Workshop: Fills und Licks kreativ integrieren

Fills und Licks sind das Salz in der Suppe des Drummers und lockern jeden Groove auf. Im ersten Teil seiner Workshop-Reihe "Creative Fills" zeigt euch Tobias Mertens, wie ihr auf geschmackvolle Weise Fills und Licks in euer Spiel integriert. Los geht es in der ersten Folge mit linearen und binären Fills.

Herzlich willkommen zur neuen Workshop-Reihe "Creative Fills". Im ersten Drum Workshop dieses umfangreichen Themas stelle ich Fills und Licks aus verschiedenen Musikstilen vor und möchte eure eigene Fill-Kreativität durch einfache Konzepte bereichern.

In diesem ersten Teil geht es um lineare und binäre Drum Fills, die dem Funk/Rock-Genre naheliegen. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und Lernen!

Lineares Spiel bedeutet im Schlagzeugkosmos, dass immer nur eine Gliedmaße zur gleichen Zeit spielt und keine gleichzeitigen ("unisono") Schläge passieren. Dieses lineare Spiel stellt eine Herausforderung an die Koordinations dar und erfordert eine akkurate Ausführung im Mikrotiming.

Der "richtige" Sound für lineare Drum Fills entsteht erst durch Flow, Präzision und Dynamik.

Ein großer Vorteil linearer Drum Fills ist, dass sie meist komplex und fast undurchschaubar für den Zuhörer klingen, sodass man sehr virtuos und trotzdem musikalisch agieren kann.

Außerdem lassen sich verschiedene lineare Drum Fills sehr gut kombinieren, indem man sie verknüpft, Teile auslässt und ersetzt. Sie ­lassen sich theoretisch sehr leicht in andere Notenwerte adaptieren, sodass allein ein einziger Drum Fill unendliches Potential für kreative Variationen in sich birgt.

Große Verfechter des linearen Spiels im Funk-Kontext sind beispielsweise David ­Garibaldi und Rick Latham, aber auch die "Gospel-Chops"-Koryphäen wie Chris Coleman und Tony Royster Jr. 

Get Your Groove On

Beispiel 1 des Drum Workshops liegt ein typisch funky-anmutender Groove zu Grunde (Beispiel 1a), dessen Bassdrumpattern wir extrahieren (Beispiel 1b).

Füllt man die Pausen zwischen den Bassdrumnoten im Sechzentelnotenraster auf interessante Weise auf, entsteht ein lineares Drum Fill (Beispiel 1c). Auf diese Weise passt der Drum Fill meist hervorragend zum Groove, da die Bassdrumfigur als Grundelement bestehen bleibt. 

Außerdem ist der Drum Fill so orchestriert, dass die Snaredrum auch im Drum Fill die Backbeats auf den Zählzeiten zwei und vier spielt. 

Für eure Mitmusiker erscheint ein Drum Fill mit gleichbleibender Bassdrum-Groovefigur und Backbeat als besonders musikalisch. 

Ihr erhaltet den Flow des Grooves, spielt aber trotzdem eine klare musikalische Variation. Aufgefüllt ist dieser Drum Fill nur mit Toms und der Snaredrum. Der Handsatz muss nicht zwingend so ausgeführt werden. 

Abhängig von eurem Setup könnt ihr ihn gegebenenfalls anpassen.

Übt zunächst den Groove, dann die extrahierte Bassdrumfigur und zu guter Letzt den Fill.

Es ist wichtig für alle Beispiele dieses Drum Workshops, dass ihr die Bassdrumfigur, während ihr den Drum Fill spielt, hören und erkennen könnt. Sie ist der wichtigste Bezugspunkt des Drum Fills. Abschließend spielt ihr den Groove dreimal und den Drum Fill einmal (Beispiel 1d)

Dieses viertaktige Schema solltet ihr auf alle folgenden Beispiele anwenden.

Hi-Hat und Snare

Wir bewegen uns weiterhin in durchgehenden Sechzentelnoten, aber orchestrieren diesmal nur zwischen Hi-Hat und Snaredrum.

Hier gilt wieder das gleiche Verfahren (Aufgabenteile A bis D) wie in Beispiel 1.

  • zunächst übt ihr nur den Groove (Beispiel 2a)
  • dann nur die extrahierte Bassdrumfigur (Beispiel 2b)
  • erst am Ende den neuen Drum Fill (Beispiel 2c)
  • Schließlich wendet ihr das viertaktige Schema an (Beispiel 2d), in dem ihr den Groove dreimal und den Drum Fill einmal spielt. 

Der Handsatz darf auch hier gegebenenfalls angepasst werden und ist nicht in Stein gemeißelt.

Die Fortgeschrittenen unter euch können sich außerdem Gedanken über den Sound des Drum Fills machen. Ihr könntet einige Snareschläge als Rimshots, einige als normale Headstrokes spielen. 

Die Hi-Hat kann mit dem Tip des Sticks von oben oder mit dem Schaft des Sticks an der Seite gespielt werden. So kann dem Fill noch mehr Leben eingehaucht werden.

Achtet auf die Dynamik! 

Beispiel 3 des Drum Workshops zeigt einen neuen Ansatz, wie ihr mit der extrahierten Bassdrumfigur als Grundelement einen Drum Fill entstehen lassen könnt.

Die Figur wird mit eurer führenden Hand über die Kessel (FT, TT, SD) gespielt, während die untergeordnete Hand auf der Snaredrum die Pausen im Sechzehntelraster auffüllt.

Achtet darauf, die dynamischen Unterschiede zwischen Ghost-Notes auf der Snaredrum und lauten Schlägen auf den Toms akkurat auszuführen. 

Bedenkt außerdem, dass die tiefe Tom noch etwas mehr Punch bekommen darf, als die hohe Tom. Tiefere Frequenzen müssen durch etwas mehr Kraftaufwand "in Wallungen gebracht werden", damit die Lautstärkeverhältnisse zwischen den Toms gleich sind. 

Es ist zum Beispiel meist unangenehm, wenn eine Tom viel lauter als die andere auf den Overhead oder Raummikros zu hören ist. 

Dies kann kein Toningenieur beeinflussen, das liegt bei euch.

Die Verfahrensweise (Aufgabenteil A bis D) ist ansonsten identisch mit den Beispielen 1 und 2.

Bei Bedarf auffüllen

In Beispiel 4 geht es darum, nicht mehr alle Sechzehntelpausen aufzufüllen, sondern nur einige, die ihr frei auswählen könnt. Ich finde es interessant, die letzte Sechzehntelnote auf der Hi-Hat zu platzieren, um dem Groove noch genauer angepasst zu sein. Außerdem erscheint der Übergang vom Drum Fill in den Groove dadurch vielleicht noch etwas flüssiger.

Die Verfahrensweise ist wieder identisch zu den vorherigen Beispielen und der Handsatz nur ein Vorschlag.

Setzt einen Kontrapunkt

Diesmal drehen wir den Spieß um und spielen die extrahierte Bassdrumfigur mit der Snaredrum (Beispiele 5a-d). Die aufzufüllenden Sechzehntelpausen spielen wir mit der Bassdrum.

Dieser Interpretationsansatz des Rhythmustextes der ursprünglichen Bassdrumfigur stellt einen krasseren Gegensatz zum Groove dar, als wir es bislang in diesem Drum Workshop vollzogen haben.

Mit diesem Drum Fill setzt ihr musikalisch einen klaren Kontrapunkt zum Groove, was interessant sein kann. Die Snaredrumschläge dürfen gerne kraftvoll als Rimshots gespielt werden. Außerdem könntet ihr selbstständig einige von ihnen auf die Toms orchestrieren. Der Handsatz darf wie immer als reiner Vorschlag verstanden werden.

Immer locker bleiben

Der Unterschied zwischen linearem Groove und Drum Fill im Funkkontext ist manchmal nicht so deutlich, wie in anderen Genres.

Grundsätzlich sind Funk-Grooves und Funk-Fills im Stil von zum Beispiel David Garibaldi sehr "busy" gespielt, da im Notenbild wenig Pausen zu sehen und damit zu hören sind. Hier kommt es vor allem auf den Sound an. Es ist wichtig, dass die Grooves trotz vieler Noten nicht hektisch klingen, sondern schön "smooth" und "locker" daherkommen.

Dies erreicht man vor allem, indem man die unterschiedlichen Dynamiken beachtet, beispielsweise zwischen Ghost Notes und Rimshots. In den oberen Beispielen des Drum Workshops habe ich einige Tipps zu Dynamik und Spielweise gegeben. Im Notenbild sind die Ghost-Notes auf der Snare immer in Klammern geschrieben.

Die dynamische Spielweise akkurat zu beachten, gilt gleichermaßen für die linearen Drum Fills, die ihr in diesem Drum Workshop kennengelernt habt.

Die Grooves in den Beispielen sind nicht ausschließlich linear.

Eure kreative Aufgabe ist nun, die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten von extrahierten Bassdrumfiguren (auch rhythmische Texte genannt) auf andere Grooves und Figuren anzuwenden.

Dabei wünsche ich euch viel Spaß!!

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