Scott Travis im Porträt

Im letzten Jahr ist einiges passiert: Priest-Drumming-­Legende Dave Holland und Producer Chris Tsangarides sind verstorben, ­der an Parkinson erkrankte Axeman Glenn Tipton hat sich zurückgezogen. Wir haben Scott Travis zum Interview getroffen. Am 8. Mai startet die US-Tour der britischen Metal-Legenden.

Für Scott Travis ist „Firepower“ das siebte Album mit Judas Priest. Überraschendes findet sich im Kleingedruckten: Produced by Tom Allom. Der war der Architekt der Metamorphose aus dem Nichts zu Metal-Göttern. Zuvor und sehr lange waren Judas Priest eine Combo aus Nobodies mit wechselnden Drummern, unter Alloms Obhut und mit Dave Holland wurden sie zu den Hohepriestern des Metal.

Scott Travis gibt sich im Gespräch wie hinter seinem Drumkit: präzise und direkt. Dabei bleibt seine Miene immer so, wie wenn er sich nach einem Solo mit seinen 1,98 Metern hinter dem DW-Set aufrichtet: in Stein gemeißelt. Mit „Painkiller“, dem letzten vergoldeten Priest-Album, ist er in den Orden eingetreten, fast 30 Jahre diente er der Band sowie Rob Halford solo bei Fight.

„Stimmt“. Ich habe sehr lange mit ihnen gespielt.“ Wechsel zur Werbetrommel: „Das neue Album ist wahrscheinlich das beste, das wir seit "Painkiller" gemacht haben. Denn bei den Aufnahmen sind wir so vorgegangen wie damals. Wir haben es live in einem Raum eingespielt. Zumindest die Drumtracks. Ein paar Gitarrenspuren wurden vielleicht danach nochmal aufgenommen, auch der Gesang und solche Sachen ... Aber weil wir zusammen in einem Raum jammten, konnten wir uns das anhören und dann sehr oft nochmal nachbessern. So was haben wir seit fünfzehn, zwanzig Jahren nicht mehr gemacht.“ Was er nicht ausspricht: Alben wie die ohne Rob Halford („Demolition“ und „Jugulator“) inbegriffen.

„Firepower“ donnert auf jeden Fall frontal und direkt los und brettert weiter wie „Painkiller“. Auf Allom geht Travis weniger ein als auf Co-Producer Andy Sneap. Wie sich Wochen nach dem Gespräch herausstellt, ersetzt Sneap bei der kommenden Tournee Glenn Tipton an der Gitarre. Bleiben unterm Strich zwei Fünftel des klassischen Line-ups.

„Mit zwei Producern im Studio zu sein, war für mich und den Rest von Priest etwas ganz Neues. Und dann noch richtige Producer. Mit dem Sound hatte Andy offenbar eine Menge zu tun. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat er eine Menge aufgenommen, was ich als modernen Heavy Metal bezeichnen würde. Das letzte Mal, dass wir mit so jemandem gearbeitet haben, war bei "Painkiller" mit Chris Tsangarides. Seinem Aufnahmeprozess war der von "Firepower" sehr ähnlich. Und dazu war er ein Typ wie Tom, der sicher nichts von dem verloren hat, was ihn ausmacht.“

Das Coole an Scott ist, dass er sich ursprünglich bei Priest so beworben hat wie einst K.K. Downing: recht unkonventionell. Als der Gitarrist der Ur-Version von Judas Priest seinem Leben ein Ende bereitete, indem er sein Blech gegen einen Baum fuhr, bewarb sich Downing, weil er „den auf den Van gesprayten Bandnamen absolut tierisch“ fand. K.K. hatte seit Wochen mit einer Gitarre zu Schallplatten gespielt, die Bandgründer als alte Hasen schon im Vorprogramm von Bowie und Cat Stevens. Sie ließen ihn abblitzen.

Zwanzig Jahre später, nach einem Priest-Konzert im Hampton Coliseum von Virginia, überließ Scott Travis die anderen 10 000 Metalheads sich selbst und fuhr eine halbe Autostunde zum Sheraton Hotel, wo er sich schnurstracks in die Bar begab. „Ich fand, sie bräuchten einen anderen Drummer, vielleicht einen mit mehr Feuer“, erzählte er seinerzeit lachend. „Ich bin also in die Bar, Glenn war da, und ich hatte nicht mal ein Tape dabei. Also habe ich ihm ein paar Fotos von meinem Drumkit gezeigt, und er: ja, hm, hübsch.Dann habe ich ihn gefragt, was er von Dave Holland hält. Und er sagte: hm, ja, guter Mann.“ Ende des Vorstellungsgesprächs.

Bei unserem Gespräch im Januar 1991 am Swimmingpool des Rio Palace Hotel – kurz nach den Auftritten bei Rock in Rio II – wusste Scott nicht mehr, ob er das während der World Vengeance Tour, also am 7. Januar 1983 gemacht hatte, oder im April 1984 während der Metal Conqueror Tour.

Gewiss lässt sich festhalten: Details wie der Impuls für aktuelle Songs oder sonstiges Kleinklein tangieren ihn nicht. Lang wie eine Fahnenstange und ohne ein Gramm Speck fällt er auf, wie wenige Drummer. Anders als Nicko McBrain zu Iron Maiden kam er, ohne je auf Tour gewesen zu sein, zu einer der größten Metal-Bands, und danach ging es rein geschäftlich eher talab als bergauf. Kein Wunder, dass er seither mit seinem Grinsen sparsam haushält.

So kam Scott Travis zur Musik

1974 stellte Doris Scott ihrem Sohn sein erstes Schlagzeug unter den Weihnachtsbaum. Bis dahin hatte sich der 13-Jährige für Motocross begeistert und mehr mit dem Sound von abgesägten Endrohren und aufgebohrten Zylinderköpfen befasst als dem von Musik.

Seiner Mutter hat Musik, besonders das Singen, umso mehr bedeutet. Ausgebildet an der Juilliard School von New York, einem überaus renommierten Musikkonservatorium, sang sie nicht im Chor einer Kirche, sondern gleich bei dreien, Jahre vorher auch mal die National-Hymne vor Präsident Nixon.

Aber sie lebten in Virginia – tiefste Provinz, nicht wirklich Rock’n’Roll Heaven – und Scott wollte mehr. Er machte, was viele Drummer machen: studierte Led Zeppelin, speziell John Bonham, Rushs Neil Peart und Alex van Halen. Erst mit Highschool-Bands, später nach Feierabend in einem Reifencenter spielte er Evergreens von Heart und Zeppelin, „eine Zeitlang auch Saxon, Mötley Crüe, April Wine, Scorpions und Judas Priest.“

Der Job im Reifencenter finanzierte ihm ein Vistalite Octaplus von Ludwig. Eine Kleinanzeige in BAM, Musikergesuch, brachte ihn nach L.A. Mit dem als Mailorder-Metal-Gitarristenlehrer zu zartem Ruhm gelangten Doug Marks ging es ins Studio, auch für Fotos. Frisuren wurden frisiert. Doch auf dem Debüt von Hawk trommelte Matt Sorum (die Demos mit Scott wurden erst 24 Jahre später veröffentlicht). Immerhin, es war ein Job. Besser als Reifen wechseln, schlechter bezahlt als Schrauben sortieren.

Scott Travis: Double-Bass mit Groove

Es hätte so weitergehen und enden können wie für den ersten Drummer von Racer X (wer weiß noch, wie der hieß?), doch Scott ersetzte ihn. Kurz darauf gründete Shredder-Racer Paul Gilbert mit Billy Sheehan Mr. Big und holte sich Pat Torpey als Drummer. Scott – inzwischen Ende 20 – hatte wenig mehr als das Gefühl, mit seinem Intro zum Instrumental „Scarified“ etwas Außerordentliches erreicht zu haben. Immerhin war der Ex-Sänger von Racer X so freundlich, einem Nachbarn in Phoenix, Arizona, von Scotts Qualitäten zu erzählen. Der Nachbar, noch Sänger bei Judas Priest, hörte zu.

„Dann luden sie mich ein nach Spanien für die Auditions. Das war im November 1989. Wir spielten "Breaking the Law", "Victim of Changes", "You’ve Got Another Thing Coming" und ein paar Sachen von "Ram It Down". Nur ein anderer Anwärter wurde eingeflogen. Den bekam ich nie zu Gesicht.“

So wie an den Titel des Instrumentals von Racer X kann er sich an die des neuen Albums nicht erinnern. Umso genauer an sein Set: „Bei den Toms bin ich auf kleinere Größen umgestiegen. Wir haben diesmal mehr von den hohen Toms eingesetzt, 10er und 12er. Solche Sachen haben wir diesmal mehr in den Mix und in die Aufnahmen der Songs integriert – was Spaß gemacht hat, denn als Drummer wird mir manchmal langweilig vom immer gleichen Set-up. Es war schön, das Set ein bisschen anders aufzubauen. Ich hatte die Toms ohnehin, habe sie jetzt nur ein bisschen anders aufgestellt.“

Die Antwort auf seine Lieblingsstücke von „Firepower“ fällt vor Veröffentlichung etwas diffuser aus: "Die Platte ist ja noch nicht auf dem Markt, aber gerade gestern Abend habe ich mir noch mal alles angehört und da fand ich, mein Lieblingsstück ist ... Moment, ich muss mal nachgucken, wie die Tracks heißen... Ähm... Fuck, mir fällt nicht ein, wie das heißt. Ich persönlich finde sie alle super." Kurz ein paar Schritte zum Kleingedruckten. "Mir persönlich gefällt "Lone Wolf" sehr gut, ich denke, das ist ein großartiger Song. Aber mein Lieblingssong ist zur Zeit vermutlich "Rising from Ruins". Das ist eher Midtempo, hat aber viel Double-Bass, allerdings einen Double-Bass-Groove, keine durchgehämmerte Double-Bass. Das fand ich recht nett.“

Scott Travis - eine menschliche Maschine

Double-Bassdrums, wie gleich zu seinem Start mit „Painkiller“ in die Gehörgänge von Millionen Metal-Maniacs gebolzt, sind das, woran man bei Scott Travis denkt und woran man sich immer erinnern wird. Jeff Martin, der Nachbar Halfords, dazu: „Er ist ein Perfektionist, eine menschliche Maschine – und sicher der beste Double-Bass-Drummer, den es derzeit gibt.“

Besonders einflussreich war in dieser Hinsicht für Scott Travis ein Priest-Drummer. „Les Binks!“ Nicht Dave Holland. „Weder auf "Screaming for Vengeance" noch "Defenders of the Faith" ist mir sein Double-Bass-Spiel aufgefallen. Aber Les Binks hat einiges gemacht, was mich ganz sicher sehr beeinflusst hat. Aber in der Hinsicht habe ich wahrscheinlich irgendwie einen eigenen Zugang. 32-tel oder 64-tel durchspielen: Vielen wird da vielleicht manchmal langweilig. Aber ich empfinde das als sehr effektiv für meinen Groove, sozusagen als Phil Rudd der Double-Bass. Selbstverständlich geht es vor allem um den Groove. Das ist es, wie man die Leute packen will, wo sie sich packen lassen – ganz speziell Leute, die gar keine Drummer sind. Und das ist beim Großteil des Publikums der Fall. Die allermeisten sind auch keine Musiker. Deshalb muss man ihnen einen guten Groove hinlegen, der sie mitnimmt, der musikalisch passt.“

Auf neue Inspirationen angesprochen – nach den Genannten – fallen ihm einige ein, die ihn nach 1991 überrascht haben. „Ray Luzier von Korn, Deen Castronovo, der jetzt bei Alice Cooper ist und früher mit dem Typ von Journey [Neal Schon] bei Hardline war, oder auch der Typ, wie heißt er noch, der bei Slipknot war?“

Joey Jordison. Warum sollte er auch all die Namen kennen? Er ist der Drummer, sein Job ist es, den Fans einen Groove hinzulegen, der sie packt. Und das macht er ja auch – so wie wenige Drummer. Ihm ist das genug.

„Früher bin ich zu Konzerten gegangen“, zitiert ihn ein Buch über Promis aus Virginia, „zu Rush oder Van Halen oder so. Mich hat das so umgehauen, dass ich mir sagte: Mann, so ein Job wäre verdammt viel besser als Reifen wechseln.“
Stimmt. Lässt es sich perfekter sagen?

Judas Priest: Das sind die Tourdaten für 2020

17.02. Dortmund, Westfalenhalle

24.02. Berlin, Mercedes-Benz Arena

03.03. Hamburg, Barclaycard Arena

05.03. Munich, Olympiahalle

07.03. Mannheim, SAP Arena

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