Interview Benny Greb: Überstunden im Keller

Schlagzeuger Benny Greb hat sich mit ungewöhnlichen Soloalben und Workshop-Konzepten seinen Weg in die Riege der internationalen Trommel-Elite geebnet. Wir sprachen im Interview backstage mit ihm über Urlaub auf dem Bauernhof, Chöre mit 50 Stimmen und die Reizüberflutung aus dem Internet.

DH!!: Benny, 2016 hast du mit deiner Band Moving Parts ein Livealbum herausgebracht. Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Benny Greb: Nachdem wir unser erstes Studioalbum fertiggestellt hatten, sind wir damit auf Tour gegangen. Bei den Konzerten ging es auch darum, Songs von meinen Soloplatten „Brassband“ und „Grebfruit“ als Bandversion zu spielen. Diese Songs sind auf unserer Studio-CD nicht zu finden. Natürlich haben sich auch die Moving-Parts-Songs weiterentwickelt. Wir sind eine Band, die live viel improvisiert und jeden Abend etwas Neues ausprobiert. Daher fand ich es interessant, eine Live-Platte zu machen. Wir haben eine Tour komplett mitgeschnitten. Anschließend habe ich für alle Songs einen Rough-Mix erstellt und die besten ausgewählt.

Würdest du dich als Bandleader bezeichnen?

Musikalisch gesehen sind wir eine Masse, die zusammen musiziert. Aber strukturell gesehen bin ich der Leader. Ich bezahle die Jungs, fahre den Bus und organisiere alles.

Du arbeitest außerdem an einer Fortsetzung deiner ersten Solo-Platte „Grebfruit“. Was war der Gedanke dahinter?
„Grebfruit“ war meine erste Soloplatte. Darauf habe ich A-cappella-Musik und Schlagzeug kombiniert. Ich wollte diese verrückte Idee einfach einmal ausprobieren. Zu meiner Überraschung war das Album recht erfolgreich und hat mir Aufmerksamkeit verschafft. Mit Erstaunen habe ich letztes Jahr festgestellt, dass „Grebfruit“ nun schon über zehn Jahre alt ist. Damals hatte ich sowohl kompositorisch und spielerisch als auch in Sachen Produktion nicht die gleichen Möglichkeiten wie heute. Deshalb hat es mich gekitzelt, dieses Konzept noch einmal aufzugreifen. Das habe ich zusammen mit meinem Lieblings-Soundengineer Sven Peks gemacht, mit dem ich schon seit fast 20 Jahren zusammenarbeite.

Hast du auch diesmal wieder alle Spuren selbst eingespielt?
Ich habe einen Gastsänger eingeladen, der ein oder zwei Soloparts gesungen hat. Aber ansonsten ist es nur Stimme und Schlagzeug.

Ist für „Grebfruit 2“ auch eine Tour geplant?
Die Grebfruit-Lieder sind allein schon stimmlich sehr schwer. Die „Grebfruit 1“-Songs konnten wir als Band teilweise spielen, weil sie nur aus vier bis acht Stimmen bestanden. Auf „Grebfruit 2“ stehen Tracks mit bis zu 50 Stimmen, daher ist das quasi unmöglich.

Dafür müsstest du ja einen Chor mit auf Tour nehmen ...
Soundmäßig wäre das sicherlich noch mal eine ganz andere Bank. Es ist aber sehr spezielles Zeug. Es gibt sicherlich Chöre, die das machen könnten. Ich sage niemals nie, aber momentan sieht die Planung das nicht vor.

Spürst du nach dem Erfolg von „Grebfruit“ Leistungsdruck aus der Szene für die Fortsetzung?

Als Jazzer und Drummer kommst du selten in den Genuss, dass Leute deiner Arbeit mit einer gewissen Erwartungshaltung gegenüberstehen. Wenn ich den Song „Grebfruit“ am Ende meiner Clinics spiele, klatschen die Leute schon vorher. Das ist ein enormes Privileg, und wahrscheinlich bin ich mit diesem Lied am ehesten an einen Pop-Hit herangekommen. Ich mache mir aber keine Sorgen um „Grebfruit 2“, weil es um Meilen geiler ist. Sowohl mein Songwriting als auch der Sound haben sich verbessert. Das Album ist elf Jahre besser.

In der Schlagzeugszene kennt dich jeder, außerhalb kaum jemand. Ist das nicht eine seltsame Form von Prominenz?
Ich bin keine Bekanntheit. Beim Bäcker und im Supermarkt werde ich genauso unfreundlich behandelt wie alle anderen. Als Sparten-Typ hast du nicht die gleichen Privilegien wie ein richtiger Promi. Aber auf die Musikmesse oder zu meinen eigenen Konzerten kommen Leute, denen meine Musik etwas bedeutet. Es ist schön, dort Gleichgesinnte zu treffen.

 
 

Apropos Prominenz: Du bist auf einigen Songs des neuen Mark-Forster-Albums „Tape“ zu hören. Wie kam es dazu?
Marks Produzent Ralf Mayer hat mich eines Tages angerufen. Ich weiß gar nicht genau, wie sie auf mich gekommen sind. Es ging wohl darum, stilistisch andere Sachen auszuprobieren und mehr in die elektronisch-loopige Richtung zu gehen. In diesem Zusammenhang muss mein Name gefallen sein. Das fand ich schön, weil ich mich eigentlich nicht um Studiojobs im Pop-Bereich bemühe.

Wie frei bist du bei diesen Studiojobs in der Gestaltung deiner Drumparts?

Da eine Pop-Produktion erstens keine Jazz-Produktion ist und zweitens weder von mir geschrieben noch produziert wird, bin ich in einer anderen Rolle. Ich bin einfach Dienstleister, der den Produzenten hoffentlich das gibt, was sie sich wünschen. Insofern ist ein solcher Job dann ein Erfolg, wenn ich schnellstmöglich verstehen und umsetzen kann, was man von mir will. Über Freiheiten denke ich dabei gar nicht so sehr nach – ich versuche eher hilfreich zu sein. Es geht nicht darum, dass ich meine Ideen anbiete, sondern mehr um Problemlösung. Der Künstler will etwas erreichen, und ich habe eine Lösung parat, die er vielleicht nicht im Sinn hatte.

Du versuchst also, den Produzenten mit deinen Ideen zu überraschen.
Nein, eigentlich nicht. Produzenten wollen nicht überrascht werden, sondern das bekommen, was sie sich vorstellen. Das kann man vielleicht durch eine Variation übertreffen, dann sind sie auch froh. Aber selbst das erwarten sie im Prinzip. Überraschung ist da ein schwieriges Wort. Überrascht wären sie, wenn sie enttäuscht wären.

Wenn du dich zwischen den Studiojobs und deiner Solo-Arbeit entscheiden müsstest …
Zum Glück muss ich mich nicht entscheiden. Aber meine Prioritäten sind momentan tatsächlich die Moving Parts und meine Education-Geschichten.

Denkst du dir bei deinen eigenen Kompositionen zuerst einen Rhythmus aus und schreibst dann die Musik darüber?
Ich schreibe nie vom Schlagzeug aus. Ich schreibe zuerst eine Basslinie und dann eine Melodie darüber. Danach überlege ich, welche Akkorde dazu passen und was dazwischen passiert. Dann wird das ganze Stück fertig arrangiert. Erst zum Schluss überlege ich mir, was ich dazu am Schlagzeug spiele. Ich fühle mich manchmal ganz seltsam, weil ich nicht als Schlagzeuger schreibe. Dann setze ich mich in den Keller und denke mir manchmal: „Wer hat das denn geschrieben?“ Ich habe nicht immer sofort eine Idee zu meinem eigenen Zeug. Aber das ist eigentlich ein schöner Prozess. Oft hört man, wenn ein Instrumentalist Songs von seinem Instrument aus schreibt. Ich finde es gut, wenn man das nicht sofort merkt. Natürlich habe ich keine gespaltene Persönlichkeit, und meine Songs haben ein starkes rhythmisches Element. Aber ich versuche nicht, einen Groove zu vertonen.

Das heißt, dass es bei der Schlagzeugspur wie bei Pop-Produktionen um pure Problemlösung geht?
Im Prinzip ja, wobei ich hierbei schon versuche, mir etwas Feines auszudenken. Tatsächlich ist aber wenig Kopf dabei. Ich habe für mich entdeckt, dass ein Song schlechter wird, wenn ich ihn zu konzeptionell angehe, als wenn ich mir hippiemäßig denke: „Ach, das klingt doch schön.“

Benny Grebs Equipment

Drums|Sonor Vintage Series
(White Pearl Finish) 20 x 14“ Bassdrum
10 x 8“ Racktom
16 x 14“ Floortom
13 x 5,75“ Signature-Snare (2x)

Becken|Meinl Byzance Vintage Series
16“ Sand Hats
20“ Sand Ride
22“ Sand Crash Ride
18“ Sand Thin Crash
Effekt-Hi-Hat aus 16“ Vintage
Trash Crash (2 x) und Hi-Hat-Tambourine

Felle |Remo

Hardware|Sonor, Jojo Mayer Perfect-Balance-Pedal

Drumsticks|Vic Firth Benny Greb Signature-Drumsticks

Experimentierst du dabei noch viel mit deinem Equipment herum?
Ich denke eigentlich nicht mehr so viel über mein Equipment nach. Das Vintage-Set habe ich auch zu Hause. Das ist genau mein Sound. Für die letzte Platte habe ich von Meinl eine 16-Zoll-Version meiner Sand Hats bekommen. Auf „Grebfruit 2“ habe ich noch eine China-Kombination angehängt, die ich für manche Stücke haben wollte. Aber ansonsten spiele ich immer auf meinen Signature-Snares und meiner Sand-Serie von Meinl. Neu ist der Prototyp einer kleinen Hi-Hat aus vier speziell gewölbten Becken, die bald rauskommen soll. Aber da erzähle ich mal lieber noch nicht zu viel ...

Man sieht auch häufig andere Künstler, die dein Sand Ride spielen.
Ich bin total stolz auf dieses Becken. Das Sand Ride war das erste Becken dieser Serie, das wir entworfen haben. Damals meinten die Leute von Meinl: „Wir freuen uns natürlich für dich. Aber das Becken ist so speziell, dass es nicht viele andere spielen werden.“ Allerdings habe ich das Becken schon bei verschiedenen Künstlern wie Thomas Lang oder Matt Garstka gesehen. Man sieht es in den unterschiedlichsten Stilrichtungen von Jazz bis Metal. Es ist allerdings frustrierend, wenn …