Mike Miley im Interview

2008 gründete der kalifornische Drummer Mike Miley zusammen mit dem Gitarristen Scott Holiday und dem Bassisten Robin Everhart die Band Rival Sons. Zwei Jahre später konnte man die Band bereits im Vorprogramm von Kid Rock, Alice Cooper und AC/DC bestaunen. Nach neun Jahren steht mit „Feral Roots“ das sechste Album der Rival Sons in den Plattenläden und wird frenetisch von der Musikpresse gefeiert. Mike Miley hat uns einen Einblick in die Welt der West-Coast-Rocker gewährt.

DH: Euer neues Album wird in der Presse und der Szene in den höchsten Tönen gelobt. Erhöht so etwas den Druck für zukünftige Projekte und den Anspruch, den man an sich selbst stellt?

Mike Miley: Natürlich steigt damit der Anspruch, den man an sich selbst stellt, und damit auch der Druck. Ich habe daher vor ein paar Jahren wieder angefangen, Unterricht zu nehmen, bei Dave Elitch. Dave ist ein herausragender Drummer. Ich habe bei ihm mein komplettes Drum-Konzept in Frage gestellt und alles zusammen mit ihm neu entwickelt. Angefangen von der Stick-Haltung bis hin zum Set-Up – kurzum, ich habe meine Technik grundlegend überarbeitet. Der Druck ist also schon sehr groß, aber er hat mich dazu gebracht, neue Techniken und Stile zu lernen.

Warum hast du das getan?

Miley: Ich kann mit tollen Musikern zusammenspielen und mir ist klar, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Es war also an der Zeit, dass ich mich „emanzipiere“ und mein eigenes Ding am Drum-Set entwickle. Das war der Grund und es hat sich ausgezahlt. Vor etwa fünf Jahren war mein Drumming nah an dem von John Bonham angelehnt, vielleicht ist dir das zufällig auch aufgefallen (lacht).

Ist es denn überhaupt möglich, über Rival Sons zu sprechen, ohne die Worte „Led-Zeppelin“ und „John Bonham“ zu benutzen?

Miley: Yeah! Es ist möglich (lacht)! Wir wurden und werden natürlich mit Led Zeppelin verglichen, aber wir waren nie darauf aus. Andere Bands legen es gezielt darauf an, wie die Band XY zu klingen. Was mich angeht, habe ich mich stark von Aretha Franklins Musik inspirieren lassen, oder auch von Otis Redding und natürlich von den Blue Moon Boys. Aber sieh es mal so: Jeder Musiker ist von irgendeinem anderen Musiker beeinflusst.

Deine Vorbilder sind also nicht nur Bonham und Konsorten. Mit Aretha und Otis schlägst du die Brücke zu den großartigen Musikern des Motown Labels. Und die Blue Moon Boys mit D. J. Fontana waren ja die Grundsteinleger des Rock’n’Roll. Wie würdest du deinen Stil im Vergleich zum Motown-Stil und dem Pure-Rock’n’Roll-Drumming Fontanas beschreiben?

Miley: Oh, das klingt nach einer Frage, die eine allumfassende Antwort verlangt (lacht). D. J. ist einer der Ersten, einer der „Original Rock’n’Roller“.Aber zurück zu deiner Frage: Damit machst du ein richtig großes Fass auf. Nimm den Rock’n’Roll-Family-Tree. All diese Bands, die in diesem Baum verewigt sind, und auch D. J. Fontana, waren beeinflusst von der Jazz- und Bebop-Szene der 40er und 50er aus Chicago sowie New York. Diese Musiker stellen die Initialzündung für den Rock’n’Roll dar. Drummer wie Art Blakey, der zusammen mit Miles Davis in der sogenannten Sugar-Hill-Harlem-Clique war, oder Roy Haynes von Charly Parker waren der Einfluss für Jungs wie D. J. Fontana und Jimmy Van Eaton. Diese wiederum brachten Leute wie Keith Moon, Ringo Starr, Charlie Watts und John Bonham dazu, so zu spielen, wie sie spielten. Und weiter geht es mit der Metal-Szene, die ohne diese Drummer nicht das wäre, was sie ist. Ich sehe mich also in der Tradition all dieser großartigen Musiker und Drummer und möchte auch ein Teil dieses Stammbaums sein (lacht). Wenn ich mir Elvis anhöre, achte ich natürlich besonders auf das, was D. J. spielt. Ich meine, hey, D.J. Fontana war einer der Menschen, die den Rock’n’Roll erfunden haben. Aber ich habe weitaus mehr Zeit damit verbracht, die Alben von Zappa zu hören als die Alben von Chuck Berry, Fats Domino oder Little Richard. Insofern sind die Einflüsse dieser Drummer zwar da, aber wohl nicht so ausgeprägt.

Und die Motown-Drummer?

Miley: Das Motown-Label und Musiker wie Marvin Gaye, Diana Ross und Stevie Wonder sind ein unbedingter Teil des Rock’n’Rolls, auch wenn die Musiker es schwer hatten, denselben Bekanntheitsgrad zu erreichen wie die Songwriter, die nicht nur den Ruhm, sondern auch das ganze Geld einheimsten. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Nun zu deinem Set: Es klingt sowohl live als auch im Studio richtig fett, aber keinesfalls überproduziert. Wie entsteht der typische Rival-Sons-Drum-Sound?

Miley: Wir greifen beim Recording auf die Methode von Glyn Johns zurück. Dafür braucht man drei Mikrofone: Ein Kondensator-Mic wird links neben dem Set positioniert und eines darüber – beide so, dass sie die Snare in den Fokus nehmen. Dann fehlt nur noch ein Bass-Drum-Mic, in meinem Fall ein Coles 3048. Zusätzlich nehmen wir noch ein Neumann U67 für den gesamten Sound. Aber das war es dann auch. Die Signale werden natürlich noch durch hochwertige Kompressoren und Preamps unterstützt.

Ok, also eine ausgeklügelte Recording-Technik gepaart mit High-End-Equipment. Aber welchen Anteil am Sound hat dein Tuning?

Miley: Ich stimme immer den maximalen Ton in meine Trommeln. Das bedeutet, dass ich das Reso-Fell höher stimme als das Schlagfell. Die Trommel muss singen. Es geht mir dabei darum, dass der Drum-Sound möglichst klar und präsent ist und so ungedämpft wie nur möglich klingt. Hier kommt D. J. Fontana wieder ins Spiel. Wenn Elvis mit seinen Blue Moon Boys aufgenommen hat, war oft nur ein einziges Mikrofon im Einsatz. Geht man so ans Recording ran, muss das Schlagzeug wirklich offen getuned sein, um eine möglichst große Resonanz zu erzielen. Mitch Mitchell von Jimi Hendrix hat seine Drums auch immer möglichst hoch gestimmt. Man kann also sagen, dass mein Drum-Sound sehr vom Rock’n’Roll der frühen Jahre und vor allem vom Bebop beeinflusst ist. Hör dir Roy Haynes, Art Blakey oder Elvin Jones an: These Drums were absolutely high and wide open (lacht).

Seit kurzem bist du Gretsch Endorser. Zuvor hast du Custom-Drums von Mayer Bros. gespielt. Was ist dran an der Geschichte, dass Jason Bonham dein Mayer-Set für die Aufnahmen von „California Breed“ genutzt hat?

Miley: (lacht) Ja, das ist eine echt verrückte Geschichte. Wir hatten damals gerade unsere Aufnahmen für das Great-Western-Valkyrie-Album im Studio von Dave Cobbs beendet. Übrigens nehmen wir alles bei Dave Cobbs auf, der gestern Nacht bei den Grammy Awards fünf weitere Grammys abgeräumt hat (lacht).
Auf jeden Fall waren wir fertig, als Jason mit den Jungs von California Breed eintraf. Mein Drum-Set, damals noch ein Custom-Set von Mayer Bros., das ich auf den ersten sechs Rival-Sons-Alben gespielt hatte, stand noch da. Jason hatte zwar seine DW-Drums dabei, doch er setzte sich kurz hinter mein Mayer-Set. Er spielte für 20 Sekunden und fragte mich dann, ob es in Ordnung sei, wenn er mein Set für die Aufnahmen spielen würde.

Du hast natürlich „Nein“ gesagt...

Miley: Klar habe ich das (lacht). Nein, es war mir eine große Ehre, dass Jason mein Set gespielt hat und irgendwie macht mich das zu einem weiteren kleinen Blatt am Rock’n’Roll-Tree (lacht).

Hört man die Rival Sons, nimmt man nicht nur Elemente aus Rock und Blues wahr. Oft kommen auch Anleihen von amerikanischem Folk oder indischer Musik zum Einsatz, wie beispielsweise bei „Look Away“ oder auch ein Gospelchor wie bei „Shooting-Stars“. Wie wichtig ist diese Vielseitigkeit für eure Musik?

Miley: Ja, das ist sehr wichtig für unsere Songwriter Jay und Scott (Jay Buchanan, Gesang; Scott Holiday, Gitarre). Ein Maler hat eine Farbpalette und je differenziertere Farben er mischen kann, desto lebendiger und deutlicher kann er einzelne Nuancen in seinem Bild hervorheben. Scott und Jay gehen in ähnlicher Weise an das Songwriting ran. Die Palette, die sie dabei nutzen, besteht aus Funk, Soul, Bluegrass, Jazz. Von mir kommen dann noch Facetten von Rock, Samba und Latin. Wir versuchen, all das zu einem stimmigen Gesamtbild zu vereinen. „Look Away“ besitzt ja dieses Intro im indischen Stil. Ich habe mich dafür vom Klang indischer Tablas inspirieren lassen und das Intro mit den Händen und Fingern gespielt. Nichts desto trotz ist „Look Away“ ein Rocksong ... inklusive Drum-Solo (lacht). Der Gospel-Chor bei „Shooting Star“ war nicht von Anfang an geplant. Wir hatten den Song aufgenommen und ihn angehört. Die Textpassage mit den Worten „My love is stronger than your hate” kam uns allen so eindringlich vor und erinnerte uns an einen Gospel. Deshalb kamen wir auf die Idee, den Anfang tatsächlich von einem Gospelchor einsingen zu lassen.

Rival Sons klingen auf der einen Seite stark nach Led-Zeppelin, das kann man nicht leugnen. Ebenso prägnant kommt aber eure eigene Ausdrucksweise durch. Wie sorgt ihr dafür, dass euer Stil nie überlagert wird?

Miley: Led Zeppelin ist nur ein Teil des Kuchens. Die Frage ist doch, was Led-Zeppelin gemacht hat: Sie holten Wasser von der Quelle, um es philosophisch auszudrücken. Sie ließen sich von Blues-Legenden wie Howlin Wolf, Skip James, Robert Johns, Willie Dixon inspirieren. Die Rival Sons tun genau dasselbe. Wir gehen zur selben Quelle, nur finden wir dort Wasser, das auch mit dem Geist von Led Zeppelin beseelt ist. Unsere Inspirationsquellen sind also nicht nur auf das Eine oder das Andere beschränkt. Das sorgt dafür, dass wir Led Zeppelin als Vorbild nicht leugnen können, aber ebenso unseren eigenen Stil haben. Wir sind damit ja nicht allein. Viele Musiker vor uns haben genau das getan und tun es immer noch. Rock’n’Roll ist kein Kampf. Es ist ein großartiger Tanz, der hoffentlich nie enden wird. Wenn heute jemand behauptet „Rock’n’Roll is dead!“, dann verweise ich auf die Rival Sons (lacht).

Soweit ist das klar, und wie entwickelst du daraufhin deine Drum-Parts?

Miley: Wenn ich heute irgendetwas spiele, denke ich mir „Fuck Bonham!“ Wie würde es denn Watts, Porcaro oder Steve Gadd spielen? Man muss immer den Weg gehen, der für den Song zweckdienlich ist. Manche Riffs sind einfach nicht dafür gemacht, um exzessiv zu spielen, man muss sich zurücknehmen, da sonst nicht mit, sondern gegen das Riff gespielt wird.

Euer Debüt-Album kam vor zehn Jahren raus. Viel ist seitdem passiert. Wie blickst du auf die vergangene Zeit zurück?

Miley: Wenn ich an die vergangenen Jahre denke, sehe ich, dass wir als Band eine schmale Nische gefunden haben, die es uns erlaubt hat, mit Größen wie AC/DC, Aerosmith, Deep Purple zusammen zu spielen. Diese Bands waren der „Hammer“, der uns in diese Nische getrieben hat. Das brachte viel Erfahrung und ließ uns zu einer gut funktionierenden Einheit verschmelzen. Nicht nur uns Musiker hat das geformt, sondern auch alle, die mit uns zusammenarbeiten – angefangen von unserem Tourmanager, über die Ton-Techniker bis hin zu den Roadies und den Leuten, die unseren Merch-Stand betreuen – wir sind eine Familie! Wir sind bereit, für alles, das auf uns zukommt.

Wie sieht euer Recording- und Songwriting-Prozess aus?

Miley: Die letzten acht Jahre bestand unser Alltag aus Album-Produktion und Touren – nichts anderes. Da wird man schon irgendwann mal müde, und schließlich sind wir alle auch noch Familienväter. Beim aktuellen Album haben wir die Sache etwas langsamer und gelassener in Angriff genommen. Wir sind für neun Tage ins Studio, und dann wieder heim für zwei Monate. Danach ging es wieder für neun Tage ins Studio und wieder zurück für zwei Monate.
Im Anschluss verbrachten wir noch einmal fünf Tage im Studio und haben das Ding vollendet. Insgesamt hatten wir also 23 Tage verteilt über 11 Monate Zeit, um das Album aufzunehmen. Es tat uns und auch dem Album gut, nicht unter dem sonst üblichen enormen Zeitdruck zu stehen. Jay wohnt in Nashville und er nutzte die freie Zeit, um tonnenweise Songs zu schreiben. Scott tat dasselbe. Die beiden sind wie Öl und Essig, und zusammen die Grundlage für ein erstklassiges Dressing.

Musstest du deine Bandkollegen lange überreden, ehe du das Intro auf „Back In The Woods“ spielen durftest?

(lacht) Ich bin so froh, dass du danach fragst. Der Drum-Sound für das Intro war exakt das, was ich hörte, als Scott mir zum ersten Mal das Riff vorspielte. Ich musste dabei sofort an Meg White von den White Stripes denken. Ich war so geflasht von Scotts Riff und habe meine Leute gebeten: Bitte, bevor wir weiter machen, muss ich am Set erst mal ein bisschen Dampf ablassen. Ich habe mich hingesetzt und diese 16tel-Triplets rausgehauen. Die Aufnahme lief, während ich mich an meinem Drum-Set abreagierte, und Dave (Cobbs) meinte: Hey, das passt. Spiel es noch einmal, hau rein, Mann! Und so landete das Drum-Intro auf dem Album. Jeder Drummer liebt Triplets, nicht wahr (lacht)?

Don Airey von Deep Purple gestand, dass er ein wenig Angst davor habe, mit euch auf Tour zu gehen. Hatte er Grund dazu?

Miley: Don Airey hat viel für uns gemacht. Er war immer da, wenn wir ihn brauchten.
Ich liebe diesen Mann von ganzem Herzen. Wenn ich höre, dass er so etwas über uns gesagt hat, zeigt mir das einmal mehr, wie sehr er uns und unsere Musik wertschätzt.
Wären wir früher, also in den 70ern, schon aktiv gewesen, wäre Deep Purple nicht unser Einfluss, sondern wir wären Kollegen gewesen. In anderen Worten: Wir wären zusammen mit Deep Purple eine der Wurzeln des Rock-Trees. So sind wir „nur“ ein Blatt.

Mike, danke für das Interview. Die letzten Worte gehören dir.

Miley: Es ist mir immer eine Freude, wenn ich solche Interviews geben darf, die sich mit den Wurzeln unserer Musik und unserem Sound beschäftigen. Dass es Menschen gibt, die sich wirklich dafür interessieren, ehrt mich und zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind.
Es beweist, dass Rock’n’Roll am Leben ist. Egal, was passiert: Der Dollar kann crashen, der Euro kann crashen, aber Rock’n’Roll werden die Leute immer hören!


Mike Miley: Das ist sein Equipment

  • Drums: Gretsch USA Custom in Silver Sparkle Nitron
  • Bassdrum: 26 x 14’’
  • Rack-Tom: 14 x10’’
  • Floor-Tom: 16 x 15’’
  • Snare: 14 x 6,5’’ Grestch Solid Aluminium
  • Becken: Paiste 2002 Big Beat
  • Hi-Hat: 17‘‘ 2002 Sound Edge
  • Cymbal: 19‘‘ 2002 Big Beat
  • Cymbal: 20‘‘ 2002 Big Beat
  • Cymbal: 22‘‘ 2002 Big Beat
  • Hardware: DW 9000
  • Beckenständer: DW 9000
  • Snare-Ständer: DW 9000
  • Hi-Hat: DW 9000
  • Bass-Drum-Pedal: DW 9000
  • Felle: Aquarian
  • Bass-Drum: Reso-Classic Coated, Batter-Classic Clear Power Dot
  • Toms: Classic Clear Power Dot, Reso und Batter
  • Snare: Coated Power Dot
  • Sticks: Wincent Mike Miley Signature