Masterclass: Punkrock-Drumming – Punk's not dead!

Punkrockbeats für Einsteiger: In diesem Schlagzeug-Workshop zeigen wir euch die grundlegenden Grooves dieses Genres und worauf es beim Punkdrumming ankommt: auf die Noten nämlich nicht so sehr ....

Bei diesem Workshop wollen wir uns ein bisschen mit den grundlegenden Grooves im Punkrock beschäftigen. Obwohl das musikalische Phänomen „Punk“ seinen 40. Geburtstag hinter sich hat und somit nicht mehr ganz taufrisch ist, scheint es sowohl bei euch Musikern als auch auf allen großen Festivals weltweit noch immer ein riesiges Thema zu sein. Und das zu Recht! Kaum eine Stilistik des Rock’n’Roll hat so lange überlebt, so viele Subgenres kreiert und so viele andere Stilistiken (auch von der Einstellung her) beeinflusst. Wäre dieser kleine Workshop für Drummer in den Anfangstagen des Punk, den 1970er Jahren, erschienen, hätte man wahrscheinlich einfach geschrieben: „Punk? Lieber Drummer, spiel einfach laut und schnell und möglichst ungenau, dann bist du am authentischsten!“ Doch seit dieser Zeit hat sich viel geändert.

Punk als musikalischer Mittelfinger

Punkrock war in seinen Anfangstagen in den 1970er Jahren ein stark gesellschaftlich und politisch motiviertes Musikphänomen, bei dem es in erster Linie darum ging, einer spießigen Nachkriegsgesellschaft den musikalischen Mittelfinger zu zeigen. Außerdem wurde musikalisch der Spaß am Dilettantismus ganz groß geschrieben. Und die Lust an der Provokation, gepaart mit einer bis dato in der Musik nicht gekannten Rohheit und Power, waren die Markenzeichen dieser Stilrichtung. Punk wollte weder virtuos noch clever sein. Tommy Ramone, der Drummer der Ramones, hat Punkrock einmal so erklärt: „Punk is pure, stripped down, no bull-shit Rock'n'Roll.“ Noch Fragen?

Komplett autodidaktisches Drumming

Ebenso wichtig: „Do It Yourself“ (abgekürzt DIY) war über viele Jahre das absolute Credo der Punkbewegung. Platten wurden selbst aufgenommen, designt und vertrieben (viele Independent-Labels haben ihre Wurzeln in der Punkbewegung), ebenso Klamotten und Poster. Auch waren die meisten Punkrocker komplette Autodidakten, was das Spielen ihrer Instrumente anging. Den Geschichten nach hatten viele Punkmusiker der ersten Stunde ihr Instrument bei der ersten Bandprobe auch tatsächlich zum ersten Mal in der Hand. Und ob die Story von den Anfängen der Toten Hosen, nach der die Jungs die Instrumente untereinander ausgelost haben, in den Bereich der Legende gehört, kann  wahrscheinlich nur Campino selbst beantworten.

 
 

Punk als Mainstream

Seit diesen Anfangsjahren hat sich musikalisch sehr viel getan und viele Punkbands sind im 21. Jahrhundert definitiv im Mainstream angekommen. War eine Irokesenfrisur in den 1970er Jahren noch eine Provokation, laufen heute nicht nur Punks, sondern auch hochbezahlte Fußballer mit dieser Haartracht herum. Vorbei sind die Zeiten, in denen Punk in erster Linie eine „Glaubensfrage“ war und in den Bands ein schleppender, tätowierter Drummer mit purer Kraft und ohne merkliche Technik versuchte, diese oftmals absurd schnellen Beats zu trommeln. Wirft man einen Blick auf international erfolgreiche „Mainstream“-Punkrockacts, dann sieht und hört man an den Drums sehr oft ausgezeichnete Techniker, die in vielerlei Stilistiken ausgebildet sind und deren Verständnis dieser Beats auch durch das Studium anderer Styles eingefärbt ist. Ein hervorragendes Beispiel ist Travis Barker, Drummer der kalifornischen Fun-Punkrocklegende „Blink 182“, dessen Grooves mit vielerlei Licks und Tricks auch aus dem Rudimentaldrumming aufgefettet sind. Wenn ihr euch Tracks wie „Anthem Pt.2“ oder auch „Feeling this“ anhört, werdet ihr sehr schnell feststellen, dass Travis etliche Stunden mit Rudimentalsolos verbracht hat und auch Styles wie Drum’n’Bass und Breakbeats in seinen Drumming integriert.

Punky: Heftige Attitüde ist ein Muss

Und jetzt zu den Grooves: Prinzipiell kann jeder Rockgroove, wird er in einem „Punk-Kontext“ gespielt, zu einem Punkrock-Feel werden. Ob etwas „punky“ klingt, hat oftmals nicht nur mit dem Beat, sondern mit dem musikalischen Kontext zu tun. Betrachtet man die Grooves der Anfangsjahre des Punk – von Bands wie den „Sex Pistols“, „The Damned“ oder auch Iggy Pop – dann unterscheiden sich diese Grooves nur unwesentlich von vielen anderen Standard-Rockbeats. 

Technik, Ausdauer und Fitness

Wie in allen Bereichen des Rock’n’Roll-Zirkus' hört man 8tel-und16tel-Feels oder auch Shuffles, selbst die Fills unterscheiden sich oftmals nur in der Härte, mit der sie gespielt­ werden – mit einigen kleinen Ausnahmen: Punkrock-Beats werden mit einer ungleich heftigeren „Attitude“ und Power getrommelt und haben fast durchgehend ein weitaus höheres Tempo! Und was viele Drummer hier oftmals unterschätzen, ist die Kondition, die nötig ist, dieses Tempo über ein ganzes Konzert durchzuhalten. Selbst unsere Basic-Punkbeats wirken auf den ersten Blick simpel und überschaubar. Diese Feels jedoch mit immer gleichbleibender Power über 90 Minuten durchzuhalten, erfordert ein wirkliches Stück Technik (in Händen und Füßen!), Ausdauer und Fitness!

Forbidden Beat

Ein Wort noch zu einem Groove, der als einer der wenigen fast ausschließlich im „Punk-Kontext“ gespielt wird: der sogenannte „Forbidden Beat“ (s. Bsp. 4). Dieser Offbeat-Punkgroove – nach dem gleichnamigen Song von „Bad Religion“ benannt – entstand in den 1980er Jahren durch die Drummer von Bands wie „NOFX“ und „Bad Religion“. Durch die Verschiebung des Backbeats auf den „und“-Offbeat entsteht ein Feel, das manche auch scherzhaft „Punk-Polka“ nennen. Ab den 1990er Jahren führten modernere Gruppen wie Pennywise, Face to Face, Sum 41 oder Blink 182, diese Tradition fort und erweiterten die Punkgrooves mit vielerlei musikalischen Finessen. Wenn ihr diese Grooves übt, denkt daran, dass alles mit enormer Power und Lautstärke getrommelt wird. Vor allem Kick und Snare sollten wirklich rocken. Am besten verwendet ihr dabei Ohrstöpsel. Mehr als in vielen anderen Styles ist es im Punk wichtig, an eurer Kondition und Ausdauer zu arbeiten. Versucht, die Beats über mehrere Minuten (am besten mit Klick) durchzutrommeln. Wenn ihr das erste Mal den „Forbidden Beat“ über fünf Minuten auf 250 bpm gespielt habt, dann werdet ihr auch verstehen, warum Travis Barker meist „oben ohne“ spielt ... Viel Spaß!