Vinnie Paul: Härte ohne Ende

Wenige Stunden nach dem Tod von Vinnie Paul twitterten Tausende ihr Beileid, unter ihnen ein Heer namhafter Kollegen. Selten zuvor ist so schnell an einen Metal-Musiker erinnert worden, und dann auch noch einen Drummer.

Fast die komplette Garde der Metal-Aristokratie bekundete ihre Anteilnahme. Selbst Musiker von Gruppen, die lange vor Pantera Alarm machten: Black Sabbath, Kiss, Van Halen, Ratt, Metallica, Mötley Crüe, Anthrax, Slayer, Megadeth, Living Colour, Obituary, Dream Theater, auch Slash, Zakk Wylde, Jerry Cantrell...
Mit klitzekleinem Augenmerk auf die musikalischen Verdienste stand die folgende Generation stramm und salutierte. So wie es sich Vincent Paul Abbott gewünscht hatte, erschallte bei seiner Beerdigung Appetite For Destruction.
In eine Klasse mit Keith Moon, John Bonham oder Cozy Powell ist Vinnie Paul nicht aufgestiegen. Dass so viele ihre Anteilnahme ausdrückten, bleibt beeindruckend und überraschend. Geschuldet ist dies sicher auch, aber nicht nur, den Sozialen Medien. Auch Skid Rows Sebastian Bach versendete Stunden nach der Todesnachricht ein Video, in dem er heult wie ein Schlosshund, wirklich völlig am Boden. Souverän wie ein Staatsmann verlas Bill Ward auf Instagram ein Gedicht für den nun Ruhenden.

An den 54-Jährigen erinnern sich viele, auch die meisten Drummer, als einen Freund, eine immer positive Inspiration – einen Kerl, mit dem man so schön gesoffen hatte. „Thank you for all the good times“, twitterte Lars Ulrich, „your incredible hospitality and warm vibe was infectious and inspiring. Here’s to another shot of Crown Royal“. Kurzes anstoßen also mit 40-prozentigem Whisky, kanadischem, dem bestverkauften in den USA.

Statt Blumen warfen denn auch viele Trauernde eine Bottle auf den frisch versenkten Sarg (gestaltet wie der seines Bruders Dimebag Darrell im Jahr 2004 wie für einen Angehörigen der Kiss-Army). Destruktion, Saufen, Kiss und Army – eine Menge Klischees. Doch was ihn bewegte und ausmachte, waren auch ein paar andere Sachen, und die waren nicht immer die handelsüblichen.

Pantera: Retter des Heavy Metal

Man muss es sich nicht schön saufen: Pantera waren außerordentlich. Und amerikanisch wie Smith & Wesson, Harley-Davidson, der 7-Liter-Big-Block-V8 einer Corvette, gut für 435 PS.
Cowboys From Hell kam 1990 wie aus dem Nirgendwo und steinhart wie keine CD zuvor. Der Nachfolger Vulgar Display Of Power zementierte den ersten Eindruck. Statt von Extreme Metal war nun von Groove Metal die Rede. Metallica lief inzwischen im Bistro-Wagon von IC-Zügen, Guns'N’Roses in jeder Boutique, und Slayer hatten sich fest in ihr Eck gebolzt. Da kamen Pantera und verliehen der thrashigen Härte einen neuen Dreh. 1:1 wie der Refrain: A new level of confidence and power. In der Genealogie von Heavy Metal schlicht herausragend. Die Mühlen des Establishments mahlen langsam, und so folgten Grammy-Nominierungen für die beste „Metal Performance“ erst 1995, 1997, 1998 und 2001. Da hatte sich das texanische Quartett längst an seinen eigenen Qualitäten zerrieben. Es ist weder ein Verklären der Vergangenheit, noch ist es posthum herbeigeschwindelte Trauer, wenn man festhält:

Mit zwei Alben positionierten sich Pantera in einer Liga mit den allergrößten Rockbands, das folgende Far Beyond Driven ging direkt in die Charts – in den USA schnurstracks auf Nummer 1. Für Scott Ian von Anthrax war es „unfassbar – man kann sagen, zu der Zeit waren sie die Band, die Heavy Metal gerettet hat.“

Pantera ließen es dermaßen krachen, dass es in der letzten Dekade des verebbenden Jahrhunderts jedem Metal-Head die Schädeldecke abgerissen hat. Nicht mit dem harten Brett von Black Sabbath, nicht stählern wie Judas Priest, sondern – wie die messerscharf exekutierte Evolution davon: knochentrocken wie Beton. Und präzise wie von einem Computerprogramm.

Die Anfänge von Pantera

Wie Pantera stets betonten, waren sie keine Overnight-Sensation. Angefangen hatten sie zeitgleich mit Metallica oder Mötley Crüe schon 1981. Inspiriert von Kiss, Kiss, Priest, Sabbath, Van Halen und noch mal Kiss. So klangen auch die ersten Alben, speziell die Texte. Wenn sie gut waren, klangen sie wie Accept. Tempo spielte eine Rolle, auch das Shredding von Vinnies Bruder Darrell und – nach dem Abgang des ersten Sängers (semi-offiziell der Pete Best des Heavy Metal) – die Präsenz und Persönlichkeit von Phil Anselmo. Er war essenziell, er war so aggressionsaffin wie die anderen, und so gesehen auch instrumental im Verrennen in Sackgassen: nur noch lautstarke Hasstiraden und mehr als bloßer Appetit auf Selbstzerstörung. Das Ende war tragisch – und vorprogrammiert.

Schon 1994 deklarierte Modern Drummer in einer Titelstory, essenziell für den Sound sei Vinnie Paul. So wie die ganze Band habe „The King of Thrash-Metal Drumming“ einen Hang zum Extremen. Und weiter: „Seine Doublebass-Technik – eine treibende, unerbittliche Vorführung von schierer Power – ist auch ein Lehrstück in Präzision.

So sehr seine bionischen Füße Aufmerksamkeit verdienen, so treffsicher ist seine komplette Herangehensweise an sein Schlagzeugspiel. So sehr sich seine zermalmenden Grooves in die Tiefe drehen, dabei für schwere Heavyness sorgen, so sehr beeindruckt er mit mehr Kreativität als die meisten seiner Zeitgenossen.“

Später in seinem Leben, 2010 mit Hellyeah, hat er sich von diesem sackschweren Grooven entfernt, ebenso dem maschinenmäßigen Spiel – oder Sound. Auch wenn es so klang, hat er im Studio niemals Trigger eingesetzt. Nur live, speziell in Stadien hat er damit gearbeitet (allerdings nur als Zutat, reingemixt in den natürlichen Sound). Vinnie war ein harter Handwerker, aber auch ein Tüftler. So wie sein Bruder kein großer Denker war, aber in den Jahren vor dem Durchbruch ein emsiger Arbeiter. Der Schlüssel zu dem essenziellen Beitrag, den in die Bassdrums mit Beinen statt Füßen gehämmerten Figuren, setzte sich aus zweierlei zusammen: Sound, also Aufnahmetechnik, und Spiel, also Jahre des konsequenten Übens.

Vinnie Pauls und Dimebag Darrells Weg zur Musik

Dafür begeben wir uns zu den Anfängen, in eine Ortschaft am westlichen Stadtrand von Dallas, Texas. Vincent und sein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder Darrell Lance Abbott wuchsen in einer Gegend auf, für die sich viele, die wegziehen, schämen. Die meisten bleiben, viele sind Proleten, die sich anti-intellektuell, sexistisch und rassistisch wie Rednecks gerieren. Während der Highschool-Zeit jobbt Vinnie Paul bei McDonald’s, mit einem Schulfreund – dem Bassisten Rex Brown – auch bei Fotomat, einer Art Foto-Labor mit Drop-off im Vorbeifahren nach Stopp an der Tankstelle. Zum Glück der Abbott-Brüder weiß man in ihrer Familie, dass man mit Finesse auch als Musiker über die Runden kommen kann. Der Vater betreibt mit wechselnden Teilhabern ein Tonstudio. Pantego Sound, Raper Boulevard, Hausnummer 2210. Klingt wie eine Top-Adresse. In Wahrheit ist der Boulevard ein grober Zementstreifen im Industriegebiet.

Vorne, gegenüber von Dan’s Auto/Truck Repair hält die Christ Community Church in einer Wellblechbaracke Meetings für Anonyme Alkoholiker ab, der Rest sind Schuppen, Brachland, Großmärkte für Baumaschinen und am Ende der Sackgasse das Studio. In Eigenregie zusammengekloppt, vorne drei nichtssagende Stahltüren, die Mauern fensterlos, obendrauf ein Dach. Drinnen ab 1980 eine 24-Spurmaschine, Aufnahmeraum sieben mal zehn Meter und in einer Abstellkammer das Schlagzeug. Hier haben Pantera aufgenommen und abgemixt, auch als sie – nach 28 Absagen – einen Majordeal an Land gezogen hatten.
Mit Country-Musik hatte Vater Abbott einige Jobs und Jahre des Tingelns hinter sich, als der kleine Darrell zu seinem 12. Geburtstag einen Les Paul Nachbau bekam – und als allererstes einstudierte, wie sich der Look Ace Frehleys aufs Gesicht malen ließ.

Im selben Jahr landete der Vater mit I Want A Little Cowboy einen Hit. Seinen kleinen Jungs – den späteren Cowboys from Hell – konnte er offenbar nicht nein sagen (analog dazu die B-Seite der in den Billboard-Charts bis Position 63 gekrakselten Single: When It Comes To Cowgirls (I Just Can‘t Say „No“). Vinnie, 1978 bereits Teenager, probte im Blasorchester der Highschool, wie man den Leuten den Marsch bläst ... und Darrell verkroch sich in seinem Kinderzimmer. »Als er da sechs oder sieben Wochen später rauskam«, so der ältere Bruder, „bat er mich um einen Jam, und wir spielten als erstes Smoke On The Water. Zwei Stunden, nonstop.“

Jetzt übte auch Darrell kontinuierlich, wie ein Besessener, als die Ozzy Osbourne-Alben mit Randy Rhoads erschienen. Mit dem von Jazz ziemlich angetanem Rex Brown nutzte Vinnie, was die Schule an Möglichkeiten bot: „Wir gingen früh in den Proberaum und spielten meistens 2112 von Rush rauf und runter – auch wenn der Lehrer gerade irgendwas erklärte, weshalb wir öfter rausgeschmissen wurden.“
Als die beiden Brüder – komplettiert mit Rex und dem Sänger, alle in Spandex-Hosen wie Saxon, Ace oder Mötley Crüe – Nietennägel mit Köpfen machten, erforschte auch Vinnie die Ozzy-Alben sowie Tommy Lees Doublebass-Spiel auf Live Wire. Schnell fand er heraus, dass Tommy Aldridge zwar nicht auf den Ozzy-Alben gespielt hatte, allerdings „bei Pat Travers lauter coole Fill-ins mit zwei Bassdrums spielte.

Vinnie Paul und Pantera: Groove und Thrash

Mit den Füßen kann man ja dasselbe spielen wie mit den Händen, nur ist es mit den Bassdrums eben cooler als mit jedem anderen Teil. Als mir mein Vater eine zweite Bassdrum gab, fing ich an, damit systematisch zu üben.

Weil es mir immer um Power gegangen ist, habe ich das so betrieben wie mit der Snare in den Marching Bands: Tagelang nur Sechzehntel, bis der linke Fuß nicht mehr konnte. Am nächsten Tag etwas schneller, gelegentlich auch mal mit Doppelschlägen oder Auslassungen rechts. Wie in Becoming, wo ich mit dem linken Fuß die Downbeats spiele und rechts mit Doppelschlägen galoppiere. Von Tommy Aldridge, der mich einfach umgehauen hat – habe ich auch übernommen, was für jeden, der mit einer Bassdrum angefangen hat, extrem hilfreich ist: Achtel, später Sechzehntel immer mit dem linken Fuß beginnen. Das kommt ganz natürlich, denn mit dem Fuß ist man es ja gewohnt, auf die Geraden zu gehen, während der rechte schon gelernt hat, abseits davon Offbeats zu spielen.“

Dem Magazin Rhythm gegenüber offenbarte er 2007 in einer Coverstory: „Bei Alex van Halen hat mich dann beeindruckt, wie er Doublebass sowohl für kleine Breaks einsetzt, aber auch, um die Band anzutreiben. Neil Peart benutzt die zweite Bassdrum sparsamer, aber wenn, dann super effektiv. Auch da habe ich mir viel abgeguckt. Und der Doublebass-Drummer, dessen Drive mich am meisten inspiriert hat, war Mikkey Dee, schon als er bei King Diamond war.“
Was manchem paradox erscheint – Groove und Thrash – ging in Psycho Holiday auf den älteren der Van Halen Brüder zurück. Den maschinell wie von Vinnies Füßen gehackten Gitarren-Riff (mit nicht ultra-originellen Akkordwechseln) wollte Vinnie „nicht einfach auf den Bassdrums begleiten, das wäre zu doof" – oder zu viel des Guten.

Equipment von Vinnie Paul

Drums: ddrum Vinnie Paul Signature

  •     24 x 24'' Bassdrum
  •     14 x 14'' Tom
  •     15 x 15'' Tom
  •     18 x 18'' Floortom
  •     14 x 8'' Snaredrum

Becken: Sabian AA

  •     12'' Ice Bell
  •     14'' AA Rock HiHat
  •     18'' AA Rock Crash
  •     19'' AA Rock Crash
  •     20'' AA Chinese
  •     22'' HH Power Bell Ride

Stöcke: Vic Firth Vinnie Paul (SVP) (Vinnie spielte seine Stöcke umgedreht)
Felle: Evans
Sonstiges: ddrum Trigger

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