Larry Mullen Jr. (U2): The Joshua Tree

30 Jahre „The Joshua Tree“ – mit der Veröffentlichung seines fünften Albums im Frühjahr 1987 avancierte die irische Band U2 zur globalen Superstar-­Formation. Geboren aus einer Phase stilistischer Neuorientierung, geriet das Werk ­zu U2s „amerikanischem Album“. Und Schlagzeuger Larry Mullen Jr. ließ das Werk „vom Percussionisten zum Drummer“ reifen.

Im Jahr 1986 befand sich die Welt im Umbruch. Im Westen regierten an vielen zentralen Schaltstellen betont konservative Kräfte wie Englands Margaret Thatcher sowie der damalige US-Präsident Ronald Reagan, während der Osten die erste Blüte der Perestroika erfuhr und damit den Niedergang des Sozialismus einläutete. Südamerika befand sich in großen Teilen unter der Knute faschistischer Militärdiktaturen, in denen schlimmste Menschenrechtsverletzungen begangen wurden, während aus Afrika Meldungen von massiven Hungersnöten den Westen erreichten und unter der Ägide von einflussreichen Personen, darunter auch U2-Frontmann Bono Vox, zu Hilfs-Projekten führten, wie sie die Geschichte der internationalen Solidarität bis dato noch nicht gesehen hatte. Auch durch diese angespannte Weltlage wurde Pop politisch; er verlor seine Naivität und Formelhaftigkeit, die Pop-Art-Vater Andy Warhol einst ausgeschrieben hatte. Kurzum: Der Pop wurde erwachsen, und mit ihm auch seine Protagonisten. Allen voran die irische Band U2, die zu diesem Zeitpunkt bereits ganz Europa erobert hatte und sich auch in den USA auf dem Sprung befand. Spätestens mit ihrer Teilnahme an Live Aid im Sommer 1986 stand fest: Sollte es U2 gelingen, mit dem kommenden Album ein Werk abzuliefern, das auch den Geschmack amerikanischer Rock-Hörer trifft, würden sie zu den neuen Stars des globalen Rock-Zirkus aufsteigen.

Das von Musiker Bob Geldof organisierte Live-Spektakel war das bis dahin größte globale Konzert-Ereignis der Rock-Geschichte. Parallel abgehalten in London und Philadelphia, erreichte Geldof eine weltweite TV-Übertragung des 16 Stunden andauernden Events. Knapp zwei Milliarden Menschen in 150 Ländern schauten zu, wie die größten Stars der damaligen Musikszene alleine oder gemeinsam in spontan arrangierten Supergroups Hit an Hit reihten und dabei Geld für die Hungerhilfe in Äthiopien sammelten.

U2s Live-Aid-Konzert

U2 traten zur besten Sendezeit im Londoner Wembley-Stadion auf. eingerahmt von den jeweiligen Auftritten von Bryan Adams und den Beach Boys. Sie spielten zunächst ihren bis dato größten Hit „Sunday Bloody Sunday“, gefolgt von „Bad“, das sie in ein über zehnminütiges Medley aus „Satellite of Love“, „Ruby Tuesday“, „Sympathy for the Devil“ und „Walk on the Wild Side“ übergehen ließen.
Bono sagte später über diesen Auftritt, er habe sein Weltbild verändert. „Bis dahin dachte ich, dass viele der zu der Zeit angesagten Künstler überhaupt keinen Blick für die politischen und humanistischen Verwerfungen der Welt hätten. Doch an dem Tag konnte ich beobachten, wie sehr sich jeder, der auftrat, in den Dienst einer guten Sache stellte. Das hatte ich so echt nicht erwartet angesichts dessen, was damals so angesagt war an Musik.“

Verpackung dominiert Inhalt

Bono beschreibt mit anderen Worten das gleiche Phänomen, das damals auch ihren Gitarristen The Edge umtrieb: „Das, was Mitte der Achtziger angesagt war, stand geradezu diametral dem gegenüber, was wir als Band machen wollten. Der Synthie-Pop war das neue heiße Ding der Stunde, die Verpackung zählte, zumindest erstmals in dieser Konsequenz, mehr als der Inhalt. Selbst der amerikanische New Wave als Antwort auf den europäischen Synthie-Pop, der ja prinzipiell zumindest noch meistens auf der Annahme einer richtigen Band basierte, bediente sich dieser plakativen Oberflächlichkeit. Das Einzige, was wir wussten, als wir uns an die Arbeit zu 'The Joshua Tree' setzten, war daher: Das, was wir machen wollen, hat absolut nichts mit dem Zeitgeist zu tun. Wir sind so unhip, wie man es als Band nur sein kann – lasst uns das in eine Stärke verwandeln, indem wir nur machen, was unmittelbar aus uns heraus kommt.“

 
 

Dabei darf man auch nicht vergessen, dass rund um diese Zeit der Siegeszug von MTV geschah, was der Unterhaltungsmusik mit ihrem zusätzlichen Format des Musikvideos eine neue optische Relevanz verlieh, die Pop bis dahin nicht gekannt hatte. Nur wer auch optisch auf diesem neuen Spielfeld der Musikverbreitung funktionierte, durfte sich Hoffnungen auf eine große Karriere machen. Die Funktion folgt der Form, nicht umgekehrt. Ein Spiel, dem sich U2 stets konsequent verweigert haben – es sei denn, sie erklärten, wie etwa später bei „Zooropa“ und „Pop“, gerade die Form zur Funktion. Aber das ist eine andere Geschichte.


Mit diesen frischen Eindrücken machten sich Bono Vox, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. daran, ihr fünftes Studioalbum zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt feierten U2 gerade ihr zehnjähriges Bandbestehen – zumindest, wenn man die ersten beiden Jahre der Band als Covercombo von alten Beatles- und Stones-Klassikern unter dem Namen Feedback mitzählt. In Europa hatten sie sich längst etabliert und mit dem 1984 erschienenen „The Unforgettable Fire“ ein viertes Album vorgelegt, das erstmals in allen kommerziell bedeutsamen Nationen sehr hoch in die Charts stieg und mit „Pride (In the Name of Love)“ einen Welthit enthielt. Inhaltlich fand Bono eine Vielzahl an Themen, die ihm unter den Nägeln brannten, beflügelt durch die extensive Welttournee zu „The Unforgettable Fire“, auf der sie in zahlreichen Ländern gespielt hatten, die sie als Band bis dahin noch nicht besucht hatten und vor Ort dann zahlreiche gesellschaftliche Missstände vorfanden, die einen tiefen Eindruck auf die Musiker machten.

Biblische Symbole auf „The Joshua Tree"

Doch anders als bei den meisten anderen Platten hatten U2 rund um die Aufnahmen zum neuen Album auch einen persönlichen Verlust zu verarbeiten: U2s Roadie, zugleich der persönliche Tour-Betreuer von Bono und ein enger Freund des Sängers, ein aus Neuseeland stammender Maori mit dem Namen Greg Caroll, war 1986 im Alter von 26 Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen, als er in London ein paar Dinge für Bono erledigen sollte.
Diese Tragik führte zu einem neuen lyrischen Blickwinkel: Anstatt, wie sonst, konkrete politische oder gesellschaftliche Vorgänge zu thematisieren, verhandelten viele der neuen Songs die Konzepte Leben und Tod, Vergänglichkeit und Beständigkeit, Verlust und Abschied. Alles verpackt in häufig betont abstrahierte Metaphern und Bilder, zugleich ein Ausdruck ihrer inneren Suche nach einem religiösen Glauben, den alle Bandmitglieder bis auf Adam Clayton aktiv in einer christlichen Glaubensgemeinschaft suchten. Daher auch die vielen biblischen Bezüge der Platte – so stehen etwa die wiederkehrenden Symbole Wasser und Wüste für die Konfrontation mit Verlust sowie der sich anschließenden Erlösung, sobald man diesen Verlust erst akzeptiert hat. Alles gipfelnd im Titel sowie der Covergestaltung des Albums, mit dem einzeln stehenden Joshua Tree in der Wüste als Symbol für die Kraft des Individuums in einem Meer der Vergänglichkeit.

Grooves & Licks Larry Mullen Jr. – Where the Streets Have No Name

Wohl auch diese Auseinandersetzung mit Religion in einer immer schnelleren und künstlicheren Welt schuf parallel ein weiteres, diesmal rein stilistisches Interesse: Die Band, der man auf ihren ersten Alben noch ihre Wurzeln im europäischen Post-Punk anhören konnte, öffnete sich mehr und mehr amerikanischen Musiktraditionen wie Blues, Americana, Country, Folk und sogar Gospel und Spiritual. So erschien 2003 in England eine Compilation mit dem Titel „In God's Country“, auf der Künstler versammelt sind, die U2 zu „The Joshua Tree“ inspirierten: Sie sind ausnahmslos amerikanischen Ursprungs und stammen obendrein fast alle aus der Frühphase des Rock'n'Roll – darunter Interpreten wie Hank Williams, Woody Guthrie, Billie Holiday, Big Joe Williams, Elvis Presley oder John Lee Hooker. Gut, das Interesse an diesen archaischen Genres sei schon immer da gewesen, sagte The Edge später, „aber wir hätten bis zu 'The Joshua Tree' niemals gedacht, dass diese Stile auch in unserer Musik funktionieren könnten. Danny brachte uns erst darauf“. Danny Lamois war, nachdem U2 die ersten drei Alben mit dem Produzenten Steve Lillywhite aufgenommen hatten, seit „The Unforgettable Fire“ ihr Vertrauter in Sachen Studioproduktion. Er gilt als begnadeter Inspirator, Bands und Künstler auf neue Perspektiven und mutige Weiterentwicklungen zu bringen und diese homogen in das gewohnte Klangbild zu integrieren. Auch U2 profitierten von seinen Visionen.

Lanois zur Seite stand eine weitere Studio-Legende: Ambient-Pionier Brian Eno, ein geradezu manischer Studio-Tüftler und Mad Professor in Sachen Klang-Ästhetik. Das wiederum spielte The Edge in die Hände: Ebenfalls ein versierter Bastler und Sound-Fummler (so hatte The Edge die erste Zeit bei Feedback mit einer komplett selbstgebauten Gitarre gespielt), entwickelten die beiden auf „The Joshua Tree“ einen vollkommen neuartigen Gitarrensound – der mittlerweile in die Musik-Annalen eingegangen ist als „Infinite Guitar Sound“, bei dem ein Gitarrenfeedback durch modifizierte Delays und künstliche Verschiebungen der Frequenzen scheinbar unendlich in Echos vor sich hin oszilliert. Auf diesem Album wurde damit aus einer individuellen Soundidee ein Trademark, das bis heute tausendfach kopiert wurde.

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