Curt Cress Homestory: Ortstermin beim Studio-Titan

Curt Cress kann man mit Recht als Titan des Studio-Drummings bezeichnen: An die zehn- bis zwölftausend Aufnahmen trommelte er ein, an mindestens 400 Millionen verkauften Alben war er beteiligt. Dabei spielt er lieber live. Trotzdem sagte er dem Schlagzeug „Goodbye“. Er plane gerne, sagt er. Und doch kam alles anders ... Um Curt Cress' einzigartige Karriere ging es beim Lokaltermin mit Germany's most recorded Drummer im beschaulichen Isartal.

Pullach, Mitte Februar: Wir kurven durch den Ort, der in Ver­gan­­genheit höchstens als Sitz des Bun­des­nachrichtendienstes Auf­merk­samkeit erregte. Nun liegt er unter einer dicken Schneedecke. Beschaulich ist es hier. Wir hatten eher ein Industriegebiet hinter der Adresse vermutet, die uns Curt Cress gegeben hatte. „CC Holding“ klingt irgendwie nach einem größeren Firmengebäude, dachten wir. Tatsächlich ist die angegebene Adresse ein Einfamilienhaus mit Garten, Garage und allem was dazugehört. Ein unscheinbares Klingelschild – der Name „Cress" darauf stimmt. Hier wohnt und arbeitet also die deutsche Schlagzeugerlegende Curt Cress. Sein großzügiger Bungalow hat einen „Firmeneingang“, der direkt in ein kleines Büro führt, in dem zwei Mitarbeiterinnen sitzen. Die Studioräume, in denen Curt Cress und seine Kollegen die Musik für Sendungen wie „Wetten, dass..? “ oder „Tatort“ produzieren, befinden sich größtenteils im Kellergeschoss. Hier steht auch Curts Schlagzeug, an dem er neuerdings wieder öfter trommelt. Lange Zeit hatte er keine Lust dazu. Später erzählt er uns, wie es zu seinem Sinneswandel kam.

Ausstieg am Zenith der Schlagzeugerkarriere

Curt Cress, der Mann aus dem Hessischen, war in den späten 1980er- bis 1990er-Jahren einer der meistbeschäftigten Drummer der Welt. Er ging in nationalen wie internationalen Studios ein und aus. Mehr konnte nicht mehr kommen. Und mit einem Mal wurde es still um ihn. Er legte die Stöcke ein Jahr lang beiseite und konnte kein Schlagzeug mehr sehen, wird er uns erzählen. Die oft 14 Stunden langen Studio­­tage hatten ihn ausgelaugt. Es ging nur noch um Clicktracks und Dienstleistung. Doch der Selfmade-Schlagzeuger berappelte sich schnell und startete eine zweite Karriere, in der er ebenso erfolgreich war. Er gründete Tonstudios mit Sitz in der Münchner Innenstadt, in denen er – von Falco über Nena bis Udo Lindenberg – alle Größen der deutschen Rockmusik produzierte. Nur trommeln sah man ihn selten. Und das, obwohl die Bühne sein Leben ist, wie er sagt. Er wuchs in einem Hotel auf, in dem er ständig von Musik umgeben war. Erst in den letzten Jahren setzte er sich wieder hinters Schlagzeug und trommelte. Nicht weil er müsste, sondern weil er will – mit seinen alten Weggefährten von der Band Passport etwa. Und für die nahe Zukunft plant er gar einige neue musikalische Projekte. Als Professor im Kontaktstudiengang Popularmusik der Musikhochschule Hamburg kommt er in letzter Zeit wieder mit Nachwuchsschlagzeugern in Berührung – die meist gar nicht wissen, dass sie einen der großartigsten Schlagzeuger, die dieses Land je hervorgebracht hat, vor sich haben. Einer, der nur mit dem Finger schnippen brauchte – und schon wurde Drummerkollege Steve Gadd als Duo-Partner für ihn eingeflogen. Im Interview erzählt Curt Cress uns die wechselhafte Geschichte seines Schlagzeugerlebens.


Steckbrief Curt Cress

Geboren am11.8.1952 in Schlierbach
Trommelt seit1963
Erste Band„The Last“
(„3 Mädchen und ich“)
Diskographie (Auszug)Passport – Handmade (1973)
Marius Müller-Westernhagen Bittersüß (1976)
Udo Jürgens - Silberstreifen (1982)
Curt Cress – Avanti (1983)
Meat Loaf – Bad Attitude (1984)
Alphaville – Forever Young (1984)
Falco – Junge Roemer (1984)
Freddie Mercury – Mr. Bad Guy (1985)
Peter Maffay – Leipzig (1990)
The Royal Harmonic Orchestra And Great Empire – 12 Hits of Queen (1991)
Nena – Viel Zuviel Glück (1993)
Scorpions – Pure Instinct (1996)
Klaus Doldinger – Das Boot (Original-Soundtrack) (1997)
DrumheroesMitch Mitchell, Steve Gadd
Sonstige Einflüsse„Chicago“-Bläserriffs, Frank Zappa, Don Ellis-Bigband
HobbysGolfspielen, Snowboardfahren, Armbanduhren sammeln („Habe glaub' ich 500 davon“)
Websitewww.fame-recordings.de

DrumHeads!!: Curt, in deinem Wohnhaus befinden sich auch dein Büro und deine Produktionsräume? Alles hier im Haus?
Curt Cress:
Ja, hier hinten im Haus ist ein Studio. Und dann noch drei weitere unten im Untergeschoss. Wenn wir hier alle zusammen loslegen, sind fünf Studios am Arbeiten. Und das, wo wir hier sitzen, ist mein Büro. Die Mitarbeiterinnen in dem anderen haben mich rausgeschmissen (lacht), die sind da zu zweit und kümmern sich um GEMA-Listen, Rechnungen etc.. Ich sitze hier und habe relative Freiheit und kann kreativ sein … und ein bisschen auf dicken Chef machen. Die restlichen Räume im Haus sind für die Familie. Das heißt: Meine Frau. Meine Kinder wohnen nicht mehr hier.

Was genau machst du heute beruflich? Trommeln ist ja nur noch Hobby für dich.
Curt Cress: Zuallererst mal habe ich mich von vielen administrativen Problemen gelöst – zum Beispiel den Pilot-Studios in der Münchner City, die ich früher betrieben habe und in denen ich Künstler wie Nena, Nina Hagen, Ochsenknecht oder Udo Lindenberg produziert habe. Das war irgendwann nur noch ein reines Vermiet-Studio. Deshalb habe ich mich davon getrennt. Dann habe ich mehrere Verlage – das läuft alles wunderbar durch meine Mitstreiter. Dort werden Musiken von unseren Künstlern und von den ganzen Film- und Fernsehsachen, die wir machen, verwaltet. Außerdem habe ich ein Plattenlabel, Fame Artist Recordings, mit Künstlern wie Schmidbauer & Kälberer oder Schandmaul. Hauptsächlich kümmert sich der Labelchef  Tom Büscher darum. Wir bauen außerdem Archive auf und komponieren für verschiedene Serien und für Filme. Wir kommen hier rein, komponieren und produzieren Musik. „Wir“ sind außer mir meine Kollegen Manuel Mayer, Chris Weller und Rupert Urlaub. Da wir derzeit keine täglichen Serien in Produktion haben, haben wir die personelle Situation hier etwas entspannt. Jetzt kann ich mich um meine neuen Projekte kümmern. Das ist es, was ich im Moment tue: Für mein Live-Projekt zu komponieren und zu produzieren. Und zu proben. Die ganzen Fernseh-Arbeiten laufen aber weiter. Es werden ja dauernd irgendwelche Shows oder Serien oder Pilotfilme gedreht oder mal ein „Tatort“, mal dies mal jenes. Das machen wir weiterhin.

 
 

Als Drummer hast du – auf dem Höhepunkt deiner Karriere – hingeschmissen. Warum tut man sowas?
Curt Cress: Wenn du im Jahr – sagen wir mal – 250 Tage im Studio sitzt, 14 Stunden am Tag mit einem Kopfhörer auf, dann kommst du zu nichts anderem mehr. Ich wusste, dass ich da ein Break machen und etwas neues anfangen musste. Ich habe immer einen guten Riecher gehabt, wann sich was ändern muss. Es war damals einfach nur noch: machen, tun, funktionieren – non stop. Du musst im Studio nicht nur gut spielen können – es geht auch um die Atmosphäre, die du verbreitest. Die Begeisterung, die du während der Arbeit ausstrahlst. Ich habe das Wort „Arbeit“ dafür übrigens nie gebraucht. So habe ich es nie empfunden. Als es zur Arbeit wurde, habe ich damit aufgehört.

Das klingt jetzt logisch, wenn du das erzählst. Aber eigentlich ist es doch nicht nachzuvollziehen. Es lief doch so für dich, wie es besser nicht hätte laufen können.
Curt Cress: Ja, ich war einer der – oder vielleicht auch der – meistbeschäftigte Schlagzeuger auf der Welt. Ich war in Amerika unterwegs, in England, in Spanien, in Italien, in Frankreich … in allen Studios, auf allen möglichen Platten. Es sind insgesamt an die zehn-, zwölftausend Titel. Ich habe das nie dokumentiert. Ich habe wirklich so unfassbar viel gespielt … das wird mir jetzt erst im Nachhinein klar. Vieles wusste ich gar nicht mehr, hatte ich schon vollkommen vergessen. Du kommst in ein Studio, spielst was und bist dann schon wieder im nächsten Studio. Das ist irre … und: Klar, eigentlich hört man dann nicht auf. Aber ich gehöre zu den Leuten, die schnell gelangweilt sind, wenn sie ein gewisses Level erreicht haben. Irgendwann kam der Punkt, wo ich nicht noch mehr gebucht werden konnte. Ich konnte schon ein Jahr im Voraus nichts mehr annehmen. Dann habe ich aufgehört. Und alles verbannt, was mit Schlagzeug und Schlagzeugspielen zu tun hatte. Ich konnte kein Schlagzeug mehr sehen. Das war nicht wohlüberlegt, das war hochemotional. Ich hatte damals einen Nervenzusammenbruch. Ich hab' heulend in der Ecke gelegen.

Durch deinen weitgehenden Rückzug aus dem Musikerleben wissen heute viele junge Drummer mit deinem Namen wahrscheinlich gar nichts mehr anzufangen …
Curt Cress: Das ist ja normal, dass die heute 14-, 15- oder 16jährigen über die Platten, die sie hören, Schlagzeuger wie Dave Grohl oder andere entdecken, die für sie wichtig sind. Ich erlebe in Hamburg im Popkurs, der zweimal im Jahr sehr erfolgreich läuft, dass da Trommler hinkommen, die so jung sind, dass sie mich nicht kennen. Das ist eine ganz witzige Erfahrung, sowohl für sie als auch für mich. Die sind immer wieder überrascht, wie der weißbärtige Mann da plötzlich Schlagzeug spielen kann.

Und dann?
Curt Cress: Ich erkläre ihnen oft, dass es bei Rhythmen um eine Welle geht, die du erzeugen musst. Diese Welle treibst du an und in dieser Welle spielst du deine Fills. Auf dieser Welle reitet die ganze Band. Wenn du diese Welle nicht erzeugen kannst, ist die ganze Band im Eimer. Darüber redet mit ihnen eigentlich nie jemand. Ich bin meist der Erste, der sowas erzählt und viele denken: „Wovon redet denn der Typ da?“ Und dann spiele ich ihnen vor, was ich meine: Dynamik, zum Beispiel in der Hi-Hat-Figur. Nicht so undynamisch zu klingen wie eine Maschine … so wie sie es überall hören. Sondern allein mit der Hi-Hat Rhythmus zu kreieren. Wenn ich mit Bassdrum und Snare nur einen einfachen Backbeat spiele, kann ich nur mit der Hi-Hat einen extremen Groove erzeugen. Für diese Dinge versuche ich Bewusstsein zu wecken.

Irgendwie merkwürdig, dass dieses Bewusstein erst geweckt werden muss, oder?

Curt Cress: Ja, es wird sehr kopfmäßig gelehrt und gelernt. Ich weiß zum Beispiel, dass du Sachen kannst, die ich nicht kann – und die will ich gerne bei dir hören. Und dann will ich sehen, wie du das machst. Das bringt mich dann für mich wieder weiter. Ich würde es nicht so machen wollen, wie du es machst. Es würde mich inspirieren, da etwas anderes draus zu machen. Das ist mein kreativer Kopf beim Schlagzeugspielen. Das muss jeder für sich entscheiden, was er dann daraus macht. Jeder hat ja einen eigenen Spirit. Und darum geht‘s: Wie drücke ich mich aus? Und ich bin froh, dass ich zu keiner anderen Zeit aufgewachsen bin als zu der, in der ich groß geworden bin. Da gab es viele Unterweisungen noch gar nicht, was man wie zu tun hat. Ich hatte schon zehn LPs eingespielt und wusste noch nicht, was ein Paradiddle ist.

Studiodrumming als Berufsbild gibt es ja heute so gut wie gar nicht mehr. Du bist jemand, der es damit – unabhängig von einer Band – an die Spitze geschafft hat. Wäre eine Karriere als Solo-Künstler die heutige Alternative für aufstrebende Drummer?  
Curt Cress: Mit Musik kann ein Trommler für mich viel besser wirken, als wenn er nur solo spielt. Dieses Solodrumming-Ding kann auch toll sein und ich freue mich für jeden, der Erfolg damit hat. Aber für mich wäre das nichts. Ich habe das früher öfter in Musikläden gemacht, da war ich noch naiv genug. Heute würde ich mich nach zehn Minuten fragen: „Was mache ich hier eigentlich?“ Ich finde das sinnlos. Ich brauche Töne um mich herum. Dabei bin ich lieber auf der Bühne als sonst irgendwo. Mein Leben ist die Bühne, ich liebe das. Es hat sich anders entwickelt, klar … es läuft nicht immer alles so, wie man es geplant hat.

Grooves & Licks Curt Cress

 … ist doch auch ganz gut so: Du sagtest, du hasst Langeweile.
Curt Cress: Ja, es gibt Bands, bei denen sage ich mir: „Stell dir vor, du hättest damit eine Weltkarriere gemacht. Und du spielst 50 Jahre lang deine Hits.“ Ich wäre tot! Ich weiß nicht, ob du die Geschichte mit AC/DC kennst? Ich habe vor etlichen Jahren mit Passport in Australien gespielt, in Sydney. Wir sitzen hinter der Bühne und sehen die Vorgruppe auf die Bühne gehen – und ich frage Wolfgang Schmid (Bassist von Passport): „Hast du den Gitarristen gesehen? Der hat 'nen Schulranzen an! Und 'ne Schuluniform!“ Zig Jahre später rief mich Angus Young an, als AC/DC in Stuttgart spielten: ob ich nicht mal kommen wolle. Der Manager hatte meine Nummer rausgekriegt. Ich bin dann nach Stuttgart gefahren. Und dann kommt Angus von der Bühne runter, kreidebleich, vollkommen ausgelaugt nach dem Auftritt … sieht mich – nach vierzig Jahren oder so – und ruft: „Curt!!“ (lacht) „Spielst du die Becken immer noch verkehrt rum?“ Damals hatte ich das China-Becken mit der Kuppe nach oben aufgehängt. Das hat er jahrelang im Kopf gehabt. Und dann saßen wir bis morgens um fünf oder so im Hotel und haben gequatscht.

Trotzdem du nicht wusstest, was ein Paradiddle ist und deine Becken verkehrt herum aufgehängt hast, hast du später mit Steve Gadd auf Augenhöhe zusammen musiziert. Wie kam es dazu?
Curt Cress: Mit meiner Band Snowball war ich der erste, der je auf einer Musikmesse gespielt hat, für Yamaha. Rolf Wüpper, der damalige Chef von Yamaha Europa, war verliebt in die Band und in mein Spiel. Er hat mir so manches ermöglicht. Er war es, der fragte, ob wir dort spielen wollen. Er fragte mich später, ob ich auch solo auf der Messe auftreten würde oder zusammen mit wem anders. Und ich sagte: „Klar, mit Steve Gadd!“ Er meinte: „Steve Gadd? Du hast wohl 'nen Vogel!“ Aber dann spielten Steve und Ralph McDonald an der Percussion und ich dort fünf Tage lang zu dritt. Das kam alles durch Rolf Wüpper. Wir haben da zum Beispiel „50 Ways To Leave Your Lover“ noch langsamer mit Soli darüber gespielt.

„Angus Young kommt von der Bühne und ruft: „Curt! Spielst du die Becken immer noch verkehrt rum?"

 
Nicht nur mit Steve, sondern auch mit anderen US-Musik-Größen hast du zusammengearbeitet. Dachtest du nie daran, in die Staaten überzusiedeln, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?
Curt Cress: Nein, denn mein Erfolg in den Staaten war in genau der gleichen Phase, in der ich hier schon einen Nervenzusammenbruch hatte. Mir war da schon klar: Ich muss was anderes machen. Dann kam auch noch ein Erdbeben, als ich grad beruflich in Kalifornien war. Wir waren im Epizentrum. Dann habe ich gedacht: „Hier kann ich doch meine Kinder nicht hinbringen.“ Und dann habe ich abgedankt. Mein ganzes Herz, das muss ich hier aber ganz klar sagen, gehört dem Schlagzeugspielen. Das bin ich und das hat mir alles ermöglicht. Und das hält mich am Leben. Heute wieder – und morgen noch mehr. Weil ich spielen kann, ohne jemand beeindrucken zu müssen. Sondern so, wie ich gerade fühle, ohne nachzudenken. Ich will einfach aus mir herausplatzen, mit aller Erfahrung und Technik, die ich habe. Ungeübt. Wenn ich heute zur Musik spiele, denke ich nicht mehr darüber nach, ob ich jetzt zu schnell geworden bin oder ich mit dem Click übereinstimme. Diese Gedanken sind weg. Das ist wie ein Krebsgeschwür, das besiegt ist. Diese Timing-Studioarbeit war irgendwann wie ein Krebs. Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht und habe gedacht: „Waren diese 64stel mit der Bassdrum jetzt ein paar Millisekunden hinter dem Click?“ Ich kam mir schon vor wie ein Psychopath.

Wäre der Jazz nicht ein Ausweg gewesen? Da steht das Click-Diktat doch nicht so im Vordergrund ...

Curt Cress: Für Jazz bin ich zu sehr dem Luxus zugetan. Ich wollte nie mit fünfzig Euro pro Abend im Jazzclub enden. Da gehöre ich auch nicht hin. Ich bin kein Jazzer. Ich bin auch kein Existenzialist. Ich hatte andere Dinge im Kopf als Jazzmusiker zu werden: Produzieren, ein Studio bauen, einen Verlag aufbauen. Das Wirtschaftliche – das ist schon immer mein Ding gewesen. Ich habe immer gerechnet und war und bin jemand, der geplant hat. Ich konnte eine Band organisieren. Das war alles „learning by doing“. Ich habe nie studiert und bin nie unterrichtet worden. Ich habe zugehört und habe Leuten zugeschaut. 

Vorhin erwähntest du deine neuen Live-Projekte. Sieht man dich in Zukunft dann wieder live auf der Bühne? Was für Projekte sind das denn?
Curt Cress: Nächste Woche fahre ich mit einem Freund in ein Städtchen in Hessen und dann proben wir einfach mal zwei Tage. Ich möchte ein Rocktrio aufziehen, mit lediglich Gitarre, Bass und Schlagzeug. Der Bassist singt. Einfach nur richtig Alarm machen. Mit Musikern, mit denen ich frei sein kann. Jimi-Hendrix-mäßig, sage ich mal. Wenn du Mitch Mitchell genau zuhörst, merkst du, wie er damals  – bei „Electric Ladyland“ oder Woodstock – gleichzeitig ganz ruhig gegroovt und dabei so viel gespielt hat. Das hat mich schon nachhaltig beeinflusst, wenn ich so drüber nachdenke … weil es etwas Animalisches hat, in den ruhigen wie in den schnellen und wilden Stücken. Zweitens schwebt mir ein ganz anderes Projekt vor, mit ganz anderen Leuten und ganz anderem Aufbau: Mit zwei Drumsets, links und rechts. Auf der einen Seite arbeite ich nur mit weichen Sounds: Toms und großen, ganz weich klingenden Becken und mit zwei Bassdrums, einer vorne und einer hinten. Auf der anderen Seite habe ich dann ein relativ brachiales Kit: Mit 24"-Bassdrum und einer tiefen Snare und so weiter. Auf diesen beiden Elementen will ich diese Musik spielen, mit einem Percussionisten und einer fantastischen Sängerin. Ich nenne jetzt noch keine Namen.

Warum noch keine Namen?
Curt Cress: Weil wir erst im Demo-Stadium sind. Wir haben erst ein paar Songs komponiert, mit denen sich die Sängerin erst einmal auseinandersetzen soll. Das Ganze wird weder in Englisch, noch in Deutsch sein, sondern einer ganz anderen Sprache. Ich nenne es mal „Creative Rock Music“. Leider bin ich jemand, der einen sehr hohen Anspruch hat. Wenn ich auf die Bühne gehe und die Leute haben Eintritt bezahlt, dann möchte ich auch, dass sie vor Begeisterung umfallen. Um dahin zu kommen, muss ich jetzt erstmal testen, ob das Ganze menschlich wie musikalisch funktioniert. Da ist auch erstmal keine CD oder große Promo geplant. Aber die Lust dazu ist bei mir wieder da – und das ist etwas, das mich wirklich freut.