Masterclass Virgil Donati

Ausnahme-Schlagzeuger Virgil Donati ist nicht nur als Speed-King, sondern auch als Freund von kniffligen Pattern-Verschiebungen bekannt. Der Australier ist ein Meister der akustischen Täuschung.

Am 22. Oktober 1958 wird Virgil Donati in Melbourne geboren. Schon im Alter von drei Jahren zieht es den Jungen ans Schlagzeug. Die ersten musikalischen Schritte macht er in der Showband seines Vaters, in der er bis zu seinem sechsten Lebensjahr regelmäßig auftritt. Damals ist der Zugang zu musikalischem Lehrmaterial in Australien recht begrenzt. Allenfalls die Standardlektüre schafft es nach Down Under, und Musik­lehrer sind zumeist eher reine Autodidakten. Kaum ausgebildet und schlecht ausgestattet. Der ambitionierte Jungspund lässt sich aber in seiner Motivation nicht ausbremsen. Der talentierte Schlagzeuger übt täglich viele Stunden mit Noten­material, das er in Bibliotheken und Musikschulen auftreiben kann. Von Beginn an ist der Australier mit italienischen Wurzeln dem Traditional Grip verschrieben, und das Double Pedal findet schnell Einzug in sein Trommelbesteck. Schon früh übt er Rudiments mit Händen und Füßen gleichzeitig, überlagert diese Figuren übereinander und entwickelt damit den Grundstein für sein ­späteres außergewöhnliches Schlagzeugspiel.

Als er gerade mal 15 Jahre alt ist, unterzeichnet er zusammen mit seiner Rockband Cloud Nine seinen ersten Major-Label-Deal. Um sich voll und ganz auf die Musik fokussieren zu können, verlässt Virgil Donati schon mit 16 Jahren die Schule. Zusätzlich nimmt er klassische Pianostunden. Im Alter von 19 besucht das Ausnahmetalent die USA, um sich frischen Input bei Jazz-Drummern wie  Philly Joe Jones und Rob Carson zu holen. Der Schlagzeuger beschäftigt sich mit den unterschiedlichsten Musikstilen, besonders aber mit Jazz und Fusion. Mit seiner musikalischen Vielseitigkeit legt Virgil den Grundstein für den Verlauf seiner internationalen Karriere.

In seinen frühen Zwanzigern nimmt die Karriere Fahrt auf. Mit den Hardrockern Southern Sons landet er mit „Heart in ­Danger“ einen echten Hit, und das Album erhält mehrfach Platin.
Nahezu täglich spielt der junge Musiker außerdem in Clubs von Melbourne und Umgebung, wie etwa mit der Jazz-Fusion-Combo Changes. 1995 produziert der Schlagzeuger sein erstes Solo-Album „Stretch“. Außerdem veröffent­licht er mehrere Lehrvideos und -bücher.

Musik mit Kniff

Ende der 90er gründet Virgil zusammen mit Ex-Dream-Theater Keyboarder Derek Sherinian die Fusion-Rock-Band Planet X. Ihr Ziel ist es, Songs mit möglichst komplexen Arrangements, anspruchsvollen Harmonien und ausgeklügelten Rhythmen zu schreiben.
Nummern wie „Dog Boots”, „Alien HipHop” oder „Desert Girl” demonstriert Virgil Donati unzählige Male auf seinen weltweiten Clinics, die unter Kennern schnell zum Nonplusultra der Workshop-Szene zählen.

Virgil Donatis Zusammenarbeit mit anderen Ausnahmemusikern zieht diverse CD-Veröffentlichungen und Tourneen nach sich. Der Schlagzeuger arbeitet mit den Gitarristen Allan Holdsworth und Steve Vai, Basser Billy Sheehan und dem Komponisten Michel Polnareff. Seine Workshops bringen den Ausnahme-Drummer um den gesamten Globus. Videomitschnitte aus den Jahren 2000 bis 2008 finden ihren Weg auf die zu dieser Zeit stark wachsende Video-Plattform Youtube und erreichen etliche Hundert­tausend oder gar Millionen Views.
2013 veröffentlicht Virgil Donati sein Solo-Album „In This Life“ mit Gastmusikern wie Anthony Crawford, Brett Garsed, Alex Argento und Irwin Thomas. Er ist mittlerweile fester Bestandteil der kalifornischen Fusion-Szene.
Zuletzt ist er 2017 mit der öster­reichischen Schlagzeuggröße Thomas Lang auf Workshop-Tour.

Virgil Donatis Setup

Virgil hat sein Set im Laufe der Jahre immer wieder leicht geändert. Der Grundaufbau blieb aber im Kern gleich. Der Australier ist ein reiner Doppelpedalspieler mit einer 22“ Bassdrum. Das hat den Vorteil, dass die Bassdrumschläge alle auf demselben Fell erfolgen und somit ein gleichbleibender Sound entsteht.
Die Nutzung von zwei Bassdrums mit jeweils einem Single-Pedal birgt ein Problem: Beide Felle müssen exakt gleich gestimmt werden, um einen prägnanten Doublebass-Sound zu erhalten. Das erfordert kostbare Zeit und hohe Tuning-Expertise.

Virgil spielt mit zwei Racktoms in den Größen 10“ und 12“, mittig über der Bassdrum platziert. Dazu findet man zwei Floortoms in 16“ und 18“, die standardmäßig rechts von ihm stehen.
Besonders – und fast immer vorhanden – ist seine zweite Snare links oberhalb (!) der Hi-Hat. Sie ist höher platziert, damit er sie besser mit dem Traditional Grip spielen kann.
Der Drummer nutzt häufig ein weiteres tiefes Tom zu seiner Linken neben der ­Hi-Hat.

In den 1980ern und 1990ern spielte Virgil Premier Drums. Später wechselte er zu Pearl. Seit 2017 ist der Schlagzeuger bei DW Drums – auf Vermittlung seines Trommel-Kumpels ­Thomas Lang. Seine bevorzugten Felle sind seit vielen Jahren Remo Emperor Clear und Ambassador Clear.
Seit Urzeiten hat Virgil eine Cymbal-­Signature-Serie bei Sabian und schwingt ­seinen „Virgil's Assault Drumstick” der Marke Vater – einen überaus robusten und dicken Stick, der auch am Schaft voluminös bleibt und in einer breiten Spitze endet.

Die Becken seiner Signature-Serie „Saturation“ entwickeln einen eher kürzeren Klang, mit einem ausgewogenen Verhältnis in puncto Bässen und Höhen. Sie klingen angenehm prägnant und durchsetzungsstark, ohne dabei zu laut zu werden. Auf eine leise und artikulierte Spielweise sprechen die Becken gut an.
Ein wichtiger Aspekt von Virgils Spiel ist seine beeindruckende Fußtechnik. Er gilt als einer der Vorreiter komplexer und rasanter Doublebass-Passagen, spielt Sechzehntel-Single- und Doublestrokes bei über 200 bpm. Speziell die Nutzung des Doublestroke-Rolls auf der Bassdrum war unter Drummern mit das Ungewöhnlichste, was man in den späten 1980ern und 1990ern erleben konnte.

60 Minuten sind Pflicht

Beispiel 1 ist an den Song „Dog Boots“ vom 2000er Planet-X-Album „Universe” angelehnt. Virgil spielt den Doublestroke-Roll mit den Füßen als Inverted Roll. Er beginnt mit dem rechten Fuß, worauf zwei linke Schläge und am Ende ein weiterer rechter Fußschlag folgen. Die Fußtechnik ist eine Art Slide mit jedem Fuß über das Pedal. Der erste Schlag erfolgt mit der Fußspitze in der Mitte des Pedals mit deutlich angehobener Ferse.

Beim zweiten Schlag bewegt sich das gesamte Bein – und damit die Ferse nach unten, wobei der Fußballen den Schlag kraftvoll ausführt. Der Drummer erreicht mit dieser Spielweise einen äußerst druckvollen Doublestroke-Roll, der sehr schön groovt und dabei ähnlich kraftvoll wie ein Singlestroke-Roll rüberkommt.

Solltet ihr Neulinge im Spielen von Double­strokes mit den Füßen sein, plant viel Übungszeit ein, wenn ihr euch das Tempo von Virgil draufschaffen wollt. Tägliches Üben von mindestens 60 Minuten ist der Schlüssel. Ausdauer und Kraft sind der Grundstein für Geschwindigkeit. Die Finesse für die Geschwindigkeit resultiert automatisch aus den vielen Wiederholungen. Ihr habt richtig gelesen: 60 Minuten Double­strokes am Stück pro Tag!

Das Fünfer-Pattern

Doch Virgil Donati beeindruckt nicht nur durch Geschwindigkeit, sondern auch mit interessanten Notenverbindungen und Hand-Fuß-Kombinationen. Als wäre das nicht schon genug, spielt er die komplizierten Doublebass-Figuren in krummen Taktarten, mit wechselnden Metren und Akzentuierungen.
Ein sehr interessantes Pattern des Drum-Virtuosen besteht aus fünf Schlägen (Beispiel 2). Virgil spielt mit der linken Hand einen Schlag, gefolgt von vier abwechselnden Schlägen mit beiden Füßen. Drei Handschläge werden auf einem tiefen Tom zu ­seiner linken gespielt, der vierte Handschlag auf der zweiten Snare. So entsteht eine Art einfacher Groove mit der linken Hand,
der so ähnlich wie ein „Bass Bass Snare Bass“-Groove klingt – normalerweise zwischen Bassdrum und Snare gespielt. Dazwischen liegen die vier Bassdrumschläge (RLRL).

Alleine dieses Fünfer­pattern zwischen linker Hand und den Füßen zu beherrschen, kann eine herausfordernde Übung für fortgeschrittenene Drummer sein (Beispiel 2a). Nun kommt die rechte Hand dazu und bestimmt über Metrum und Subdivisions.

Virgil Donatis Täuschungsmanöver

In Beispiel 2b wird das oben beschriebene Ostinato als Sechzehntel-Figur gespielt, und die rechte Hand spielt Achtel auf der Hi-Hat.
In Beispiel 2c wird das Ostinato als Sex­tolen-Figur eingesetzt, und die rechte Hand spielt erneut Achtel.
In Beispiel 2d trommelt ihr das Ostinato wieder in Sechzehntelnoten. In den ersten drei Takten akzentuiert die rechte Hand jeden dritten Schlag auf der Hi-Hat. Somit entsteht für den Zuhörer das Gefühl, dass das gesamte Pattern in Sextolen gespielt wird.
Im vierten Takt ändert sich das Rechte-Hand-Pattern, und es werden einfache ­Achtelnoten verwendet. Hierbei kommt es zu einer Art akustischer Täuschung, was ein typisches Stilmittel von Virgils Drumming ist. Am besten hört ihr euch die Beispiele zunächst mehrfach an, damit ihr einen Zugang zu solchen Grooves bekommt.

Verschobene Muster

Beispiel 3 ist angelehnt an ein Pattern aus dem Song „Alien Hip Hop“ vom 2007er Planet-X-Album „Quantum“. Im zweitaktigen Beispiel 3a findet ihr den Groove in Sechzehnteln notiert. Achtet beim Sticking-Schema auf die alternierenden Singlestrokes. Es beginnt mit der rechten Hand; allerdings erfolgt der Anfang des zweiten Takts mit der linken Hand. Übt dieses Pattern erst einmal separat nur mit den Füßen, bis es sauber läuft. Später könnt ihr darüber Backbeats oder Rudiments spielen.
In Beispiel 3b ist die Schlagfolge triolisch notiert. Kniffelig wird es dadurch, dass sich das Muster innerhalb der Takte verschiebt. Erst nach vier Takten ist der „Zyklus“ zu Ende, und das Pattern beginnt wieder am gewohnten Ausgangspunkt auf der „1“.

Doch damit nicht genug: Durch die Verschiebung des Patterns ändert sich auch die Schlagabfolge mit dem Fuß. Ging es im ersten Takt noch mit dem rechten Fuß los, beginnt es im fünften Takt mit dem linken. Ihr müsst es unbedingt mit Sticking-Shift über acht Takte üben, damit ihr später leichter Backbeats und Rudiments über dieses Fußpattern spielen könnt.
Beispiel 3b zeigt die vollen acht Takte mit Sticking-Beschreibung, Beispiel 3c einen einfachen Backbeat über das Fußpattern.
Ihr merkt schon: Virgil Donatis Spiel hat es ganz schön in sich und vereint diverse Stile, Techniken und Spielwitz. In diesem Sinne: Bleibt locker und haut rein!