Ian Paice: Deep Purples Wellenreiter

Anlässlich des 20. Deep-Purple-Studioalbums „Infinite“ stürmte unser rasender Reporter Matthias Penzel in einen Gedankenaustausch mit Ian Paice, einem der nach wie vor welt­besten Drummer überhaupt ... und einem ­unfassbar netten Kerl.

m Ian Paice angemessen zu würdigen, müsste eine Story über ihn fulminant starten: voller Speed und mit einem technisch versierten Auftakt. Blitzend und aufflammend, so dass es einen flasht.
Andere Variante: Die Kenner kennen das Programm ohnehin, 120 Millionen Käufer von Purple-Alben kennen es, auch jeder Hinz und Kunz zwischen Tokio und dem Hamburger Fischmarkt: Wir starten ganz simpel, mit einem Riff, von dem mal jemand sagte, es sei so bekannt wie Beethovens Neunte. Drei Noten, dann vier, vor allem aber drei. Yeah, alle dabei? Yeah, jeder kennt den Song, nicht nur jeder im Proberaum. Und jetzt das kurze Aufblitzen, der Dreher daran: Was Ian Paice zu „Smoke on the Water“ spielt, hat fast noch nie ein anderer Drummer korrekt hingekriegt.

Trommelmuster mit Biegung

Ist das nicht verrückt? Selbst Gitarristen mit zwei linken Händen können das Riff spielen. Aber schon die ersten Takte von Paice zu „Smoke on the Water“ schafft praktisch kein Drummer. „Wie auch?“, erwidert er darauf ganz sachlich. „Sie kennen nicht die eigentliche Inspiration hinter dem Song. Also hören sie nur die offensichtlichen Noten. Es sind aber die Noten, die man nicht hört, die das Feeling ausmachen. Das kommt von mir, nicht von jemandem, der das nachspielt. Wenn man das nicht versteht, kann man es auch nicht erlernen. Es ist keine Wissenschaft, bei der sich so eine Erkenntnis einfach weiterreichen lässt. Es funktioniert nicht, wenn man sagt: Okay, es ist ein Viervierteltakt, das Tempo ist so-und-so, und so geht das Pattern. Das funktioniert nicht, weil in dem Pattern eine Biegung steckt, bei der es federt und ein bisschen schlenkert oder schwingt – sprich: so, dass es swingt. Wenn man das beim Spiel nicht mit reinbringt, wird es ein sehr, sehr langweiliger Song, ein normaler Rocksong im Mid-Tempo. Wenn man es mit diesem Lyrischen spielt, dieser rhythmischen Schönheit, dann funktioniert es ganz anders.“
Die Ghost Notes könnte man auch, wenn man mag, als etwas achtlos und hingeschnuddelt interpretieren. Paice wird es nicht dementieren. Spricht man ihn darauf an, so wie auf die Stelle vor der Bridge in „Perfect Strangers“, wo es so klingt, als wäre ihm da gerade ein Stick weggeflogen (1:40), zuckt er nur mit den Schultern: „Kann sein. Wichtig ist, dass der Song atmet.“ Über sein Spiel denkt er nicht viel nach. Und zugleich hat er über Musik und die historische Entwicklung des Rockdrummings einiges zu sagen. „Das meiste, was ich mache, kann ich nicht in Worte fassen. Und ich kann es auch niemandem zeigen.“

Ein überraschendes Statement, da Ian Paice ja auf Veranstaltungen für Pearl oder auch gelegentlichen Clinics sehr wohl einiges zu sagen hat. „Zeigen kann ich die Basics. Sobald es aber an die Feinheiten meines Spiels geht – die Zwischenschläge, die man nicht hört: über die mache ich mir keine Gedanken.“ Kurze Denkpause. Die „Feinheiten“ im Sinne von intricacies klingen wie ein Echo auf den recht festen Ausdruck der intricacies of life, nämlich die „Unwägbarkeiten des Lebens“. Wenn Paice also von diesen spielerischen Feinheiten spricht, kann man die auch als „Unwägbarkeiten seines Spiels“ begreifen.

Manche Drummer haben kein Feel

„Die Sache ist: Sie müssen gespielt werden, damit ich die folgenden Noten spielen kann. Wie ich was wann spiele, kann ich nicht sagen, denn es ist nicht festgelegt – und es ist jedes Mal anders. Es ist abhängig von meiner Verfassung. Die großen Noten: klar, die sind, was sie sind. Aber sie kommen nicht so, wie sie kommen, wenn ich nicht die anderen, meine kleinen geheimen Noten spiele. Das nennt man Feel, und das Feel von jedem ist anders. Und manche Drummer haben keins.“
Er zeigt mit den Händen den Fluss seines Spiels, wie eine Wellenlinie, fließend, beschwingt, und dann, was eine Maschine draus machen würde: kantige Linien, im rechten Winkel auf und ab. „Völlig straight und eckig, so spielen manche. Für moderne Aufnahmen geht das in Ordnung, viele der da gefragten Parts sind square. Das passt zum digitalen Zeitalter. Spaß macht es aber, in einer Welle zu spielen. Nicht eckig.“
Um die Welle auch hier zu halten, nun ein Ritt durch ein paar Stationen im Leben des Drummers, der wohl immer noch zu den Besten überhaupt zählt. Hier weniger Smoke ... und mehr von dem Unentdeckten, à la „Black Night“ oder „Strange Kind of Woman“ oder „When a Blind Man Cries“, original auf B-Seiten verbratenen Juwelen, die auf keinem Studioalbum zu finden sind. Das nicht Sichtbare, die Ghost Notes, sollen den Kurs bestimmen ...

Ian Paices Equipment

Drumset Pearl Masters Premium Legend 6-ply Maple
26" × 14"
10" × 8"
12" × 8"
13" × 9"
16" × 16"
18" × 16"
   
Snare Pearl
14" × 6,5" Ian Paice Signature IP1465 Steel
   
Becken Paiste 2002
22" China

24" Crash

22" Ride
8" Splash

22" Crash
15" Sound Edge Hi-Hat
   
Hardware Pearl 2000 Serie
H-2000 Hi-Hat
P-3002-D Demon Drive
Double Bassdrum-Pedal
   
Drumsticks Promark Autograph Serie TX808LW Ian Paice Signature-Modell    
Felle Remo    

Paradiddle auf der Fiddle

Geboren 1948 in Nottingham, getauft auf den für Jethro-Tull-Fans klangvollen Namen Ian Anderson Paice. Vater Keith war als Pianist jahrelang auf Achse, musizierend in Tanzhallen und Spelunken, wie sie in England seit den Roaring Twenties weit verbreitet und immer noch gut besucht waren, als die gleichaltrigen Väter in Deutschland stramm in den Krieg marschiert sind. Prägend. Und recht bedeutsam, wenn man sich vor Augen hält, dass es noch heute viele Berufsmusiker in England gibt, die Tanzmusik machen. Klingt nun profan, fast super-irrelevant. Es ist aber der springende Punkt, ein blinder Fleck wie im toten Winkel der Wahrnehmung, den all jene hiesigen Journalisten nicht sehen, wenn sie da hingehen, wie bei Interviews mit U2 oder B.B. King (zu lesen auch in der seriösen Presse) und die etablierten Stars fragen: „Warum geht ihr noch mal auf Tour, braucht ihr wirklich das Geld?“
In England gibt und gab es ohne Unterbrechung durch den Krieg ab den 1920ern Leute, die das von Beruf machen: Musik. So wie die Silver Beatles, später aber …

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