Rezension: "Hyperlapse" von Ozma

Mit "Hyperlapse" legt die französische Jazzrock-Combo Ozma im Frühjahr 2020 ihr achtes Album vor. Unser Autor Martell Beigang unterzieht die Platte einer ausführlichen Betrachtung.

 Ozma

„Hyperlapse“

 

Drums: Stéphane Scharlé

Genre: Jazzrock
 

Die französische Jazzrockband Ozma gibt es seit 2001. Mit Hyperlapse legen sie ihr achtes Album vor. Man hört der Band an, dass sie schon so lange zusammenarbeitet, denn das Zusammenspiel der einzelnen Bandmitglieder ist bemerkenswert tight.
Drummer der Band ist Stéphane Scharlé, der auch die Stücke komponiert hat. Die Band steht in der Tradition großer Jazzrock-Acts, wie Weather Report, Steps Ahead oder der Pat Metheny Group, aber schlägt durch Einsatz moderner Sounds und Rhythmen gekonnt den Bogen zu aktuellen Bands wie Snarky Puppy oder Vulfpeck.
Die Musik ist teilweise sehr komplex, was an Scharlés Vorliebe für ungerade Rhythmen liegt. Sie wirkt aber niemals überladen. Auch schwierige Passagen werden locker aus der Hüfte gespielt. Die Musiker der Band erwecken nie den Eindruck, mit ihrer Virtuosität angeben zu wollen. Diese steht immer im Dienst des Gesamtsounds. Durch ihre ungewöhnliche Besetzung mit Drums, Bass, Gitarre, Saxofon, Posaune und Keyboards hat die Band einen ganz eigenen, urbanen Sound kreiert. An Rockbands wie Rage Against the Machine erinnernde Riffs wechseln sich mit jazzigen oder gar weltmusikartigen Passagen ab. Die Themen sind meistens sehr melodiös und werden in einen lyrischen, manchmal fast pathetischen Rahmen gestellt. Scharlés Drumsound ist sehr jazzig und warm. Man hört jedoch, dass er gerne mal kräftig reinlangt. Sein Sound ist gut produziert, teilweise sehr satt komprimiert. Er benutzt aktuelle Cymbalsounds mit warmen Höhen, hat einige Effektbecken im Einsatz und benutzt eine zweite, sehr tief gestimmte Snare. Daneben hat er eine Vorliebe für das China, das er gerne benutzt, wenn die Band den Höhepunkt ihrer Dynamik erreicht.
Im Song „Spleen Party“ spielt er ein kurzes, sehr musikalisches Drumsolo über ein Riff. Guillaume Nuss spielt beeindruckend virtuos Posaune, die manchmal an Ray Anderson erinnert. Und Julien Soros‘ Saxophon klingt in den lyrischen Passagen wie Jan Gabarek. Durch die Gitarre von Tam de Villiers kommen interessante und rockige Sounds in die Musik, wodurch sie an manchen Stellen an Radiohead erinnert. Spannend wird es, wenn die Bläser die rockigen Riffs mitspielen, dann entsteht etwas ganz Eigenes und sehr Modernes. Sehr geschmackvoll setzt die Band moderne Synthiesounds ein. Dadurch schafft sie es, auch Zuhörer zu begeistern, die normalerweise keinen Zugang zum Jazz haben.
Die vorliegende Platte ist ein Konzeptalbum. Bei jedem Stück findet sich neben dem eigentlichen Namen noch eine Stadt, auf die es sich bezieht. Diese reichen von Hamburg bis Mumbay, was den weltmusikartigen Charakter der Musik illustriert und womöglich Bezug nimmt zu den vielen Stationen ihrer musikalischen Karriere, denn die Band hat bei ihren vielen Konzerten schon vier Kontinente bereist. Beim Hören der Musik von Ozma hat man selbst das Gefühl zu verreisen, man besucht bekannte Orte und entdeckt immer wieder Neues und bislang Ungehörtes. Manchmal durchstreifen die Musiker vom Jazzrock ausgehend freejazzige Sphären, was hauptsächlich an den energetischen Saxophonsoli liegt.
Wenn man den Anfang des Albums, das mit einem mystischen Sound und einem Synthie-Arpeggio beginnt, hört, könnte man auch eine Progrock-Platte erwarten. Wenn dann im weiteren Verlauf des Stückes das intensive Posaunensolo kommt, weiß man, dass die Band genau dieses Spiel mit verschiedenen Genres mag.
Das zweite Stück „Hyperlapse“ beginnt wie ein klassisches Jazzrockstück der 90er, durch ein coolen „Flat Eric“-artigen Sound in der Mitte klingt es plötzlich überraschend nach Nerve, der Band von Jojo Mayer. An diesem sehr offenen, sich eigentlich nie wirklich festlegen wollenden Konzept ließe sich der einzige Kritikpunkt an diesem Album festmachen. Denn wenn man sich nicht hunderprozentig auf diese Überraschungen einlassen möchte, könnte man das Ganze ziemlich „hyperaktiv“ nennen.
Das dritte Stück „Clay Army“ ist das konventionellste Jazzrock-Stück auf der Platte, es könnte so auch in jedem Jazzclub dieser Welt live erklingen, man kann es gar keiner bestimmten Zeit zuordnen. „A Leyla“ klingt nach dem Intro einer klassischen Hardrockband. Die Band steigt aber sehr lyrisch und mit einem poetischen Saxofonsolo ein. Scharlé spielt nur ein paar Cymbalsounds. Schön. „Spleen Party“ lebt durch weltmusikartige Klänge und das schon erwähnte musikalische Drumsolo. „Tuk Tuk Madness“ hat, wie der Name schon verspricht, einen sehr komplizierten Rhythmus. „Infinite Sadness“ ist ein sehr melancholisches Stück. Auch hier spielt Scharlé nur ein paar Sounds. Man kann ohnehin sagen, dass er als Drummer durchgehend sehr musikalisch agiert, trotz der komplexen Rhythmen keinen Schlag zu viel spielt. Er versucht nicht durch opulente Fills zu glänzen, sondern spielt eher atmosphärische Parts.
„Die Gilde“ ist ein locker groovender Zwölfachtel, leicht bluesig, aber durch seltsame Sounds angereichert. „One Night Bulawayo“ beginnt mit einem vertrackten Riff, das sich immer weiter verschachtelt, und unterstreicht nochmal die schlafwandlerische Sicherheit, mit der dieses Quintett zusammenspielt. „Entre Chien et loup“ ist ein klassischer Rausschmeißer, der auch gut eine Filmmusik zu einem Roadmovie sein könnte, mit viel Hall, Schweller-Gitarre und lyrischem Saxofon.
Unter dem Strich ist „Hyperlapse“ ein Album, das alle Jazzrockfans begeistern wird. Es belebt ein lange tot geglaubtes Genre und wagt den Versuch, der Musik, die in den Achtzigern und Neunzigern groß war, mit modernen Mitteln frische Aspekte abzugewinnen. Wer sich als Hörer auf interessante Überraschungen einlassen möchte, kommt hier auf seine Kosten. Die Platte könnte auch Hörern gefallen, die normalerweise um klassischen Jazz einen großen Bogen machen.

Bewertung: *****


Martell Beigang