Peter Criss (KISS): Solotricks für heiße Chicks

Im März diesen Jahres kündigte Kiss-Schlagzeuger Peter Criss an, sich endgültig aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Sein Adieu war uns Befehl, noch einmal einen Blick auf die neun Leben des „Catman“-Drummers zu werfen.

Nichts gegen die Allman Brothers, die Doors, CCR oder Grateful Dead. Aber verglichen mit britischen Mega-Acts der Sechziger und frühen Siebziger wie den Beatles, den Stones, Queen, Black Sabbath, Genesis, Pink Floyd, The Who, Deep Purple oder Led Zeppelin flogen viele US-Bands vergleichsweise unter dem Radar. Fußballstadien füllten allein die Cousins von der Insel. Bis Kiss auftauchten und den Markt nach allen Regeln der Kunst knackten. Mit ihrer Mixtur aus Superheldenkomik, Theaterdonner und Feuerzauber eroberten sie die Massen und setzten Abermillionen um. Für ihre Tourneen ließen sie sich immer bombastischere Bühnenbilder bauen, die sie dann Abend für Abend mit Güterzügen voller Pyrotechnik in die Luft jagten.

Unter Hartblechfans der späten Siebziger gab es hauptsächlich zwei Fraktionen: Die einen waren dem aufgeblasenen Kostümfest rettungslos verfallen, die anderen konnten nichts damit anfangen. Die Musik war schon ein anderes Kaliber. Denn Kiss hatten stets ein Händchen für simple, zeitlos griffige Rock-Hymnen, wie gemacht für das „Airplay“ im Rockradio oder den Tanzabend im Grill-Keller.
Oberflächlich betrachtet besteht die Band im Kern lediglich aus zwei Personen: den Lautsprechern Gene Simmons (b, v) und Paul Stanley (g, v). Um den explosiven Mix zur Mega-Band aufzuschäumen, brauchte es allerdings mehr als nur zwei ehrgeizige Hippies. Zur nicht minder treibenden Kraft des Kiss-Schwarzpulvers avancierten daher die beiden New Yorker Straßenköter Ace Frehley (Bronx) und Peter Criss (Brooklyn).
Der Drummer sah seine „biologische Uhr als Musiker“ mit 28 bereits ablaufen, als er eine Annonce im „Rolling Stone“ lancierte, in der er nach professionell ambitionierten Rockern mit eigenem Songwriting fahndete. Nach der ersten Jam-Session mit Simmons und Stanley wusste er: Das konnte was werden!

Harte Schlagzeug-Schule

1973 hatte der 1945 geborene George Peter John Criscuola bereits einige harte Jahre sich. Ein Stück Pausenbrot musste für den ganzen Schultag reichen. Und Brennholz war im Winter oft so knapp, dass sich die Familie frierend um den einzigen Ofen scharte. „Ich bin arm aufgewachsen, aber das spielte keine Rolle“, äußerte er 2012 in seiner Autobiografie „Makeup to Breakup“. „Alle unsere Nachbarn mussten ebenso um ihren Lebensunterhalt kämpfen. Jeder half jedem ein bisschen.“
„Georgie“ überlebte als Kind die Attacke durch einen bissigen Hund, der ihm das halbe Gesicht zerfetzte. Er hatte Glück im Unglück, weil ihn ein Chirurg sofort operierte, ohne erst danach zu fragen, ob seine Familie die Behandlung auch bezahlen könne. Seine Schulzeit war schwierig. Nach jahrelangem Drill durch Nonnen auf einem streng katholischen Institut flüchtete er auf eine öffentliche Schule und geriet zwischen die Fronten der New Yorker Straßen-Gangs. Er sah sich gezwungen, einem Trupp beizutreten und sich zu bewaffnen: „Ich konnte es recht gut mit dem Baseballschläger.“ Tiefpunkt war eine Messerstecherei, bei der er einen Angreifer in Notwehr schwer verletzte. „Letztlich hat mich alleine meine Leidenschaft fürs Drumming davor bewahrt, als Krimineller im Knast zu landen.“

 
 


Zement im Trommel-Eimer

Seine Karriere als Schlagzeuger begann er stilecht als Rock-Rebell, denn schon nach kurzer Zeit flog er beim Drum Corps seiner Schule raus, weil er es gewagt hatte, den Marsch der Kapelle mit einem improvisierten Solo zu verfeinern. Klein-Georgies Idol war Gene Krupa, neben Buddy Rich einer der großen Pioniere des modernen Schlagzeugspiels. Mit sieben bekam er sein erstes Kinder-Set, bestehend aus einer Bassdrum und zwei Hängetoms. Georgie hämmerte es in wenigen Tagen zu Kleinholz.
Daraufhin sparte sein Vater für den Kauf einer gebrauchten Snaredrum, setzte die Marschtrommel auf eine Holzkiste und baute ihm zwei „Becken“. Als Ständer fungierten in Eimer zementierte Stäbe, auf die Papa Criscuola die Metalldeckel zweier ausrangierter Mülleimer geschraubt hatte. Einen Hocker gab es nicht. Georgie nahm auf einem Stapel alter Telefonbücher Platz. Unterricht hatte er praktisch nie. Seine Lehrer waren das Radio und die Straße.
Als Jugendlicher kaufte er einem Metzger, für dessen Geschäft er Botengänge verrichtete, ein Slingerland-Kit von 1935 ab („Der blanke Wahnsinn. Das war genau die Marke, die auch Gene Krupa spielte!“). Um die 200 Dollar für die 24“-Bassdrum, eine Snare und ein Tom abzuzahlen, schuftete er monatelang zum halben Lohn und putzte nach Feierabend noch den Laden des Chefs.

Grooves & Licks Peter Criss

Rockmusik für die Mafia

Mit diesem Traum-Equipment war nun endlich mehr möglich. Peter stieg in eine Band ein, die auf Hochzeiten und Parties auftrat. Von Vorteil war zudem seine enorm kräftige, rauhe Gesangsstimme. Bei den Barracudas avancierte er damit zum trommelnden Frontmann. Den Highschool-Abschluss ließ der 18-Jährige sausen, als er mit seiner Combo in einem Mafia-Club landete, um für 125 Dollar pro Woche Motown-Songs und Covers aller Art zu spielen. Der i-Punkt war jedoch, dass er ausgerechnet für sein Vorbild Gene Krupa jeden Abend den Saal anwärmen durfte. Gene war seinerzeit zwar bereits auf dem absteigenden Ast, stand seinem Jünger aber gütig mit Rat und Tat zur Seite. „Ich muss ihm furchtbar auf die Nerven gegangen sein. Ich wusste alles über ihn und hatte alleine die ‚Gene Krupa Story‘ bestimmt hundertmal gesehen.“
In den folgenden Jahren erlebte Peter hautnah mit, wie Rockgeschichte geschrieben wurde. Er sah Jimi Hendrix mit Johnny Winter jammen, Janis Joplin mit Jim Morrison feiern und gehörte zu den Auserwählten, die das „White Album“ der Beatles vor seiner Veröffentlichung zu hören bekamen – der Wirt seiner Szenekneipe hatte ein Presse-Exemplar ergattern können: „Um Mitternacht wurde die Tür abgeschlossen, und Steve Paul sagte: ‚Ab jetzt halten alle die Schnauze!‘ – Du konntest in dem Laden eine Stecknadel fallen hören. Dann spielte er das ganze Album durch, von Seite eins bis Seite vier. Es war, als würde Gott durch die Speaker zu uns sprechen. Für uns waren diese Songs das Gesetz.“
Mit diversen Formationen setzte er alles daran, es selbst nach oben zu schaffen. 1970 erschien mit dem Debüt der Band Chelsea ein erstes Album samt Vocal-Tracks und Drums von Peter Criss, wie er sich jetzt nannte. Aber er musste noch auf seine Erleuchtung warten. Sie kam bei seiner ersten Session mit Stanley und Simmons, als sich sein herzhaftes Drumming mit dem Riffing der beiden kongenial verband. Mit dem Einstieg von Space-Ace Frehley, der sich als „Alien vom Planeten Jandel“ vorstellte, war die Band komplett. Ace hatte sein Kabel bei der Audition frech in den Amp eines Mitbewerbers gestöpselt und über dessen Spiel hinweg gebrutzelt. „Der andere Typ ging mit Tränen in den Augen, und wir jammten drauflos. Es war phantastisch.“

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