Hayley Cramer (Pop Evil): Dynamit aus Übersee

Nach dem Ausstieg ihres bisherigen Schlagzeugers wagten die Hardrocker Pop Evil ein Experiment: Es ist weiblich, blond, britisch und eine Naturgewalt hinter den Kesseln. Die Chemie stimmte sofort. Wir trafen uns auf ein Bier mit dem Glücksgriff Hayley Cramer.

DH!!: Haley, wie kam es zu deinem Einstieg bei Pop Evil?
Hayley Cramer: Das lief über einen gemeinsamen Freund, mit dem ich vor ungefähr zehn Jahren in Amerika gearbeitet habe. Er wusste, dass ich eine Band in den USA suchte. Ich wollte unbedingt wieder dorthin. Außerdem gab es in England nichts, das mich wirklich angesprochen hat. Er hielt also die Ohren offen, rief mich ein paar Monate später an und sagte: „Pop Evil suchen einen neuen Drummer, du solltest dich bewerben. Ich lasse sie wissen, dass sie sich dich mal anschauen sollten.“ Also hab ich ihnen mein Bewerbungsvideo geschickt. Nach einigen Videotelefonaten war uns schon klar, dass zwischen uns eine besondere Verbindung besteht. Ich bin dann in die USA geflogen und habe bei einigen Shows beim Soundcheck gespielt. Dabei haben wir auch getestet, ob wir zusammen leben können. Diese Typen sind wahrscheinlich die besten Menschen, die ich je getroffen habe.
 
Siehst du trommlerische Schwierigkeiten in den Arrangements von Pop Evil?
Ich würde nicht behaupten, dass die Songs für mich schwierig zu spielen waren. Aber es gibt Lieder, die sich nicht sofort natürlich angefühlt haben. Der Song „Take It All“ beispielsweise ist nicht sehr schwer, saß aber nicht sofort, warum auch immer. Aber technisch kriege ich das alles hin. [lacht]

Hast du für Pop Evil etwas an deinem Stil verändert?
Die Shows, die wir in Amerika gespielt haben, waren sehr viel größer als jedes Konzert, das ich zuvor gespielt hatte. Wir haben als Support für Disturbed gespielt – also ausschließlich in ausverkauften Stadien. So etwas verändert dich. Da geht es darum, eine größere Masse anzusprechen, und nicht darum, möglichst ausschweifend zu spielen. Dein Job besteht darin, diese Menschenmasse in Bewegung zu bringen. Ich glaube, dass sich meine Performance und mein Gefühl verändert haben. Es geht mir nicht mehr so sehr um mich selbst. In kleinen Clubs kannst du spielen, und es ist okay, wenn du mal Fehler machst – am nächsten Abend machst du es eben besser. Bei diesen großen Shows war für so etwas überhaupt kein Platz. Ich denke, dass ich dadurch professioneller geworden bin.

Spielt man in großen Stadien wirklich so viel anders als in kleinen Clubs?

So empfinde ich das nicht. Ich habe großes Vertrauen in unseren Tontechniker. Ich weiß, dass jede Note, die ich spiele, auch abgemischt wird. Daher spiele ich bei einer großen Show auch genau die gleichen Parts wie bei kleinen. Das Einzige, was sich ändert, ist meine Einstellung. Bei großen Konzerten versuche ich, körperlich und mental jeden Tag hellwach zu sein.

Bereitest du dich also entsprechend auf die Show vor?
Ich mache Übungen auf einem Practice-Pad und Dehnübungen. Außerdem versuche ich, mich gesund zu ernähren und mich so viel wie möglich auszuruhen. Natürlich trinke ich mal ein paar Bier und feiere ab und zu eine Party. Aber das kann ich nicht jeden Abend machen – nicht auf einer Pop-Evil-Tour. Auf der Bühne herrscht eine dermaßen starke Energie. Das würde einfach nicht funktionieren, wenn ich müde oder verkatert wäre.

Erzähle doch mal etwas über dein Equipment.
Mittlerweile spiele ich Sakae-Drums. Die Leute, die früher Yamahas High-End-Schlagzeuge gefertigt haben, haben sich von Yamaha getrennt und ihre eigene Firma gegründet. Sakae stellt in Japan in Handarbeit großartige Trommeln her. Dass ich heute eins ihrer Schlagzeuge spiele, hängt übrigens mit der britischen Rockband Skunk Anansie zusammen, die mich musikalisch sehr stark beeinflusst hat. Vor ein paar Jahren freundete ich mich mit ihrem Drummer Mark Richardson an, der – wie ich – zuvor Yamaha gespielt hatte. Ich wollte unbedingt seinen Drum-Sound haben. Er war derjenige, der mir sagte: „Haley, probier doch mal Sakae aus, du wirst es lieben.“

Außerdem spielst du Becken von Zildjian. Bist du Endorserin?
Ja. Wir befinden uns noch in der Frühphase, daher habe ich auf dieser Tour auch den allerersten Satz Becken dabei, den Zildjian mir zugeschickt hat. Ich wollte schon immer Zildjian-Endorserin werden. Und als sie mich kontaktiert haben, habe ich fast geweint. Auf diesen Anruf habe ich schon mein ganzes Leben lang gewartet. Zu diesem Zeitpunkt war ich seit ungefähr vier Monaten bei Pop Evil.

Wie wählst du dein Equipment aus? Klang oder Langlebigkeit? Du haust schließlich ziemlich rein …
Ich schlage schon kräftig zu, aber nicht so heftig wie früher. Ich möchte, dass die Becken und Toms schön nachklingen. Wenn man zu hart zuschlägt, geht diese Resonanz verloren. Bei den Crashbecken ist es mir wichtig, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Ich habe viel über die Kesselgrößen meiner Trommeln bei Pop Evil nachgedacht. Der vorherige Schlagzeuger hat ein ganz anderes Set gespielt als ich. Das Schlagzeug, das ich mir zusammengestellt habe, fängt das ein, was mein Vorgänger hatte, und gibt außerdem einen Vorgeschmack auf die Richtung, in die ich mit Pop Evil gehen will.

 
 

 
 

Equipment Hayley Cramer

DrumsSakae
Almighty Birch
22 x 18“ Bassdrum
10 x 7”, 12 x 9“ Tom
16 x 14“, 18 x 16“ Floortom
14 x 6“ Maple-Snare
14 x 6“ Bubinga-Snare
Becken

Zildjian
15“ K Light Hi-Hat
18“, 19“ K Dark Thin Crash
18“ K Custom Dark Crash
18“ Oriental China Trash
17“ K Custom China
16“ A Custom efx
16“ S Trash Crash
21“ A Sweet Ride

FelleEvans
DrumsticksPromark

Versuchst du, den Stil deiner Vorgänger zu imitieren?
Ich habe Respekt vor den Songs. Ich glaube, dass das für jeden Schlagzeuger wichtig ist, der in eine bestehende Band einsteigt. Natürlich musst du so nahe wie möglich an das herankommen, was bereits existiert. Aber es bleibt immer Spielraum, deine eigene Note einzubringen. Denn niemand will einen Roboter anstellen, gerade in einer Rockband.

Was bringt die Zukunft?
Bis März sind wir als Headliner in den USA unterwegs. Zwischendurch sind wir mit einigen anderen Rockbands auf einem Kreuzfahrtschiff Richtung Miami unterwegs, das nennt sich „ShipRocked“. Ab März werden wir im Studio Material schreiben und Songs aufnehmen. Während wir auf Tour sind,
schreiben wir an Songfragmenten und werden diese im Studio zusammensetzen. Ich glaube, dass innerhalb der Band eine neue Energie entflammt ist und jedem einen Kreativitätsschub gibt.