Kenneth Kapstad: Locomotive Sex

Der studierte Jazzdrummer Kenneth Kapstad ist ein Phänomen. Neben Motorpsycho und Spidergawd hat Kenneth locker in zwei Dutzend Bands und Formationen getrommelt und dabei so gut wie kein Genre ausgelassen. Wir haben mit dem außergewöhnlichen Drummer gesprochen.

DH!!: Von Hardrock bis Freejazz, von Pop bis Black Metal: Es gibt eigentlich kein Genre, in dem du nicht mit irgendeiner Formation trommelst. Doch wo ist dein eigentliches Zuhause?

Kenneth Kapstad: Am meisten zuhause fühle ich mich im Old-School-Hardrock, denke ich. Denn dort hat alles begonnen mit der Musikleidenschaft. Egal, welche Leidenschaft man hat, man kehrt doch immer zu dem zurück, was man als Kind besonders mochte. Die ersten Alben, die mir einen echten Kick verliehen haben, waren „Paranoid“ von Black Sabbath und „In Rock“ von Deep Purple. Gerade Black Sabbath sind der Ursprung von allem für mich – ich war damals sieben oder acht Jahre alt, und diese Band hat mich wirklich bewegt und mein musikalisches Leben geformt.

Heute spielst du häufig in rund einem halben Dutzend Bands gleichzeitig. Ist das Vorsatz, oder kannst du dich nur nicht entscheiden?

Sagen wir es so: Ich brauche diese vielen verschiedenen Projekte, um als Musiker ausgelastet zu sein, und das ist doch das, was man sucht: eine stetige Erfüllung seiner musikalischen Ambitionen. Es klingt sicher wie ein Klischee, aber ich empfinde geradezu eine Notwendigkeit, stets vieles parallel zu machen, um meinen künstlerischen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich habe es mal probiert, aber es geht einfach nicht, dass ich nur in einer Band zur selben Zeit aktiv bin. Das macht mich unzufrieden und nervös. Daraus habe ich gelernt, dass ich eben immer mehrere Sachen gleichzeitig machen muss, um ausgeglichen zu sein.

Was genau muss passieren, dass du den Wunsch verspürst, dich in einer neuen Band zu engagieren?

Ich muss einfach das Gefühl haben, dass ich mit meinem Spiel den Sound einer Formation bereichern kann. Es muss eine Basis geben, bei der ich den Eindruck habe, dass ich etwas hinzufügen kann, das nach mir klingt und trotzdem der Sache dient. Sicher, ich kann auch eine Art sachdienlicher Dienstleister sein und einfach für eine Band ein paar Gigs trommeln, ohne mich groß einzubringen. Aber das ist nicht der Grund für mich, mich ans Schlagzeug zu setzen. Da muss auf einer künstlerischen Ebene mehr sein. Es muss einen Rahmen geben, innerhalb dessen ich spüre, dass ich etwas über mich und mein Spiel herausfinden kann, das neu und auch für mich überraschend ist. 

Welche der vielen Formationen, in denen du bis jetzt gespielt hast, war für dich technisch die größte Herausforderung?

Das ist eine schwierige Frage, denn jede Formation verlangt nach bestimmten technischen Fähigkeiten, die schwer zu vergleichen sind. Allgemein lässt sich sicher sagen, dass mich das Tempo von extremem Metal am meisten herausfordert. Schon, weil ich keiner bin, der dieses Tempo viel üben würde. Wenn ich dann mal wieder bei einer Black-Metal-Band trommle, merke ich schnell, wie schwer das ist – einfach, weil es so furchtbar anstrengend ist, das Tempo zu halten. (lacht)

Ich habe kürzlich einige Festivalgigs mit der norwegischen Black-Metal-Band 1349 gespielt. Bei ihnen gibt es nur eine Maxime: Vollgas die ganze Zeit. Da bin ich nach 45 Minuten trommeln fix und fertig. (lacht) Aber da ich ja vom peitschenden Rock-Drumming komme, gibt es auch noch eine andere große Herausforderung für mich, und das ist, leise und trotzdem dicht zu spielen. Wenn ich zum Beispiel für die Jazz-Singer-Songwriterin Hanne Hukkelberg trommle, merke ich immer wieder, wie herausfordernd es ist, ganz wenig und sehr sachte zu spielen – und trotzdem nicht an Dynamik zu verlieren.

Und auf einer emotionalen Ebene?

Waren es sicher die Jahre bei Motorpsycho, die mich sehr gefordert haben. Denn in dieser Band fand ich mehr als bei allen anderen die perfekte Mischung aus allem, was mich als Drummer auszeichnet – vom Jam- und ­Improvisationsaspekt des Jazz bis zur Dichte eines kraftvollen Rock-Drummings.

Warum hast du dann deine Mitwirkung bei Motorpsycho im vergangenen Jahr beendet?

Nun, ich war zehn Jahre Teil dieser Band, habe zig Alben mit ihnen aufgenommen. Das ist eine lange Zeit gewesen, länger, als ich bisher in jeder anderen Band gespielt habe. Und es war auch eine verdammt gute Zeit. Aber irgendwann stößt jede Formation mit ihren kreativen Möglichkeiten an ihre Grenzen, und dann muss man weiterziehen. Es ist ja auch nicht so, dass nur ich gegangen wäre – auch die beiden anderen fanden, dass es für sie wohl an der Zeit ist, sich einen neuen Drummer zu suchen, um dieser extrem altgedienten Band ein wenig frisches Blut einzuhauchen. Bent und Hans Magnus sind Motorpsycho, und alle Musiker, die mit ihnen spielen – ob jetzt Schlagzeuger, Geiger oder Keyboarder – sind stets nur gern gesehene Gäste auf Zeit. So gesehen war ich eh schon der längste Gast, den diese Band jemals hatte.

Du schreibst auch Songs, etwa für dein aktuelles Hauptinteresse Spidergawd. Wie schreibst du diese Songs? Auf welchem Instrument?

Auf dem Schlagzeug tatsächlich. Ich spiele zwar ein wenig Piano, aber sehr schlecht; ­darauf kann ich nicht komponieren. Aber viele der Songs von Spidergawd sind schon komplett um die Schlagzeugspuren herum komponiert. Insofern kann man sagen, dass ich auf den Drums tatsächlich gewissermaßen komponiere. Aber ich würde mich deshalb nicht wirklich als Songwriter bezeichnen. Und doch trage ich meinen Teil zu der Entwicklung von Songs bei, der nicht zu unterschätzen ist. Das war auch bei Motorpsycho so.

Du hast schon erwähnt, dass du nicht so wahnsinnig viel übst. Wenn du es doch mal tust: Woran arbeitest du?

Derzeit komme ich dazu tatsächlich überhaupt nicht, denn ich bin seit vier Monaten Vater, und das ist schon echt ein Fulltime-Job. Aber wenn ich mich doch mal hinters Kit zum Üben setze, sind es meist die absoluten Basis-Techniken, an denen ich feile. Es stellt für mich kein Problem dar, sehr komplexe, rhythmisch komplizierte Drumpatterns zu spielen; schwerer tue ich mich hingegen damit, ganz einfache, schlichte Rhythmen zu spielen. So etwas übe ich dann schon mal. Ich bin etwa ein großer AC/DC-Fan, und diese Rhythmen zu spielen, ist für mich zehnmal schwieriger als ein megakompliziertes Freejazz-Drumming.

Das kommt davon, wenn man Jazz-Schlagzeug studiert, korrekt?

(lacht) Ja. Der komplizierte Shit ist das, was ich gelernt habe. Das Einfache hingegen ist mir oft fremd. 

Wie näherst du dich dem?

Indem ich immer wieder gewisse Regeln aufstelle. Etwa, das Schlagzeug nur mit der linken Hand zu spielen, während ich mit der rechten einen Shaker auf Achteln durchlaufen lasse. Oder, dass ich der linken Hand verbiete, etwas anderes als die Hi-Hat zu spielen. So versuche ich, auch in den einfachen Rhythmen neue Ansätze zu finden.

Woran es keinen Zweifel geben kann: Sobald du hinter dem Schlagzeug sitzt, bist du von einer spürbaren Energie beseelt, du spielst stets extrem intensiv. Woher kommt diese fortwährende Energie, selbst wenn du schon seit Wochen auf Tour bist?

Auch das klingt sicher nach einem Klischee, aber es ist für mich schlicht der größte Spaß auf diesem Planeten, Schlagzeug zu spielen. Und sobald ich das tue, spüre ich eben diese extreme Energie, die ich dann auch über das Kit rauslasse. Es gibt nichts Größeres für mich, als auf einer Bühne zu sitzen und Schlagzeug zu spielen. Und das spürt man dann wohl eben auch als Zuseher. Ich genieße wirklich immer jede Sekunde auf der Bühne. Es ist das Beste, was es gibt.

Ich habe dich schon viele Male live gesehen, und dabei immer den Eindruck gewonnen, dass du eine Art rauhen Sex mit deinem Kit hast: Du liebst es sichtbar abgöttisch, gleichzeitig scheinst du eine große Freude daran zu haben, es richtig rüde zu verdreschen. Kannst du mit dieser Analogie was anfangen?

(lacht sich scheckig) Ja, ich liebe mein Schlagzeug, aber ich stehe in keinem sexuellen Verhältnis dazu. Ich würde meine Snare nicht unbedingt vögeln wollen, aber es ist schon eine Form von Liebe, wie ich ihr begegne. (lacht) Aber wenn es für dich diesen Anschein hat, kann ich gut damit leben – letztlich ist es ja nur ein Ausdruck meiner Leidenschaft und Hingabe an dieses Instrument.

Welches ist für dich das beste Schlagzeug der Welt?

Da muss ich mein altes Slingerland-Kit aus den Siebzigern nennen, ich liebe dieses Kit. Der Klang ist so voll und druckvoll, es ist einfach das beste Schlagzeug, das ich je gespielt habe. 

Und hast du an diesem Kit wiederum ein Lieblingsteil?

Ja, eine der beiden Kickdrums hat die Größe 24x14, und das ist ja ein ungewöhnliches Format für eine Kickdrum. Sie ist damit sehr trocken, tief und direkt, und das mag ich sehr. Auch die Toms verfügen über einen tiefen Bauch und kicken damit richtig attackierend, zugleich aber wärmer als die meisten anderen Tom-Toms.

Du spielst auch häufiger ein Acryl-Set von einer kleinen norwegischen Schlagzeug-Manufaktur …

Ja, das Ruff-Set mag ich ebenfalls sehr, schon weil es noch nicht mal eine Manufaktur ist, sondern nur ein guter Freund, der halt selbst Acryl-Schlagzeuge baut. Und er hat mir eines nach meinen eigenen Vorgaben gebaut, was mich extrem begeistert. Ich spiele auch dieses Kit sehr, sehr gern, aber mein Lieblings-Drumkit bleibt das Slingerland. In den Siebzigern haben sie einfach die geilsten Schlagzeuge gebaut.

Kommen wir noch mal zurück zu deinen Anfängen, als du als Kind Hardrock gehört hast: Wann war dir klar, dass Schlagzeugspielen für dich die größte Leidenschaft deines Lebens sein würde?

Ach, das hat gedauert. Ich war sicher bereits 17, 18 Jahre alt, da spielte ich schon seit vielen Jahren Drums, bis ich herausfand, dass es wohl das ist, was mich am meisten begeistert. Bis dahin war es ein großer Spaß, Schlagzeug zu spielen, aber noch keine echte Leidenschaft. Es gab dann in dem Alter ein paar Konzerte hintereinander, wo ich festgestellt habe, dass mir nichts so viel Freude macht wie das Drumming. Das war dann auch die Phase, wo ich mich entschied, Schlagzeug zu studieren. Und gleichzeitig die Phase, in der ich den Jazz für mich entdeckte – und in diesem Genre merkte, wie kreativ und vielseitig Schlagzeugspielen sein kann. Man kann also sagen, dass der Hardrock mich zur Musik gebracht, aber erst der Jazz mich wirklich zu einem Schlagzeuger gemacht hat. 

Und so kam es, dass du dann auch Jazz-Drumming studiert hast?

Ja, denn es war das Genre, das ich einfach am wenigsten verstanden habe und das mir damit das größte Entwicklungspotenzial bot. Und je mehr ich darüber erfuhr, umso cooler fand ich es, Jazz zu spielen. Ich fühlte mich einfach extrem cool, Rhythmen zu spielen, die andere nicht verstanden – so ein typisches Teenager-Ding, nur heruntergebrochen auf dieses Instrument. Ich wollte halt überlegen sein, cooler als andere, und da bot der Jazz viele Möglichkeiten. Also wollte ich das machen.

Gab es einen Künstler, der dich ganz besonders für den Jazz sensibilisiert hat?

Da gab es drei: Zum einen das Keith Jarrett Trio, das mir den zeitgenössischen Jazz näherbrachte. Der zweite war John Coltrane, dessen rhythmische Offenheit mich stark beeindruckt hat. Und dann hab ich zum ersten Mal „Bitches Brew“ von Miles Davis gehört, und diese Platte hat mich komplett umgeblasen. Ab dem Moment wurde ich zum echten Jazz-Nerd und musste immer mehr über dieses Genre herausfinden. 

Es ist also auch anzunehmen, dass dein größtes Vorbild ein Jazz-Drummer ist?

Vollkommen korrekt: Elvin Jones, der Drummer von Coltrane, ist für mich der beste Schlagzeuger aller Zeiten. Keiner hatte einen größeren Einfluss auf mich als er. Aber ich mag auch Vinny Appice sehr, er ist vielleicht der beste zeitgenössische Drummer für mich. Ich hab ihn gerade vor einigen Monaten live gesehen, und er hat mich komplett umgeblasen.

Auch wenn du in deinem Studium viel über die Theorie von Rhythmik und Schlagzeug gelernt hast, bist du heute ein rein intuitiver Drummer, oder?

Absolut. Ich bin komplett getrieben von Intuition. Manchmal empfinde ich, dass ich wohl deutlich mehr über die Theorie nachdenken sollte, aber das macht mir eben keinen Spaß. Ich möchte spielen, nicht analysieren.

Könnte man sagen, dass darin auch das ­Geheimnis der Faszination für dein Drumming liegt? Ich kenne einige Leute, die etwa mit Hardrock überhaupt nichts anfangen können, aber trotzdem total ergriffen waren, nachdem sie eine Spidergawd-Show gesehen haben.

Das kann ich schlecht beurteilen, aber gleichzeitig muss ich sagen, dass das das größte Kompliment ist, das man mir machen kann: dass jemand mit meiner Musik nichts anfangen kann, aber trotzdem viel Spaß hat, mich spielen zu sehen. Mehr geht nicht.

Auch wenn du kein Analytiker bist, mal eine theoretische Frage: Was kann man mit Jazzmusik ausdrücken, was zum Beispiel der Hardrock niemals vermitteln könnte – und umgekehrt?

Kurze Antwort: nichts. In jedem Genre lässt sich jede Emotion ausdrücken. Man muss sie nur fühlen und als Transmitter auf sein Instrument übertragen können – dann gibt es keine Grenzen der Emotion beim Spielen. Aber vielleicht beruht gerade diese Aussage auf dem Aspekt, dass ich so gut wie nie über mein Spiel nachdenke, sondern stattdessen einfach spiele.

Welche Rolle sollte ein Drummer grundsätzlich in dem Gefüge einer Band einnehmen?

Er sollte die Maschine sein, die Lokomotive, die alles voran zieht. Ich mag diese lahmen Schlagzeuger nicht so gern, die sich damit begnügen, quasi unsichtbar einfach nur einen Beat zu halten. Der Drummer sollte spür- und sichtbar die Energiequelle sein, aus der sich die gesamte Musik speist. Sonst hat er seine Rolle verfehlt, finde ich. Aber das mag vielleicht auch daran liegen, dass meine heutigen Lieblings-Genres nun mal extremer Metal und total kaputter Freejazz sind. (lacht)

Warum stehen eigentlich gerade die Norweger so gern auf diesen extremen Metal?

Sicher kann ich das nicht sagen, aber vielleicht hat es tatsächlich mit unserer Witterung zu tun. Hier oben ist es halt oft kalt und unwirtlich, daher passt diese Musik gut zu uns. Außerdem gibt es da sicher diesen historischen Zusammenhang, mit den ganzen Kirchenverbrennungen und Hexenjagden. Wir Norweger haben halt ungewöhnlich häufig ein gespaltenes Verhältnis zum Christentum; viele haben sich weitaus mehr mit dessen dunkler, satanischer Seite befasst als mit der hellen. Und das spiegelt sich dann auch im Musikgeschmack wider.

Hast du eine Religion, der du vertraust?

Die einzige Religion, die ich seit meinem neunten Lebensjahr habe, ist Iron Maiden. (lacht) So gesehen ist ihr Drummer Nicko McBrain dann wohl meine Art Hohepriester, mal abgesehen von Elvin Jones und Vinny Appice.

Apropos Priester: Seit einigen Jahren bekleidest du den offiziellen, stets auf Lebenszeit verliehenen Posten als „Botschafter für den norwegischen Jazz“. Wie kommt man zu solch einer Ehrung?

Puh, frag mich nicht. (lacht) Es ist halt grundsätzlich so, dass der norwegische Staat die nationale Musikszene intensiv fördert, es gibt viele gute Programme für Nachwuchsmusiker. Und um diese attraktiv für einerseits die Jugend des Landes, aber auch nach außen zu gestalten, werden bestimmte Musiker, die sich in Norwegen als besonders kreativ oder prominent hervorgetan haben, mit diesem Posten des Botschafters geehrt. Diese Ehrung wurde für den Bereich Jazz dann eben irgendwann auch mir zuteil. Darüber habe ich mich sehr gefreut, aber auf meine tägliche Arbeit hat das keinen Einfluss. 

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