Intensiv Drum Camp Mallorca: Besuch im Sonnenstudio

Wie spielt sich ein Schlagzeug eigentlich unter Palmen? Rico Horbers „Intensiv Drum Camp“ auf Mallorca gibt Antworten. Wir sprangen für euch ins gar nicht mal so kalte Wasser und starteten den trommlerischen Selbstversuch.

Es macht selten Spaß, einen Stundenplan zu lesen – selbst wenn er sich um Schlagzeugunterricht dreht. Ein Stundenplan verpflichtet zum frühen Aufstehen, späten Nachhausegehen, zur Anwesenheit. Mein Stundenplan in Rico Horbers „Intensiv Drum Camp“ sieht eine erste Unterrichtseinheit vor, die mich meine Einstellung überdenken lässt: Kaffee am Pool. Rico wartet bereits bestens aufgelegt, als ich aus dem Gästehaus in das für halb zehn Uhr morgens sehr kraftvolle Sonnenlicht trete. Zeit für die erste Theorieeinheit.

Wo wir uns befinden? Auf Mallorca. Genauer gesagt in Ricos Creative Lounge auf Mallorca, einem professionellen Musikstudio, das er mit seinem Team betreibt. Hier, unter Palmen und 15 Minuten von Palma und dem Strand entfernt, bietet der erfahrene Schlagzeuglehrer und Drummer der Dark-Rock-Band Stoneman neben herkömmlichen Musikproduktionen eben auch das „Intensiv Drum Camp“ an, einen Intensiv-Kurs für Schlagzeuger. Behandelt werden dabei sowohl klassische Schlagzeugthemen wie Stock- und Set-Technik als auch Aufnahmeprozesse, Programming und Musikbusiness.
Die Schwerpunkte bestimmt der Schüler selbst, denn die Kurse sind alles andere als von der Stange. Sie werden individuell auf Einzelpersonen oder kleine Gruppen zugeschnitten. „Was ich in den einzelnen Unterrichtseinheiten mit den Schülern mache, lege ich erst fest, wenn wir das erste Mal am Pad sitzen. Ich möchte genau da ansetzen, wo der Schüler steht, und nicht irgendein Programm durchziehen“, sagt Rico über seine Unterrichtsphilosophie.
Lebendes Beispiel für dieses Konzept: ich. Nach dem Kaffee steht die erste Einheit am Pad an, ebenfalls am Pool. Schon beim Warm-up stellt sich heraus: Meine Stocktechnik ist weit schlechter als angenommen. Rico reagiert und passt den Stundenplan an: vorerst mehr Pad-Übungen, weniger Drumset.

Frei Schlagzeug lernen

Nach der Siesta geht es dann doch endlich ans Schlagzeug. Es befindet sich in einem der beiden zur Creative Lounge gehörigen Studios. Rico ist in seinem Element, wenn es um verschiedene Fill- und Groove-Konzepte geht. Viele Jahre unterrichtete der Schweizer hauptberuflich, gründete die Schweizer „Eat Your Sticks“-Schulen und schließlich die Swiss Drum Academy (heute Swiss Music Academy). Er leitete diese gemeinsam mit seiner Frau. Eines Tages fühlte er sich ausgebrannt. „Ich habe jeden Tag zehn Stunden unterrichtet, dazu kamen die Touren mit Stoneman. Mir hat das Unterrichten immer extrem viel Spaß gemacht, aber irgendwann wurde es mir zu viel, und ich habe die Reißleine gezogen.“
2015 gab er die Leitung der Academy ab und wanderte mit seiner Familie nach Mallorca aus, konzentriert sich auf das Studio und seine Band. Doch im Laufe der Zeit bekam er immer häufiger Anfragen von ehemaligen Schülern und Konzertbesuchern, die bei ihm Stunden nehmen wollten. Per Skype erfüllte er diesen Wunsch. Bei einer dieser Online-Stunden kam ein Schüler auf die Idee, ihn auf Mallorca besuchen zu kommen. Die Idee für das „Intensiv Drum Camp“ war geboren.
Bis heute hält Rico diese lockere Form bei: Es gibt keine ausschließlich für das Drum-Camp reservierten Wochen im Jahr, keine vorgedruckten Detail-Abläufe oder Programm-Mappen. Interessenten melden sich einfach bei ihm, dann werden Termin, Dauer und Inhalte abgestimmt. „Für mich ist das perfekt“, sagt er. „Ich wollte nicht mehr klassisch unterrichten. Aber als Mentor im entspannten Rahmen meine Ideen weiterzugeben, finde ich eine geile Sache.“

Trommlerische Traum-Stimmung

Am Abend steht Drum-Tuning an. Rico gibt Tipps zu Trommel- und Fell-Typen und Stimm-Methoden; natürlich darf viel ausprobiert werden. Die Unterrichtseinheiten im Studio übernimmt am nächsten Tag Ricos Haustechniker und Drumtech Pascal „Baum“ von Allmen. Hier wird alles von verschiedenen Mikrofonierungs-Methoden bis hin zur nachträglichen Berichtigung einzelner Schläge abgedeckt.
Zur Übung spiele ich die Schlagzeugspur eines Playalongs ein, „Dani California“, die wir anschließend Schritt für Schritt mixen und editieren werden. „Wenn ein Schüler noch nicht so weit ist, konzentrieren wir uns allerdings eher auf Pad- und Set-Technik. Die Studioarbeit schneiden wir dann nur an. Im Normalfall ist die Gewichtung aber in etwa fünfzig-fünfzig. So ein Studio sieht man ja auch nicht jeden Tag“, erklärt Rico den Umfang der einzelnen Themen.

Musikbusiness im Pool

Die Unterrichtsstunden zum Thema Musikbusiness runden das Programm ab. Rico spricht – diesmal im Pool – über Albumveröffentlichungen, „Pay to play“-Touren und Plattenverträge. Er muss es wissen. Seit vielen Jahren ist er selbst im Geschäft tätig und präsentiert unbeschönigt die teils harten Fakten und Schattenseiten der so romantischen Kunst. Er erzählt direkt aus dem Leben eines Drummers, der eine Familie mit seinem Job ernähren muss. „In 25 Jahren des Unterrichtens und Tourens habe ich viele Erfahrungen gesammelt. Das ist sicherlich nicht die Bibel, sondern einfach meine persönliche Quintessenz aus viel Üben, Spielen und Unterrichten.“
Als Vorbereitung auf ein Musikstudium sieht Rico sein Drum-Camp nicht. „Ich würde es eher als Check-up bezeichnen. Du gehst zehn Jahre zum selben Lehrer und profitierst davon, kommst wöchentlich weiter. Aber oft ist man in einem Film, man kennt sich wahnsinnig gut und weiß selbst nicht mehr genau, wo seine Schwächen und Stärken liegen.“
Der letzte Tag geht mit einer entspannten Drumset-Stunde zu Ende. Nach einem Erinnerungsfoto fahren wir zum nahen Flughafen. Er habe für das „Intensiv Drum Camp“ keine großen Zukunftsvisionen, meint Rico unterwegs. „Ich möchte das gar nicht so sehr pushen. Wenn jemand kommen möchte, finde ich das toll. Das Drum-Camp ist eine Sache für Interessierte, die einfach Bock haben, intensiv an sich zu arbeiten.“
Viel mehr als eine Handvoll Besucher im Jahr lässt Ricos mit Studioarbeit und Stoneman-Tourneen gefüllter Terminkalender ohnehin kaum zu. „Als Musiker arbeitest du an vielen Bausteinen, die am Ende den Kuchen geben. Wenn du nur unterrichtest, ist das nicht das Richtige. Wenn du nur tourst, siehst du 30-mal im Jahr die gleichen Locations. Erst der richtige Mix erfüllt dich. Als Musiker ist alles ein Hobby.“

Diesen und viele weitere spannende Artikel findet ihr in der DrumHeads!!-Ausgabe 3/17.