Auch politische Themen fanden und finden bis heute ihren Platz in der Gospelmusik. Bis in die 1950er-Jahre hinein blieben die Kirche und der Gottesdienst die einzige Möglichkeit, bei der sich die Afroamerikaner so frei wie sonst nirgends im Alltag ausdrücken konnten. Für den Austausch politischer Gedanken und Diskussionen war die Kirche der wichtigste Versammlungsort. Bürgerrechtsbewegungen gründeten sich häufig innerhalb der afroamerikanischen Kirchen, wie die größte Frie­dens­bewegung ab 1955 unter dem Pastor Martin Luther King.

Gospelmusik heute: Große Chöre, ausladende Schlagzeug-Parts

Gospelgottesdienste wirken im Vergleich zu hiesigen Gottesdiensten wie Rock-Konzerte. Es wird getanzt, geklatscht, gerufen und natürlich ungehemmt mitgesungen. Dieses Um­feld ist die heutige Heimat unserer „Gospel Chops“-Schlagzeuger. Ähnlich wie in der Geschichte des Gospels, dient die Kirche auch heute noch als eine Art Anker – bietet Halt und unterstützt Kids und Jugendliche. Sie ist ein Platz, um sich mit Freunden zu treffen und gemeinsam einer Leidenschaft nachzugehen: der Musik. Für viele US-Amerikaner ist der Glaube an Gott ein großer Lebensinhalt. Gemäß dem Sprichwort „Glaube versetzt Berge“ treffen sich nicht nur Drummer, sondern Instrumentalisten jeglicher Art aus dem Bereich der Popular­mu­sik in der Kirche, um sich gemeinsam zu musikalischen Höchst­leistungen zu animieren und sich inspirieren zu lassen – und das, gestärkt (wie sie selbst oft sagen) durch den Glauben an Gott und dessen Kraft. So wird aus einem Gottesdienst ein absolut anspruchsvolles Gospelkonzert, bei dem sich keiner der Akteure am Instrument zurückhält. Und das ist durchaus positiv zu verstehen – solistische Ansätze während der Songs sind hier keine Seltenheit. Es wird stark interagiert: Frage und Antwort zwischen den Instrumentalisten wechseln sich mit aberwitzigen Unisono-Passagen ab. Hier unterscheidet sich ihre Einstellung zum Spiel des Instruments grundsätzlich zu der der Euro­päer. Während hierzulande eine derartige Songbegleitung gerne mal als „Overplaying“ abgestempelt wird und man eher auf songdienliches Spielen und auf „Understatement“ setzt, ist beim amerikanischen Gospeldrumming das genaue Gegenteil der Fall: Pack' aus, was dir gerade in den Sinn kommt und zu was dich der Song bewegt! Lass' die Energie fließen! Und hier sind wir wieder beim Thema Kirche: Der spirituelle Aspekt und der Glaube an sich selbst auf der Bühne ist hier sehr wichtig. Und gerade diese Energie, die diese Drummer beim Spie­len versprühen, ist das, was den Zuhörer so fesselt. Jeder Trommelschlag sitzt und wirkt, als wäre er ohne jeglichen Zweifel an dessen Richtigkeit gespielt. Alles im Gospeldrumming geschieht aus voller Überzeugung.

Was genau sind „Gospel Chops“?

Gospel Chops ist nicht nur als Stilistik oder Begriff für die christlich beeinflusste Musik­szene der USA zu sehen. Vielmehr ist Gospel Chops eine Art Organisation, die in erster Linie ehrenamtlich daran arbeitet, in sozialen Brennpunkten Kids und Jugendliche für Musik zu begeistern und ihnen durch Unterricht am Ins­tru­ment neue Perspektiven zu geben. „Durch Unter­richt im Bereich Musik und visuelle Me­dien holen wir die Kids von der Straße, ver­wan­deln sie von Gangmitgliedern in Pro­du­zen­ten, von Drogendealern in Kom­po­nis­ten und Musiker und von zwangsläufigen Losern in unaufhaltsame Gewinner“ (Zitat: Gospelchopsfoundation.org). Die ehren­amt­liche Organisation setzt beson­ders in Kalifornien dort an, wo beispielsweise die Schule endet. Sie bietet Instrumental-Unterricht und Bandworkshops an und zeigt den Kids Alternativen auf. Das Ganze findet in Gemeindezentren oder Kirchen statt. Gottesdienste sind dann die Bühne für das Gelernte und stärken durch Erfolgserlebnisse das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Und das merkt ihr auch jedem Gospel-Chops-Artist an. Viele der einstigen Schüler werden später zu ehrenamtlichen Dozenten, um ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiterzugeben. Gerade im Instrumentalbereich – für uns sind da in erster Linie das Schlagzeug interessant – schaffen es viele beispielsweise an das renommierte Berklee College of Music oder werden gefragte Künstler für Studio- und Live-Produktionen.

Die Marke „Gospel Chops“

Gerald Forrest rief 2005 Gospel Chops als Marke und Institution ins Leben. Hauptgrund hierfür war, dass er Gospel­musik in der Medienlandschaft als stark unterrepräsentiert empfand. Er wollte diese einzigartige Szene mit all ihren Facet­ten, unglaublichen Musikern und Künst­lern der Welt zugänglich machen. Das Internet war und ist dafür natürlich eine hervorragende Plattform und bietet unendliche Möglichkeiten, um Unter­richts- und No­ten­material, Workshop-Videos und Kon­zerte zu veröffentlichen. „Jeder, der die ‚Black Church’ und die Gospelmusik kennt, weiß, dass wir alles, zu dem wir Zugang haben, nutzen, um unsere Musik mit Leben und Freude zu erfüllen. Egal ob Drums, Bass, Orgel, Gitarre oder Bläser …. alles ist will­kommen! Und ich versuche all das in Videos einzufangen.“, so Gerald Forrest. Mit dieser Einstellung und der Seite www. gospelchops.com brachte er eine Bewegung in Gang, die mittlerweile weltweite Beach­tung und Wertschätzung erfährt.

Was macht Gospel- bzw. R‘n‘B-Drumming so besonders?

Ich persönlich finde diese Frage eine der schwersten, da in der Musik – im Gegensatz zum Sport – eigentlich an nichts fest zu machen ist, was gut oder schlecht ist. So kann man auch hier nur schwer sagen: „Das und das muss so und so gespielt werden ....“  Oftmals ist es auch eine Geschmacksfrage, was als gut oder schlecht empfunden wird. Aber natürlich gibt es »Erkennungszeichen" oder auch „Richtlinien", nach denen Sounds, Feeling, Dynamik oder Instrumentation letztendlich die Stilistik „Gospel Chops“ prägen. Hier ein paar Ansätze, die für mich Gospel-Drumming zu dem machen, was es ist: Eine unglaublich energiegeladene und mitreißende Art die Drums zu bedienen.


Notenbeispiel 1: Thomas Pridgen

Im links stehenden Notenbeispiel findet ihr die Basis des rechts stehenden Thomas Pridgen-Fills, das ihr im Video unten ab Minute 3:25 findet.


1. Linear Phrasing im Gospeldrumming

Ein sehr wichtiger Bestandteil der Fill-Ins und Grooves ist das sogenannte ‚Linear- Phrasing’. Diese Art der Verteilung bzw. Phrasierung am Set ist im Ansatz recht simpel: Keine zwei (oder mehr) Gliedmaßen spielen zur gleichen Zeit. Also keine Hi-Hat und Bassdrum oder Snare und Kick zusammen etc. Durch diese Phrasierung ist es möglich, unglaublich verschachtelt wirkende Fill-Ins und Grooves zu spielen, die den Zuhörer besonders in schnellen Tempi ordentlich ins Staunen versetzen; dabei bedienen sie sich jedoch eines einfachen Prinzips: Ich habe euch einige lineare Fill-Ins notiert, die, je nach Verteilung, schon ordentlich abgefahren klingen, jedoch leicht von der Hand gehen, ohne dass ihr die Übersicht über die Time verlieren solltet.

2. Der Gospel-Sound

Natürlich hat auch der Gospel- bzw. R'n'B-Bereich eigene markante Schlagzeug-Sounds, die das gewisse Etwas ausmachen. Wenn ihr euch Videos, Konzerte oder Workshops von unseren Drummer-Helden anseht, wird euch zuerst die unglaubliche Snare auffallen. Meistens ist sie sehr hoch gestimmt oder es findet sogar eine 13"-Modell als Hauptsnare Verwendung. Ähnlich verhält es sich mit den Toms. Sogenannte „Short Stack Toms" (in der Regel zwischen 6"-7" tief) kommen als Rack Toms (8", 10", 12" im Durchmesser) oft zum Einsatz. Die kurzen Kessel klingen knackiger und haben weniger Sustain. Dies bedeutet im Klartext: Sie klingen kürzer. Die Standtoms hingegen sind recht tief und voluminös gestimmt, ebenso die Bassdrum.

3. Die Dynamik

Die richtigen Dynamikverhältnisse prägen ebenfalls nachhaltig den Sound: So ist das richtige Verhältnis – beispielsweise in einem Groove zwischen Bassdrum, Hi-Hat und Snare – sehr wichtig. In der Regel werden Snare und Bassdrum mit ordentlich Punch und Lautstärke gespielt, die Hi-Hat dagegen mit mehr Gefühl und damit eher eine Dynamikstufe darunter. Auch das richtige Gestalten von Fill-Ins mit Akzenten und unakzentuierten Noten, den sogenannten Ghost Notes, prägt den Sound. Möglichst große und genaue Dynamik-Unterschiede formen den Klang und erzeugen die beeindruckende Energie und Spannung, die die Fill-Ins bzw. Grooves in dieser Stilistik besitzen.

Events für Gospel-Interessierte

Auch im Gospel gibt es, wie auch in allen anderen Stilistiken dieser Welt, eine schier unendliche Anzahl an lohnenswerten Websites, DVDs und Veranstaltungen. So findet beispielsweise in den USA in regelmäßigen Abständen das Event „Drummers For Jesus“, kurz DFJ, statt. Hier geht es nicht nur um Gospel, Soul oder R'n'B. Vielmehr ist dies eine Art Drumfestival, bei dem gläubige Trommler aller Stilistiken zusammenkommen, um gemeinsam „Gottes Botschaft“ zu verkünden. Es gibt auch eine Art Gospel Grammy: Der „Christian Music Award“ ist in den USA eine Riesen-Nummer und wird regelmäßig verliehen. Natürlich findet ihr auch auf Youtube eine große Auswahl an Licks, Grooves, Konzert-Clips und vieles mehr zum Thema Gospel Chops. Klickt euch einfach mal durch – es lohnt sich!